Kategorie: Rezensionen

Schrei nach Liebe? Lukas Rietzschels „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Kaum ein Buch hat in diesem Literaturherbst so viel Aufmerksamkeit erfahren wie der Roman von Lukas Rietzschel. Buchhändler und Blogs wurden bereits Monate vor Veröffentlichung mit „Mit der Faust in die Welt schlagen“ beschickt, der Verlag lud Presse und BloggerInnen zu einem Tagesausflug samt Autor nach Sachsen ein, zum Erscheinungstermin gab es ein überdimensionales Schaufenster im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann im Coverdesign und vor allem gab es jede Menge Presse. Das alles ist insofern überraschend, da es sich um einen Debütroman handelt. Rietzschels Buch wird als „das Buch der Stunde“ gehandelt – zu Recht? Weiterlesen

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“: Gegen das Verstummen anschreiben

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“ gehörte mit zu den großen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis – nur um dann nicht mal auf der Longlist zu stehen. Das kann man der Jury vielleicht nicht mal verübeln, schließlich ist „Schattenfroh“ sicherlich eins der herausforderndsten Bücher der letzten Zeit, obwohl man natürlich immer hofft, dass die Leute, die darüber entscheiden, welche Werke beachtet, ins Rampenlicht gestellt und ausgezeichnet werden, ein Sensorium dafür haben, wo Saisonware aufhört und große Literatur anfängt. Zu letzterem gehört „Schattenfroh“ in jedem Fall, auch oder gerade weil man sich daran die Zähne ausbeißt, verzweifelt und sich eine blutige Nase holt. Weiterlesen

Who’s watching? „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

Höher, schneller, weiter: Im Big Data-Zeitalter ist so gut wie alles messbar. Vom Schritt- und Stockwerkzähler am Handgelenk oder im Smartphone über die Smartwatch, die nicht nur die körperliche Betätigung, sondern auch Puls und Schlafrhythmus dokumentiert, bis zur Auswertung der eigenen ’sozialen Performance‘ in den sozialen Netzwerken über Likes und Shares – der Mensch des 21. Jahrhunderts ist gläsern, vor sich selbst, aber auch vor anderen. Wohin das führen könnte erzählt Julia von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“. Weiterlesen

Lisa Hallidays „Asymmetry“: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Philip Roth hatte jahrelang teuflische Rückenschmerzen. Philip Roth zog im hohen Alter nach New York. Philip Roth war jüdisch und kam aus New Ark. Roth liebte Essen aus dem Deli. Er hatte ein Faible für die europäischen Schriftsteller, allen voran Kafka und Thomas Mann. Philip Roth hatte wohl selbst damit gerechnet, dass er irgendwann mal den Nobelpreis erhält. Und Philip Roth hatte einen feinen Humor. All das wusste man über Philip Roth und es bestimmte sein öffentliches Bild. Man meinte dies auch zu wissen, weil Roth diese Themen immer wieder selbst in seinen Romanen thematisiert hat und dutzende Figuren geschaffen hat, allen voran Nathan Zuckerman, die immer wieder zu Alter Egos erklärt wurden. Roth öffentliches Bild war also immer ein Amalgan aus der historisch verbürgten Person und verschiedenster literarischer Figuren. So scheint es folgerichtig, dass der US-amerikanische Schriftsteller in Lisa Hallidays „Asymmetry“ nach seinem Tod als Figur wieder auftaucht. Weiterlesen

Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres? Weiterlesen

Kein Blatt ist unbeschrieben: Mercedes Lauensteins „Blanca“

In jeder Jugend kommt der Punkt, an dem man am liebsten die sieben Sachen packen und von zu Hause weglaufen möchte. Einige verschwinden wirklich für ein paar Stunden, bei anderen bleibt das Ausreißen nur Gedankenspiel. Wenn das Ziel auch individuell variiert – es geht um die Reise, und die ist aufregend, abenteuerlich, alles andere als Alltag.
In Mercedes Lauensteins Roman „Blanca“ ist es die gleichnamige Protagonistin, die ganz allein nach Italien aufbricht: ein literarischer Roadtrip mit Höhen und Tiefen. Weiterlesen

David Lynchs/Kristine McKennas „Traumwelten: Bürgermeister von Fear City

David Lynch als vielseitig begabt zu beschreiben, wäre eine hanebüchene Untertreibung. Er ist Filme- und Serienmacher, Musiker, Schriftsteller, Geschäftsmann, bildender Künstler und spiritueller Führer. Obwohl die bildende Kunst seine erste Liebe war und er sich – so scheint es – dieser Leidenschaft mit zunehmenden Alter wieder mehr widmet, hat sich Lynch spätestens mit „Twin Peaks“ in das Herz der popkulturinteressierten Masse hineingedreht. Lynch, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, ist in der letzten Lebens- und Werkphase angekommen. Klassischerweise ist das die Zeit, in der man Bilanz zieht. Das hat er nun in „Traumwelten“ getan, das – alles andere wäre höchst verwunderlich – auch aus der klassischen Form fällt. Weiterlesen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

Marina Perezaguas „Hiroshima“: Little Boy, Little Girl

Perezagua-Hiroshima

Der 6. August 1945, an dem „Little Boy“ in die Welt kam, veränderte den Lauf der Geschichte: Die erste militärisch eingesetzte Atombombe, die ein Flieger der US Air Force über Hiroshima abwarf, beendete nicht nur den vorangegangen atomaren Rüstungswettlauf zwischen Nazi-Deutschland und den Alliierten, sondern schlug ein neues, trauriges Kapitel der Kriegsführung auf. „Hiroshima“, der Debütroman der spanischen Autorin Marina Perezagua, erzählt die Geschichte einer Überlebenden. Weiterlesen