Kategorie: Longlist 2015

Frank Witzel: Die Ästhetik des Widerständigen

Witzel

Frank Witzel hat den diesjährigen Buchpreis gewonnen und ganz Deutschland frohlockt: Die Jury hat Schneid bewiesen und ist nicht dem schon sicher geglaubten Sieger Ulrich Peltzer gefolgt. Sie hat auch keine gefühlige Entscheidung für Erpenbeck gefällt, die das Buch der Stunde geschrieben zu haben scheint. Die Wahl ist auf den Outsider Witzel gefallen, dessen megalomanischen Roman das Feuilleton schon lange vor der Entscheidung in den Literaturolymp gehoben hat. Die Jury hat damit nicht nur Courage gezeigt, sondern vor allem – so könnte man meinen – auf den Vorwurf reagiert, der schon lange an sie herangetragen wird: Der Buchpreis sei eine riesige Marketingmaschine, in dessen Jury zu viele sitzen, die direkt oder indirekt an der Vergabe des Preises profitieren: Der Buchhändler als Entscheidender darüber, welches Buch ausgezeichnet wird, das er danach dann auch noch verkaufen darf. Mit Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ haben sie nun alles, aber keinen potentiellen Beststeller ausgezeichnet. Zu dornig, zu sperrig ist der Text für den Durchschnittsleser. Die Jury hat damit die wirtschaftliche Konjunkturspritze für das eigene Prestige geopfert. Weiterlesen

Der Geniestreich: Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Setz_Frau und Gitarre

Wer „Indigo“ mochte, wird „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ lieben. Mit seinem neuen, knapp über tausend Seiten umfassenden Roman hat sich der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz selbst übertroffen und das vielleicht beste Buch des Jahres veröffentlicht, das inhaltlich und handwerklich auf ganzer Linie überzeugt. Man sei gewarnt: dieser Roman macht süchtig. Umso skandalöser ist es, dass Setz es zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, die Nominierung für die Shortlist jedoch ausblieb. Weiterlesen

Ein deutscher Japaner in Paris: „Der Fuchs und Dr. Shimamura“

Shimamura

1906 schrieb der deutsche Psychiater Dr. Ernst Jentsch in seinem Aufsatz „Zur Psychologie des Unheimlichen“: „Der Naturmensch bevölkert seine Umgebung mit Dämonen, kleine Kinder sprechen in allem Ernste mit einem Stuhle, ihrem Löffel, einem alten Fetzen u.s.w. und schlagen voll Zorn auf leblose Dinge ein, um sie zu strafen. Selbst im hochcultivierten Hellas wohnte noch eine Dryas in jedem Baum. Es ist deshalb nicht erstaunlich, wenn den Menschen das, was er selbst von seinem eigenen Wesen halbbewusst in die Dinge hineingelegt hat, jetzt an diesen Dingen wiederum zu schrecken beginnt, dass er die Geister, die der eigene Kopf erschuf, aus diesem nicht immer zu bannen im Stande ist.“ Weiterlesen

Opfer und Täter: Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“

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Zuschauer der ersten Neuauflage des Literarischen Quartetts am 2. Oktober wohnten dem Verriss von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ bei, der von Juli Zeh in die Sendung mitgebracht wurde und dieses Jahr auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht. Bis auf Zeh, die wohlbemerkt bereits mit Trojanow zusammen arbeitete und befreundet ist, waren sich alle einig: der neue Roman von Trojanow sei unzugänglich, langweilig und zeige keine Entwicklung auf Handlungs- oder Figurenebene, „Macht und Widerstand“ sei kein lesenswertes Buch. Stimmt das? Weiterlesen

„Das bessere Leben“: Ideenland ist abgebrannt

Peltzer

Würde man Wetten auf den Gewinner des Deutschen Buchpreises abschließen, Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ würde wohl die niedrigste Gewinnquote erzielen. Der in Berlin lebende Romancier gilt als großer Favorit für den diesjährigen Preis. Auch Peltzers vorherige Romane, genauso wie seine Zusammenarbeit mit Regisseur Christoph Hochhäusler für den Film „Unter dir die Stadt“ haben positive Resonanz im Feuilleton gefunden. Nun positioniert er sich mit „Das bessere Leben“ in einer Debatte über unsere Gegenwart und wie sie es mit großen Utopien vom Fortschritt hält. Weiterlesen

Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

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Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet.  Weiterlesen

Die trotzige Monarchin: „Wie ihr wollt“

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Es gibt Orte, Zeiten und Personen, zu denen die Literatur immer wieder zurückkehrt. Zuletzt ließ sich die Wiederkehr der Kassandra im Prenzlauer Berg beobachten. Dass nun ein Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht, welches in das Elisabethanische Zeitalter eintaucht, ist kurios und logisch zu gleich. Die deutsche Literatur hatte schon immer ein sehr inniges Verhältnis zu dieser Epoche. Die Weimarer Klassiker haben die Shakespeare-Rezeption in Deutschland vorangetrieben, seitdem sind er und seine Zeit ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes. Inger-Maria Mahlke erzählt genau aus dieser Epoche in ihrem neuesten Roman „Wie ihr wollt“ eine tragikomische Geschichte einer Frau, die nicht viel mehr möchte, als Selbstbestimmung.

Das 16. Jahrhundert fällt unter die weniger angenehmen Zeiten Britanniens. Weiterlesen

Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“

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Das dystopische Szenario einer postapokalyptischen Welt ohne Menschen ist ein Topos, der in den letzten Jahren vor allem zahlreiche Popcorn-Hollywood-Filme hervorbrachte: man denke da an die Eiszeit in Day after tomorrow, I am legend nach dem gleichnamigen Roman von Richard Matheson mit Will Smith in der Hauptrolle und zahlreiche Zombiefilme.

In der deutschsprachigen Belletristik scheint sich das dystopische Endzeit-Genre nun einer neuen literarischen Beliebtheit zu erfreuen. Neben dem brillianten Erstling „Winters Garten“ von Valerie Fritsch, das den Vorabend des Weltuntergangs imaginiert, ist Heinz Helles Roman Eigentlich müssten wir tanzen der zweite apokalyptische Text aus dem Hause Suhrkamp auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Hier haben fünf Jugendfreunde den Untergang der menschlichen Zivilisation zufällig überlebt, als sie sich auf Wochenendurlaub in einer abgelegenen Hütte in den Alpen befinden. Helle erzählt in neunundsechzig Kurzkapiteln von ihrer gemeinsamen Wanderung durch die verwüstete Landschaft zwischen Deutschland und Österreich in einer „aus den Fugen geratenen Welt“.  Weiterlesen

Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

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Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht.  Weiterlesen

„89/90″ – Das Leben in der Nische

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Kaum eine Diskussion innerhalb der deutschen Literatur ist so verbissen geführt worden wie jene um die literarische Verarbeitung der Wende. Es mag eine verworrene Ansicht sein, die davon ausgeht, jedes große Ereignis müsste seine literarische Entsprechung finden, doch der Deutsche wollte nach 1990 gefälligst seinen „Wenderoman“ aufgetischt bekommen. Als einer der Ersten wurde Günter Grass am Nasenring in die Manege gezerrt und schließlich für sein „Weites Feld“ ordentlich verprügelt. Danach haben sich dutzende Schriftsteller, bewusst oder unbewusst, West oder Ost, daran versucht – so richtig zufrieden war die deutsche Öffentlichkeit nie. 25 Jahre später, so würde man denken, ist die Sache gegessen. Doch dann kommt auf einmal Peter Richter mit seinem Roman „89/90“ um die Ecke und belehrt eines Besseren: Über die Wende kann höchst relevant und vor allem sehr unterhaltsam erzählt werden.

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