Kategorie: Rezensionen

Jochen Schmidts „Zuckersand“: Es grönemeyert

Zuckersand

Kindermund tut Wahrheit kund, Kinder sind unsere Zukunft, Kinder an die Macht – die deutsche Sprache ist wahrlich voll von Floskeln über Kinder. Auch in die entgegengesetzte Richtung: Kinder können so grausam sein! Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, doch wer würde schon jenen widersprechen wollen, die das Kindsein zu einem paradiesischen Zustand unverfälschter Wahrheit hochstilisieren, schließlich ist die Kulturgeschichte reich an kinderhassenden Schreckensfiguren. Das Kind in sich zu bewahren ist mittlerweile das Lebensziel einer ganzen Generation geworden. Die Großstädte sind voll von Mittdreißigern, die im erarbeiteten Wohlstand der Babyboomer-Generation großgeworden sind und in Sorglosigkeit die eigene Jugend verlängern. Das mag noch niemanden zum Vorwurf erwachsen, doch die lebensklügsten Zeitgenossen erwachsen aus solch einem Milieu nicht. Für diese Generation hat Jochen Schmidt nun den Roman „Zuckersand“ geschrieben, der sich anstatt für Erzählkunst für gegrönemeyerte Aphorismen entscheidet. Weiterlesen

Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere

wir leben hier, seit wir geboren sind (1)

Die Gegenwartsliteratur ist fest in der Hand eines tristen Realismus‘. Die ganze Gegenwartsliteratur? Nein, ein paar wenige leisten Widerstand. Doch die großen Helden unserer Tage sind die Knausgards mit ihren realistischen Klogangchroniken, die Glavinics und Meyerhoffs. Wiedererkennen möchte sich der Leser in diesen meist autobiographischen Stoffen, anschlussfähig soll es sein, an die eigene Lebenswelt. Früher hat die Literatur einmal die Aufgabe übernommen, den Leser mit dem Fremden zu konfrontieren, heute ist gute Literatur jene, die einen Alltag vorführt, der genauso öde ist, wie der des Lesers. Dabei ist es gerade die Fähigkeit der Kunst, dem Konsumenten mit Differenzerfahrungen zu konfrontieren, ihre große Leistung – wie Gesellschaften reagieren, die den Umgang mit dem Fremden verlernt hat, sieht man im Europa dieser Tage. Weil Andreas Moster, Übersetzer und Romandebütant, es wagt, die Literatur an den Punkt des Unbekannten zu führen, ist ihm ein echter Wurf gelungen. Weiterlesen

Nora Bossongs „Rotlicht“: Fremdkörper Frau

Rotlicht

Das Licht der Aufklärung sollte einst in die Welt getragen werden, um gegen das Dunkel der Unterdrückung, der Knechtschaft und des Irrationalen anzukämpfen. Doch die größere Konstante der Menschheitsgeschichte ist eigentlich ein anderes Licht, nicht umsonst ist die Rede vom ältesten Gewerbe der Welt: das Rotlicht. Dieses Licht bringt keine Klarheit in die Welt, erhellt nicht, sondern soll verdecken, einen Schutzraum der Anonymität schaffen. Licht, das die Welt dunkler werden lässt. Das Rotlicht-Milieu war immer beides: zu Unrecht romantisierter Hort der Kriminalität und gleichzeitig verruchtes Mysterium, das dem Anschein des Subversiven anhängt. Keine Frage, dass von dieser Ambivalenz keiner so gut erzählen kann wie die Literatur und über die verschiedenen Jahrhunderte tat sie das auch ausgiebig. Nora Bossong hat sich in ihrem neuen Buch ins Rotlicht gewagt und beweist dabei nicht immer klare Sicht. Weiterlesen

Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“: Nichts passt mehr zusammen

Die stillen Trabanten

Wer die immer noch spürbaren Folgen der Wende erkunden möchte, der darf nicht in die Innenstädte Ostberlins, Leipzig oder Dresden schauen. Dort wird der Umbruch nur noch über die deutlich, die nicht mehr da ist. Vielmehr muss man in die Trabantenstädte gehen, dort, wo die sozialistischen Machthaber dachten, sie könnten eine neue Gesellschaft auf dem Reisbrett entwerfen, fernab von dem kulturellen Erbe, das sich in den verfallenden Altstadtbezirken transportierte. Heute sind sie Ruinenstädte, von Geistern bevölkert. Mit „Die stillen Trabanten“ bringt Clemens Meyer diese abseitig-jenseitigen Orte wieder zum Sprechen. Weiterlesen

Heinz Strunks „Jürgen“: Back to earth

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Häme ist im Fall Heinz Strunk unangebracht. Eigentlich kann man sich Charaktere wie ihn im Literaturbetrieb nur wünschen. Strunk ist ein Outsider. Den Weg der Literatur hat er als Quereinsteiger genommen, davor war er als etwas quatschiger Spaßvogel im Fernsehen und in der Musikbranche bekannt. Mit „Der goldene Handschuh“ katapultierte er sich selbst ins Hochfeuilleton. Anstatt sich, wie die meisten, mit Teflon zu überziehen und den Ruhm still an sich abtropfen zu lassen, stolzierte Strunk mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend. Die große FAZ in Form von Jürgen Kaube hatte sich dazu herabgelassen, sich mit seinem Text zu beschäftigen! Die naive Freude des Heinz S. war eine angenehme Abwechslung und berechtigt war sie auch noch, denn „Der goldene Handschuh“ war tatsächlich ein großartiger Text. Nun ist Strunks nächster Roman „Jürgen“ erschienen. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist, so war wohl der Gedanke, anders kann man dieses Tempo nicht erklären. Leider hat sich Strunk daran die Finger verbrannt. Weiterlesen

Anfang oder Ende? Julia Wolfs „Walter Nowak bleibt liegen“

Wolf-Walter Nowak bleibt liegen

Bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur im letzten Sommer las Julia Wolf in Klagenfurt ihren Text „Walter Nowak bleibt liegen“. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis wurde sie nicht ausgezeichnet, wohl aber mit dem 3sat-Preis. Nun ist unter dem gleichen Titel der vollständige Roman erschienen. Weiterlesen

Ulrich Holbeins „Knallmasse“: Per Identitätskrise durch die Galaxie

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Die ZEIT nannte ihn „Dandy mit Adorno-Ohren“, die taz einen „Einsiedler im prallen Leben“, er sich selbst „Mutter Theresa“ – Ulrich Holbein ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Sein Werk wurde immer mit den Größten verglichen, mal Arno Schmidt, mal Jean Paul. Seine ersten Texte sind bei Suhrkamp erschienen, seit der Entzweiung mäandert das Werk Holbeins durch die deutsche Verlagsgeschichte. Nun ist der Autor im homunculus Verlag angekommen, was wie die perfekte Ehe wirkt. Mit „Knallmasse“ wurde dort ein früher Roman Holbeins wiederaufgelegt, in schönem neuen Gewand. Weiterlesen

Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

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Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen

Wie Gott in Frankreich: Anne Webers „Kirio“

Weber-Kirio

„Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.“ So begründet die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse die Nominierung von „Kirio“, dem neuen Roman von Anne Weber. Gewonnen hat am Ende Natascha Wodin. Vielleicht, weil der Text sich nicht als Schelmenroman, sondern als „Heiligenlegende“ versteht, wie es der Klappentext verkündet? Weiterlesen

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Tiere für Fortgeschrittene

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen