Charlotte Roches „Mädchen für alles“: Literatur als Programmzeitschrift

Roche

Charlotte Roche hat kürzlich in einem Interview mit der FAZ beachtenswertes Kund getan: „Ich treffe bei Lesungen Leute, die sagen, dass sie es noch nie geschafft haben, ein Buch ganz durchzulesen, außer meins. Das heißt, ich erreiche Leute, die sonst nicht lesen.“ Sie hat damit ziemlich treffend ihre Rolle im Literaturbetrieb beschrieben. Die Bücher von Charlotte Roche zeigen der Kritik regelmäßig die Grenzen auf: So sehr das Feuilleton auch über ihre Bücher herfallen mag, sie verkaufen sich dennoch wie geschnitten Brot. Wenn man es positiv beschreiben wollte, hat man es hier also mit einer besonders mündigen Leserschaft zu tun. Im Umkehrschluss könnte dies aber auch bedeuten, die Kritik hat ihre Rolle als Literaturvermittlung – zumindest in diesem Fall – längst aufgeben müssen. Anstatt also auch ihren neusten Roman „Mädchen für alles“ in Bausch und Bogen zu verreißen, muss wohl eher der Versuch einer Annäherung an das Phänomen Roche gewagt werden.

Nach der Hämorrhoiden-geplagten Helen und der traumatisierten Elizabeth erzählt der dritte Roman Charlotte Roches „Mädchen für alles“ von Chrissi, die Ehefrau, Mutter und mächtig überfordert ist. Auf dem Weg zur Zufriedenheit steht ihr nahezu alles im Weg: Ein Ehemann, der im ständigen Verdacht steht, auf das Kindermädchen zu stehen, ein Kind, das ein andauernder Quell des schlechten Gewissens ist und eine angeheiratete Familie, die ihr auf die Pelle rückt und zu der sie sich in irgendeiner Weise verhalten muss, obwohl sie vor allem ihre Ruhe will. Chrissie hat sich in einen Teufelskreis manövriert. Sie lagert die Kindesversorgung auf mehrere Stellen aus (Kindermädchen und Ehepartner) und schafft damit einen ständigen Grund, sich als schlechte Mutter zu fühlen. Die Anforderung an die moderne Mutter der Gegenwart treiben sie in exzessiven Alkoholkonsum und schließlich in eine Affäre mit dem angesprochenen Kindermädchen, Marie. Die beiden funktionieren als Spiegelfiguren: Während Chrissi aus Sicht ihrer Familie das „Mädchen für alles“ sein sollte und dieser Rolle nicht gerecht werden kann, ist Marie das tatsächliche „Mädchen für alles“ – eine Rolle, die sich bis in die Befriedigung der versteckten Leidenschaften erstreckt. Mit ihrem Nachdenken über das, was es heißt, 2015 Mutter zu sein, dockt Roche an eine ganze Reihe Texten an, darunter auch der Longlistroman  „Aberland“ von Gertraud Klemm.

Ich bin eine richtige scheiß Ehefrau und eine noch beschissenere Mutter!

Was wird also wohl auch diesen Roman zu einem Bestseller machen? Das Rezept ist denkbar einfach und bekannt: Maximale Identifikationsmöglichkeit, rauschende Aktualität und Sex.

Dass Charlotte Roche eine aufmerksame Medienbeobachterin ist, hat sie vor allem in ihrem ersten Roman bewiesen. Sie war schließlich lange genug selbst Teil der deutschen Fernsehlandschaft. Zu erkennen, dass das bestimmende mediale Ereignis unserer Tage im Aufkommen einer ganz neuen Serienlandschaft besteht, bedarf keiner besonderen Medienexpertise und tritt in „Mädchen für alles“ wohl auch mit einigen Jahren Verspätung auf, dennoch bleibt es ein spannendes Thema, auch, weil es mittlerweile im europäischen Mainstream angekommen ist. Was die Autorin vor allem interessiert, ist der Umstand, dass in den Serien eine veränderte Form der Identifikationspotentiale populär geworden ist:

Der Trick ist doch, zu sehen, dass man selber auch ein Arschloch ist. Bei „House of Cards“ spielt Kevin Spacey ein Karriereschwein, und ich denke die ganze Zeit: Ich liebe den! Oder bei „Dexter“, da ist man die ganze Zeit auf der Seite eines Serienmörders. – Charlotte Roche im FAZ-Interview

Für das Feld der Fernsehserien ist das tatsächlich ein relativ neues Phänomen, da sie Zuschauer lange binden müssen und so – in Prä-HBO-Zeiten – vor allem Figuren ins Zentrum stellten, mit zu denen der Zuschauer eine positive Verbindung knüpfen konnte. Moderne Figuren wie Dexter verwehren sich der Möglichkeit der Identifikation nicht – schließlich ist er ja nicht nur Serienkiller, sondern auch liebevoller Vater, Ehemann und Bruder – aber stoßen dem Rezipienten in dem Moment vor den Kopf, wenn er realisiert, mit welcher Figur er gerade eine Bindung eingeht.
Das Problem im Falle von „Mädchen für alles“ ist jedoch: Der Literatur sind ambivalente Figuren nicht fremd. Sie sind sogar eine Grundbedingung dafür, dass komplexe Literatur entsteht. Deshalb reibt man sich beim Lesen einige Male die Augen, wenn der Roman viel Aufheben um etwas macht, was seit zweitausend Jahren Literaturgeschichte der Normalfall in der sogenannten Hochliteratur ist. Und so furchtbar schwer fällt es dann auch gar nicht, Chrissi sympathisch zu finden oder zumindest zu verstehen. Sie flüchtet sich zwar auch mehrfach in Mordphantasien, ist am Ende jedoch lediglich eine überforderte Mutter, die Räume der Selbstbestimmung für sich beansprucht.

Ich will noch schneller hier dieses Haus des schlechten Gewissens verlassen.

Roche scheint viel Fernsehen zu gucken und macht daraus auch keinen Hehl. So setzt eine zentrale Stelle das sogenannte „Ostrich Pillow“ in Szene, ein Kissen, dass man sich über den Kopf ziehen kann und so aus jedem (öffentlichen) Ort eine bequeme Schlafstätte machen soll. Im Sinne des Narrativ ist der Gegenstand natürlich ein Versuch unter vielen, sich geschützte Räume zu schaffen. Das Helmkissen als Mikrokosmos, der von der restlichen Welt abgeschnitten ist. Auf einer zweiten Ebene signalisiert ein solcher Gebrauch von tagesaktuellem Inventar aber auch, dass die Autorin ihr poetisches Potential irgendwo zwischen Pop- und Konsumkultur abschöpft. Das Prekäre besteht allerdings darin, dass der Text sich damit einem extremen zeitlichen Druck aussetzt. Sollte dieses Produkt den normalen Gang aller halbschlauen Erfindungen gehen, erinnert sich in zwei Jahren schon niemand mehr daran, was das „Ostrich Pillow“ ist. Auch dadurch wird indirekt deutlich, dass Roches Romane auf schnelle Erfolge und geringe Halbwertzeiten ausgelegt sind.

Habe schlechtes Gewissen, weil ich meine Nachtcreme nicht auftrage.

Und schließlich, klar, Charlotte Roches Leib und Magendisziplin: die Schilderungen von mehr oder weniger appetitlicher Körperlichkeit. Auch in „Mädchen für alles“ werden wieder die entlegensten Territorien des menschlichen Körpers erforscht. Während es in „Feuchtgebiete“ vor allem um die Offenlegung der letztverbliebenen Tabus in einer von Makellosigkeit besessenen Gesellschaft gehen sollte, rekurriert sie in ihrem neusten Roman erneut auf eine US-Serie, auf Frank Underwoods Ausspruch in „House of Cards“, es ginge überall um Sex, außer beim Sex, dort ginge es um Macht. Sex als Machtinstrument, das ist ein treffendes Motiv für die Handlung. Schließlich erzählt die Affäre mit Maria weniger von der Entdeckung einer lesbischen Neigung, denn als vom Beweis der eigenen Handlungsfähigkeit und der Begierde des Ehemannes zuvorgekommen zu sein. Doch Roche geht in ihren Schilderungen weit über diesen Aspekt hinaus. Am Ende sind die Sexszenen im Hotelzimmer vor allem Selbstzweck. Darüber muss man sich gar nicht empören, aber kann zumindest konstatieren: hier wird in aller Offensichtlichkeit auf Effekt geschrieben.

In dem Sinne wie Charlotte Roche es mit „Mädchen für alles“ vor allem darauf ankommt, es dem Leser so einfach wie möglich zu machen und ihm anbietet, sich und seine Zeit ohne Brechungen wiederzufinden, bewegt sich der Roman natürlich in die Untiefen der Trivialliteratur. Wie es Roche trotzdem immer wieder schafft, das Feuilleton in Unruhe zu bringen, ist wohl vor allem auf eine gute Marketingstrategie zurückzuführen, zeigt aber auch, dass das Feuilleton zu verbissen versucht, seinen Hoheitsanspruch auch bei Roche nicht enden zu lassen. Ob man der Autorin dafür dankbar sein sollte, dass sie Menschen zum Lesen bringt, die sonst gar nicht lesen würde, kommt darauf an, wie pessimistisch man die Lage der Literatur bewerten möchte. Es ließe sich sicherlich behaupten, es wäre besser, dass die Leute überhaupt lesen, bevor sie gar nicht lesen. Dann hat man seine Ansprüche allerdings schon mächtig nach unten geschraubt. So wird auch „Mädchen für alles“ keine Brücken zwischen Literaturkritik und Charlotte Roche bauen können, doch zumindest hat sie den besten Ratschlag für den nächsten Roman gleich selbst mitgeliefert: „Man muss halt auch schon intelligent sein.“


Wir danken Piper für das Rezensionsexemplar.

Kommentar verfassen