Kategorie: Sachbuch

Nora Bossongs „Rotlicht“: Fremdkörper Frau

Rotlicht

Das Licht der Aufklärung sollte einst in die Welt getragen werden, um gegen das Dunkel der Unterdrückung, der Knechtschaft und des Irrationalen anzukämpfen. Doch die größere Konstante der Menschheitsgeschichte ist eigentlich ein anderes Licht, nicht umsonst ist die Rede vom ältesten Gewerbe der Welt: das Rotlicht. Dieses Licht bringt keine Klarheit in die Welt, erhellt nicht, sondern soll verdecken, einen Schutzraum der Anonymität schaffen. Licht, das die Welt dunkler werden lässt. Das Rotlicht-Milieu war immer beides: zu Unrecht romantisierter Hort der Kriminalität und gleichzeitig verruchtes Mysterium, das dem Anschein des Subversiven anhängt. Keine Frage, dass von dieser Ambivalenz keiner so gut erzählen kann wie die Literatur und über die verschiedenen Jahrhunderte tat sie das auch ausgiebig. Nora Bossong hat sich in ihrem neuen Buch ins Rotlicht gewagt und beweist dabei nicht immer klare Sicht. Weiterlesen

Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

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Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen

Klaus Nüchterns „Kontintent Doderer“: Ein verspäteter Autor

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Mit „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ ist Karl Ignatz Hennetmairs ein wahrer Husarenstreich gelungen. Ein Jahr machte sich Bernhards enger Freund jeden Abend Notizen über den Tag, den er mit Österreichs begabtesten Grantlers verbrachte. Das mag ethisch zwar zweifelhaft sein, denn Bernhard sagte er davon nichts, doch es ist der Grund, wieso der Nachwelt eine ganz besonders aufschlussreiche Anekdote überliefert ist: Hennetmair und Bernhard sitzen im Jahr 1966 vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten. Plötzlich springt Bernhard auf, klatscht in die Hände und ruft: „Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komm ich.“ Grund seiner Freude war makabererweise der Tod Heimito von Doderers. So viele diese kleine Szene über Bernhard verraten mag, noch viel mehr offenbart sie über die österreichische Nachkriegsliteratur. Denn tatsächlich schien bis zu seinem Tod kein Weg an Doderer vorbeizuführen – er war der letzte übriggebliebene Großschriftsteller der Vorkriegszeit. Damit es soweit kommen konnte, brauchte Doderer mehr Glück als er vielleicht verdiente, der deutschsprachigen Literatur wären sonst jedoch brillante Texte entgangen. Heimito von Doderers Werk ist ausufernd, weswegen die Bezeichnung „Kontinent“ keinesfalls übertrieben scheint. Diesen Kontinent entdeckt Klaus Nüchtern, der an die Bernhard-Anekdote erinnert, in seinem neuen Buch für den Leser neu. Weiterlesen

Jan-Werner Müller: „Was ist Populismus?“ Zu viel!

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Der US-amerikanische Vorwahlkampf hatte dieses Jahr beinahe zwei Sensationen zu bieten: Neben einem wildgewordenen Reality-TV-Star, der seinen Namen gerne auf möglichst große Gebäude pflastert und schließlich republikanischer Präsidentschaftskandidat wurde, brachte auf der politischen Gegenseite ein 75-jähriger Senator aus Vermont die demokratische Führung in Unruhe. Der eigentlich parteiunabhängige Bernie Sanders schaffte etwas, was seiner Rivalin Hillary Clinton bis heute nicht zu gelingen scheint: junge Wähler mit einem sozialen Programm wieder für die Politik zu gewinnen. Sanders überforderte die komplette politische Berichterstattung. So sah sich der konservative Fox-Moderator Bill O’Reilly gemüßigt, Sanders als die linke Entsprechung von Trump zu bezeichnen und beide in den gleichen Populismus-Topf zu werfen. Mittlerweile ist alles als populistisch, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – von der griechischen Syriza-Bewegung über Spaniens Podemos, die AfD und Orbáns Fidesz-Partei –, womit die Unterschiede verschwimmen. Zeit für eine Theorie des Populismus, was sich auch der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller gedacht hat und mit „Was ist Populismus?“ ein Essay vorlegt. Weiterlesen

Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Traum vom Jahre Null“

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Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele: im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der alliierten Besatzungsmächte scheinen ihnen Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos. Weiterlesen

Jörg Magenaus „Princeton 66“: Ein Käfig voller Narren

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Für die Gruppe 47 war der Besuch in Princeton der Auftritt auf der ganz großen Bühne, bevor sie ein Jahr später ein unrühmliches Ende finden sollte. 1967 in Waidenfeld wollte die sozialistisch-aufgepeitschte Jugend von ihnen nichts mehr wissen und trieb sie mit ihren „Dichter, Dichter“-Rufen in ihrem Hotel, der Pulvermühle, zusammen. Das mussten sie ein Jahr zuvor nicht fürchten. Die amerikanischen Studenten waren damit beschäftigt, den eigenen Staat für den Vietnam-Krieg anzuklagen. Dieses Princeton-Treffen im Jahr 1966 war vieles: ein letztes Aufbäumen einer literarischen Nicht-Gruppe, die die Nachkriegszeit dominiert hat, ein heftiger Kampf über die Frage, wie es die Versammelten mit der Literatur und der Politik hielten und die Geburtsstunde einer öffentlichen Figur namens Peter Handke, der ein eigentümlicher Revolutionär war. Mit Jörg Magenaus „Princeton 66“ ist nun endlich ein Text erschienen, der all diese Diskussionen, Episoden und Szenen in einem furiosen Buch zusammenführt, das zu dem besten gehört, was auf dem Feld des Sachbuchs in letzter Zeit erschienen ist. Weiterlesen

Oliver Hilmes‘ „Berlin 1936“: Sechzehn Tage Farce

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Das Jahr 1936 bedeutete für das Dritte Reich die Rückkehr auf die große Weltbühne. Nach drei Jahren der innerpolitischen und –parteilichen Konsolidierung wagten die Nationalsozialisten im März ihren ersten großen Streich. Frühmorgens marschierten plötzlich Verbände der Wehrmacht ins Rheinland ein, die deutsche Reichsführung brach damit internationale Verträge, was jedoch in der europäischen Öffentlichkeit nur zarte Proteste provozierte. Die Westmächte waren kriegsmüde und hatten wenig Interesse daran, eine Eskalation herbeizuführen. Im gleichen Jahr fand jedoch auch die größte Publicity-Aktion des Dritten Reiches statt. 1936 waren die Olympischen Spiele nach Berlin gekommen. Es war der erste und letzte große Versuch, Nazi-Deutschland vor den Augen der Welt ein freundliches Gesicht zu geben und seine wahren Absichten zu verschleiern. Diesen sechzehn Tagen hat Oliver Hilmes nun einen kaleidoskopischen Text gewidmet, kundig und hochinteressant. Weiterlesen

Steffen Martus: Die Entzauberung der Aufklärung

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Die Aufklärung ist die Epoche, in der der Mensch das selbstständige Denken gelernt hat. So besagt das Klischee. Doch während der Kant’sche Ausspruch vom Ausweg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in jedermanns Ohr klingt und man Voltaire auch gerade noch in Sanssouci herumwandern sieht, ist die Aufklärung als Summe ihrer Akteure weitgehend in den akademischen Diskurs abgesunken. Wenn man dieses Zeitalter als jenes begreift, das den Westen als politisches Projekt definiert hat, dann lohnt ein Blick zurück, gerade in Zeiten, wo dieses Projekt zur Disposition steht. Dieser Aufgabe hat sich der Berliner Germanist Steffen Martus gestellt und ein vom Umfang monumentales Werk zu Papier gebracht, welches dem Image der Aufklärung einem nüchternen Blick entgegenstellt. Weiterlesen

James Wood: Die Kunst des Erzählens

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Wer sich mit Literatur auseinandersetzen will – sei es als Kritiker, Schriftsteller oder als ambitionierter Leser – muss sich mit Erzähltheoretischem auseinandersetzen. Die literaturwissenschaftliche Narratologie ist bis heute primär geprägt von F.K. Stanzel und Gérard Genette, deren theoretische Schriften das Fundament des Diskurses bilden.

In Die Kunst des Erzählens präsentiert James Wood, der den Lehrstuhl für praktische Literaturkritik in Harvard innehält, seine narratologische Überlegungen in insgesamt 123 Teil-Abschnitten. Sein Ton ist jedoch nicht der eines Professors. Die Kunst des Erzählens möchte keinen neuen theoretischen Ansatz begründen und auch nicht Lehrbuch sein. Wood reflektiert anhand praktischer Textbeispiele die Möglichkeiten von Erzählprosa und Realismus in Vergangenheit und Gegenwart. Weiterlesen