Kategorie: Literaturkultur

Alte neue Denkräume: Die Benjamin-Brecht-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste

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Treffen sich zwei Intellektuelle zum Schachspielen … So könnte auch ein schlechter Gelehrtenwitz beginnen. Gemeint sind in diesem Fall aber niemand geringeres als einer der wichtigsten Denker der Moderne – Walter Benjamin – und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts – Bertolt Brecht. Ihrer Freundschaft und dem gemeinsamen Schaffen hat die Akademie der Künste in Berlin nun eine Ausstellung gewidmet. Weiterlesen

Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

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Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist. Weiterlesen

„wir leben hier, seit wir geboren sind“: Ein Gespräch mit dem Autor Andreas Moster

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Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist vielleicht die Entdeckung der letzten Monate. Sein Debütroman ist mutig, weil er gegen den allgemeinen Trend des Autobiographischen anschreibt, er ist kunstvoll, weil er eine Sprache findet, die den Leser zum Fremden macht und er eine Erzählung schafft, die eine höhere Wahrheit in sich birgt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was für ihn Literatur ausmacht, was er von manchen Blüten der Gegenwartsliteratur hält und wann er Erfahrungen mit der Fremde macht. Weiterlesen

Matti Geschonnecks „In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Der letzte Geburtstag der DDR

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Ohne die Kunst wäre die DDR vielleicht schon längst vergessen. Während die Politik das Gedenken und Sprechen über die ostdeutsche Republik beinahe schon fast aufgegeben hat und letzte Lücken, die das realsozialistische Regime in die Städte der Deutschen geschlagen hat, mit wilhelminischem Kitsch aufschüttet, ist die DDR in der Kulturindustrie ein ewiger Dauerbrenner. Merkwürdigerweise nicht nur in Deutschland, auch in Übersee hat man das Thema für sich entdeckt (Franzens „Purity“ oder Stephen Kings „Bridge of Spy“), überall will man sich etwas über den Spießersozialismus der untergegangenen DDR erzählen. Eins der besseren Bücher über diese Zeit stammt von Eugen Ruge, der mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ damals einen echten Kritikererfolg feierte. Nun hat der arrivierte Fernsehregisseur Matti Geschonneck den Stoff auf die Kinoleinwand gebracht. Weiterlesen

A.O. Scotts „Kritik üben“: Gegen die Urteilsverzagtheit

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Der amerikanische Filmkritiker A.O. Scott hat eine Idee davon bekommen, wie viel Relevanz die Kritik in der Gegenwart noch hat. Nachdem er Marvels „The Avengers“ zum Anlass eines Frontalangriffs gegen die Franchise-Politik der großen US-Studios nahm, die die filmische Ästhetik zwingt, sich immer weiter ins Brachiale aufzublasen, hatte Samuel L. Jackson, Darsteller des Films, genug. Er blies auf Twitter zum Gegenangriff und hetzte zumindest digital eine Horde empfindlicher Marvel-Anhänger auf den Kritiker los. Am Ende ist niemand zu Schaden gekommen, wahrscheinlich hat die erzeugte Aufmerksamkeit sogar beiden Seiten genutzt. Dennoch zeigt die Anekdote: So oft die Kritik auch totgesagt wird, am Ende finden sich dennoch immer wieder Menschen, die sich über sie erregen und sie dadurch am Leben halten. Mit „Kritik üben“ ist A.O. Scotts neustes Buch nun in Deutschland erschienen und hat erfreulicherweise den lebensberaterischen Anklang des Originals („Better living through criticism“) hinter sich gelassen. „Kritik üben“ ist idealistisch und gleichzeitig selbstkritisch und weiß schlüssig und unterhaltsam darzulegen, wieso ein ausgeprägtes Verständnis für eine demokratische Gesellschaft unabdingbar ist. Weiterlesen

»Die meisten Figuren sind das, was sie tun.« Blogbuster-Kandidatin Chrizzi Heinen im Gespräch

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Chrizzi Heinen steht mit ihrem Text „Das schwarze Loch“ auf der Longlist des Blogbuster-Preises 2017. Überzeugt hat die Berlinerin mit einem ungewöhnlichen Plot, einer Erzählstimme mit Wiederkennungswert, mit Humor und Mut zu formellen Spielereien. Nun hat sie Auskunft über ihr künstlerisches Schaffen, ihre literarischen Vorbilder und den Schreibprozess gegeben. Weiterlesen

Chrizzi Heinens „Das schwarze Loch“: Der Blogbuster-Roman von Zeilensprünge

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Es ist soweit: der Favorit, mit dem Zeilensprünge in den Blogbuster-Wettbewerb ziehen wird, steht fest. Nach der eingängigen Prüfung, zahllosen Diskussionen und einigen grauen Haaren ist die Wahl auf einen Text gefallen. „Das schwarze Loch“ heißt er und stammt von der Berliner Autorin Chrizzi Heinen. Darin beschreibt sie, wie Ich-Erzählerin Hildi ein ungewöhnliches Erbe antritt: Ein schwarzes Loch wird in ihrem Badezimmer installiert. Während schlechte Texte das Unfassbare gnadenlos ausschlachten würden, ist das astronomische Phänomen in „Das schwarze Loch“ ein stiller, saugkräftiger Begleiter der Geschichte einer Freundschaft, einer Liebe, einer Stadt. Weiterlesen

Blogbuster: Die Erkundung der eigenen Fähigkeiten

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Mit dem Jahreswechsel startete auch der Blogbuster-Wettbewerb in eine zweite, entscheidende Phase. Nachdem sich am Ende insgesamt 250 Bewerbungen aufgestapelt hatten, geht es nun ans Sichten, Manuskripte anfordern und sich entscheiden. Fünfzehn Blogger suchen nach dem nächsten großen Talent, nicht ohne Risiko. Denn der deutschsprachige Literaturbetrieb ist ein feinmaschiges Netz, das Talent schon da entdeckt, wo es erst zu keimen beginnt. Die Schreibschulen haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass jungen Autoren meist schon in einem frühen Stadium die Vollversorgung der Agenturen zuteil wird. Was werden beim Wettbewerb also für Texte eingereicht? Eine kleine Einsicht in den Blogbuster-Stapel von Zeilensprünge. Weiterlesen

2016: Zehn Bücher, die bleiben

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Wer das Jahr 2016 noch irgendwie retten möchte, der kann es vielleicht mithilfe der Literatur versuchen. 2016 war das Jahr eines Literaturnobelpreisträgers, der kein Literat ist, das Jahr, in dem das Ferrante-Fieber Deutschland erreicht hat und das Jahr einer sehr langweiligen Buchpreis-Longlist. Vor allem aber war 2016 ein Jahr mit guter Literatur. Hier sind die – natürlich wieder offiziell und objektiv ermittelten – zehn besten Veröffentlichungen dieses Jahres:

Christian Kracht: Die Toten
Ein neuer Kracht-Roman ohne Kontroverse? Das geht nicht. Hat sich auch Jürgen Kaube gedacht und seinem Kollegen Scheck ans Bein gepinkelt. Kracht lässt sich von so viel Streitlust nicht beeindrucken und hat mit „Die Toten“ den Roman des Jahres geschrieben.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex
Weil Thomas Glavinic immer so viel Thomas Glavinic sagt, glaubt die deutschsprachige Kulturlandschaft Thomas Glavinic würde nur über Thomas Glavinic schreiben. Auch „Der Jonas-Komplex“ ist wieder deutlich schlauer als seine Leser.

Jörg Magenau: Princeton 66
Wer sich immer schon geärgert hat, zu jung und untalentiert zu sein, um auf eine Tagung der Gruppe 47 eingeladen worden zu sein, sollte „Princeton 66“ lesen. Aus Jörg Magenaus großartigem Buch qualmt Grass’scher Pfeifendampf.

Don DeLillo: Zero K
Don DeLillo schreibt seit mehr als 40 Jahren großartige Bücher und scheint im Alter noch besser zu werden. Auch „Zero K“ ist wieder radikal und groß.

Anja Kümmel: V oder die vierte Wand
Anja Kümmels Roman „V oder die vierte Wand“ zu lesen, heißt Geschichte noch mal ganz anders zu denken. In einer Fülle von Zukunftsvisionen, die 2016 erdacht worden sind, ist „V“ ein echtes Highlight.

Chaim Noll: Schlaflos in Tel Aviv
„Schlaflos in Tel Aviv“ versammelt Erzählungen, die jede für sich, aber vor allem in ihrer intelligenten Anordnung wirken und ein facettenreiches Bild von deutsch-jüdischer Identität gestern, heute und morgen vermitteln. Chaim Nolls Erzählband ist der beste des Jahres.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran
Das vielleicht beste und vielversprechendste Debüt des Jahres hat Shida Bazyar vorgelegt: „Nachts ist es leise in Teheran“ ist brillant strukturiert, poetisch, hochaktuell und zeitlos zugleich. Bitte mehr davon!

Maxim Biller: Biografie
Ja, Maxim Biller ist umstritten. Die Lektüre seines 900 Seiten starken Monumentalromans „Biografie“ ist aber ohne Frage ein Vergnügen. Voll klugem Humor und dabei bitterernst, inspiriert von Roth und Bellow, aber mit unverwechselbarem Biller-Sound – das schaffen nicht viele.

Nis-Momme Stockmann: Der Fuchs
Dystopien und Endzeitphantasien haben Konjunktur. Stockmanns „Fuchs“ wagt nicht nur das fiktionale Denkexperiment der Apokalypse, sondern auch ein poetologisches Experiment. Im wahrsten Sinne des Wortes: fantastisch!

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie
Alfred Kerr war der Reich-Ranicki der späten Kaiserzeit und der Weimarer Republik: Geliebt, gefürchtet, bewundert, geschätzt. Endlich kommt er dank Deborah Vietor-Engländer zu einer wohlverdienten Biographie, die seine Bedeutung für die deutschsprachige Literatur und das Theater des 20. Jahrhunderts verdeutlicht, genauestens recherchiert ist und einen Einblick in das Werk des Großmeisters gibt.

2016: Zehn Romane zum Vergessen

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Ein weiteres Jahr geht zu Ende. Pünktlich zu Weihnachten scheuern sich die deutschen B-Promis auf den Ledercouchen der öffentlich-rechtlichen Sender die Hintern wund, um auf ein schauderhaftes Jahr zurückzublicken, während das Feuilleton und Literaturblogs die besten Publikationen des Jahres Revue passieren lassen. Doch ist 2016 nicht auch genauso auch die Summe seiner literarischen Ärgernisse und Enttäuschungen? Hier daher die offizielle, total objektive und allgemeingültige Liste der schlechtesten Bücher 2016. Weiterlesen