Kategorie: Sachbuch

Wolfgang Wills »Athen oder Sparta«: Thukydidelum

Der Peloponnesische Krieg hat in diesem Jahr endgültig in die Populärkultur Einzug gehalten. Da führte nämlich der neuste Teil der »Assasins Creed«-Videospielreihe in den Konflikt der griechischen Antike ein. Einer der im Spiel keine Rolle spielt, ist der General und Historiker Thukydides, was insofern seltsam ist, als dass er nicht nur eine hohe Position in der Athenischen Elite einnahm, sondern auch mit seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges den zentralen Text lieferte, der das Bild dieses Konfliktes bis heute bestimmt. Diesem Text entlang ist der Althistoriker Wolfgang Will nun noch einmal gefolgt und erzählt den Peloponnesischen Krieg erneut. Weiterlesen

Nicolai Hannigs »Kalkulierte Gefahren«: Vom Naturschutz zum Naturschutz

Das 21. Jahrhundert könnte ein Jahrhundert der Naturkatastrophen werden. Während das 20. eines der menschgemachten Katastrophen war, entsteht durch immer häufigere Ereignisse wie Waldbrände, Erdbeben, Taifune etc. und die begleitenden, immer lauter werdenden Klimaproteste die Vision, dass die größte Herausforderung dieses Mal von der Natur ausgehen könnte. Der Mensch hat schon immer mit Naturkatastrophen gerungen. Doch während mit dem Eintritt ins Anthropozän lange die Vorstellung herrschte, man könnte die Natur beherrschen und ihren zerstörerischen Einfluss eindämmen, gilt es jetzt scheinbar nur noch das schlimmste zu verhindern. Wie der Mensch begonnen hat, Natur zu planen, das beschreibt Nicolai Hannig in seinem Buch »Kalkulierte Gefahren«. Weiterlesen

Frank Biess‘ „Republik der Angst“: Angst, Angst, Angst sind alle meine Farben

Die „German Angst“ ist ein internationales Phänomen. Die angeblich leichtentzündliche, leicht zu hysterisierende Art der Deutschen hat weltweit von sich Reden gemacht. Grund genug für den Historiker Frank Biess der Deutschen Angst jünger Geschichte eine eigene historische Studie zu widmen, führt sie doch zwei Themen, die gerade en vogue sind, zusammen: Politische Emotionsforschung und die Rückschau auf das westliche Nachkriegsdeutschland. Doch kann man die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte der Angst erzählen, ohne Gefahr zu laufen, in allem nur Angst zu erkennen? Es gibt Anlass zum Zweifel. Weiterlesen

Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Ulrike Mosers „Schwindsucht“: Die Krankheit mit den vielen Namen

Krankheiten gibt es viele. Manche sind so alltäglich, dass sie vom Menschen stoisch ertragen werden, andere sind so besonders und selten, dass sie kaum ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Und dann gibt es Krankheiten, die so verheerend sind und Gesellschaften radikal prägen, dass sie zu einem Zeitzeichen werden. Einst war es die Pest, die ganze Landstriche leerfegte, jüngst war es HIV, der Virus, der zu einem Umschlagpunkt einer sich sexuell-befreienden Gesellschaft gedeutet wurde. Krankheiten prägen den Menschen nicht nur auf basale Weise in seiner körperlichen Verfasstheit, sie prägen auch wie Gesellschaften über sich selbst nachdenken, wie Ulrike Moser in ihrem Buch „Schwindsucht“ darzustellen versucht. Weiterlesen

James Q. Whitmans „Hitlers amerikanisches Vorbild“: Das große Unbehagen

Die amerikanischen Rassengesetze sind in letzter Zeit wieder häufig Thema. Vor allem weil die USA in Form von Diskriminierungen immer noch unter dem Joch ihrer rassistischen Vergangenheit leidet. Die diskriminierende und segregierende Gesetzgebung, die die Gesellschaft der Vereinigten Staaten lange teilte und dessen Auswirkungen bis heute nicht überwunden sind, werden vor allem immer als amerikanische Thematik verhandelt, obwohl sich Vergleiche beispielsweise zum System Südafrikas anbieten würden. Die Verbindungslinien, die der Jurist James Q. Whitman in seiner Publikation „Hitlers amerikanisches Vorbild“ zieht, erstaunen: Die Nürnberger Rassengesetze sollen ihre Inspiration in den USA gefunden haben? Ein Gedanke, der auch dem Autor unheimlich ist. Weiterlesen

Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft. Weiterlesen

Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen

Klaus Nüchterns „Kontintent Doderer“: Ein verspäteter Autor

Mit „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ ist Karl Ignatz Hennetmairs ein wahrer Husarenstreich gelungen. Ein Jahr machte sich Bernhards enger Freund jeden Abend Notizen über den Tag, den er mit Österreichs begabtesten Grantlers verbrachte. Das mag ethisch zwar zweifelhaft sein, denn Bernhard sagte er davon nichts, doch es ist der Grund, wieso der Nachwelt eine ganz besonders aufschlussreiche Anekdote überliefert ist: Hennetmair und Bernhard sitzen im Jahr 1966 vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten. Plötzlich springt Bernhard auf, klatscht in die Hände und ruft: „Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komm ich.“ Grund seiner Freude war makabererweise der Tod Heimito von Doderers. So viele diese kleine Szene über Bernhard verraten mag, noch viel mehr offenbart sie über die österreichische Nachkriegsliteratur. Denn tatsächlich schien bis zu seinem Tod kein Weg an Doderer vorbeizuführen – er war der letzte übriggebliebene Großschriftsteller der Vorkriegszeit. Damit es soweit kommen konnte, brauchte Doderer mehr Glück als er vielleicht verdiente, der deutschsprachigen Literatur wären sonst jedoch brillante Texte entgangen. Heimito von Doderers Werk ist ausufernd, weswegen die Bezeichnung „Kontinent“ keinesfalls übertrieben scheint. Diesen Kontinent entdeckt Klaus Nüchtern, der an die Bernhard-Anekdote erinnert, in seinem neuen Buch für den Leser neu. Weiterlesen

Jan-Werner Müller: „Was ist Populismus?“ Zu viel!

Der US-amerikanische Vorwahlkampf hatte dieses Jahr beinahe zwei Sensationen zu bieten: Neben einem wildgewordenen Reality-TV-Star, der seinen Namen gerne auf möglichst große Gebäude pflastert und schließlich republikanischer Präsidentschaftskandidat wurde, brachte auf der politischen Gegenseite ein 75-jähriger Senator aus Vermont die demokratische Führung in Unruhe. Der eigentlich parteiunabhängige Bernie Sanders schaffte etwas, was seiner Rivalin Hillary Clinton bis heute nicht zu gelingen scheint: junge Wähler mit einem sozialen Programm wieder für die Politik zu gewinnen. Sanders überforderte die komplette politische Berichterstattung. So sah sich der konservative Fox-Moderator Bill O’Reilly gemüßigt, Sanders als die linke Entsprechung von Trump zu bezeichnen und beide in den gleichen Populismus-Topf zu werfen. Mittlerweile ist alles als populistisch, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – von der griechischen Syriza-Bewegung über Spaniens Podemos, die AfD und Orbáns Fidesz-Partei –, womit die Unterschiede verschwimmen. Zeit für eine Theorie des Populismus, was sich auch der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller gedacht hat und mit „Was ist Populismus?“ ein Essay vorlegt. Weiterlesen