Christian Krachts „Die Toten“: Achtung, Sie betreten die hölderlinsche Zone

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Vier Jahre ist es nun her, da rüttelte gerade der neuste Christian Kracht-Roman das deutschsprachige Feuilleton aus seiner Schläfrigkeit. Den Anfang machte Georg Diez, der mit seinem Vorwurf, Kracht sei „Türsteher des rechten Gedankens“, die Debatte lostrat. Ein gefeierter, rechter Schriftsteller? Nachdem Botho Strauß niemandem mehr die Zornesröte ins Gesicht treibt und Martin Walser das Dasein als Punchingball satt hat, war mit Kracht ein würdiger Nachfolger gefunden. Es wurde protestiert, es wurde ein bisschen zurückgerudert, schließlich wurde die Sache vergessen, nachdem sich Kracht für eine Weile ins mediale Nirwana zurückzog. Aus der Aufregung ist nun Tradition geworden. Pünktlich zur Veröffentlichung Krachts neuen Roman „Die Toten“ wurde sich wieder gründlich geärgert – dieses Mal jedoch in Form eines Sturms im Wasserglas.

Was war passiert? Denis Scheck – professioneller Dampfplauderer in der ARD – hatte sich durch gute Beziehung zum Autor das Recht gesichert, sich als Erster über den Text zu äußern, was in einem deutschen Feuilleton, in dem es nicht mehr darum geht, der Beste, sondern der Schnellste zu sein, einem Ritterschlag gleichkommt. Jürgen Kaube plusterte sich auf und entdeckte etwas, was dem aufmerksamen Druckfrisch-Zuschauer schon lange klar war: Scheck mag ein charmanter, etwas zu betont-schelmischer Entertainer sein, in seiner „Druckfrisch“-Sendung betreibt er jedoch Literatur-Entertainment, selten -kritik. Mit Kracht hatte man sich passenderweise den Luxus erlaubt, sich in Los Angeles zu verabreden, um Aluhut-tragenden GEZ-Verweigerern den Abend zu versauen. Denn gelohnt hat sich die Reise nicht; Scheck hatte sich mit Fragen im Stile von „Der Protagonist in Ihrem Roman mag Hunde, mögen Sie auch Hunde?“ vorgenommen, Kracht etwas Privates aus dem Zwirbelbart zu entlocken. Dass kein Gespräch mehr daraus geworden ist, ist auch einem sehr fahrig wirkenden Autor zu verdanken, der viel murmelte und wenig sagte.

Nägeli war unterwegs von Zürich ins neue Berlin, dem Spleen dieser unsicheren, verkrampften, labilen Nation.

Mittlerweile ist aus einem Gespräch über Denis Scheck wieder eine Diskussion über „Die Toten“ geworden, in der sich dieses Mal fast langweilige Einigkeit eingestellt hat. Es wurde gelobt, es wurden leichte Zweifel angemeldet, aber alles in allem scheint der Roman dieses Mal risikofrei durchzurutschen. Ist das gerechtfertigt?

Alles fängt an mit dem Seppuku, einer ritualhaften Form des Selbstmords in Japan. Der Text beschreibt sehr genau, wie die Klinge sich durch den Leib bohrt, wie Blut spritzt. Er beschreibt auch die Anwesenheit einer Kamera. Normalerweise hört man in solchen Szenen einen „Cut!“-Ruf, der gerade Durchlöcherte steht auf und zeigt an: war doch alles nur inszeniert. Hier gibt es keinen Cut, der Selbstmörder bleibt liegen. Krachts kleine Mediengeschichte beginnt mit dem Tod; was aus dem Diesseits entschwunden ist, bleibt präsent in den Bildern der Filmrolle.

Nun würde lediglich das letzte Alter folgen, die Epoche des Greises […]

Dem Titel unschwer abzulesen, spielen die Toten die Hauptrolle in Krachts Roman. Das hat Auswirkungen auf die formale Gestaltung des Texts. Struktur und Motive sind an das japanische Nō-Theater angelehnt, in dem die Schauspieler einen tänzelnden Gang beherrschen müssen, bei dem sie den Boden nie verlassen. Es ist dieser Tanz, den auch Krachts Figuren hier aufführen, als Tote verlassen sie den Boden nicht, bleiben präsent. Eine weitere Besonderheit dieser Kunstform ist ihre dynamische Dramaturgie: Man nimmt sich viel Zeit für die Exposition, nimmt dann langsam Fahrt auf, nur um dann alles sehr schnell über die Bühne zu bringen. Kracht nimmt sich dieser Dramaturgie an und führt seine Figuren mit opulenter Langsamkeit auf fast hundert Seiten ein, was bei einem rund zweihundert Seiten-Roman dekadenter Verschwendungssucht gleicht.

In jenem Moment wurde Nägeli bewußt, daß er sowohl vor als auch hinter der Kamera stand, und er empfand einen unmenschlichen, bestürzenden Schauder angesichts dieser Zerrissenheit.

Die zwei zentralen Figuren des Romans sind der Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli und der japanische Kulturfunktionär Masahiko Amakasu. Nägeli ist, qua Geburt, ein Außenseiter. Als Schweizer ist er in den frühen 30er Jahren eine Figur von Außen, in dem sich anbahnenden Antagonismen zwischen den USA auf der einen, Deutschland und Japan auf der anderen Seite. Die Wege beider Protagonisten kreuzen sich, da Nägeli unter Federführung Alfred Hugenbergs davon überzeugt werden soll, den nächsten großen, filmischen Welterfolg zu schaffen. Eine – wie Hugenberg es nennt – „zelluloidene Achse“ zwischen Deutschland und Japan soll geschaffen werden, um dem umgreifenden Kulturimperialismus der USA etwas entgegenzusetzen. Doch bis es soweit kommt, gehen in „Die Toten“ einige Seiten ins Land. Denn was der Roman zunächst einmal aufs Papier bringt, ist eine kleine Kulturgeschichte der Disziplinargesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Beide machen erste Gewalterfahrungen durch die Eltern, Amakasu verbringt die Jugend im Internat und damit vielleicht dem zentralen Ort der Zeit. Dort wird er von Mitschülern verprügelt und kriegt von den Lehrern unverständliche Strafen aufgebüßt. Dass am Ende das Internat in Flammen aufgeht, ist nicht etwa eine emanzipatorische Geste, sondern nur die Verkündung kommender Schrecken. Aus diesen Flammen wird die Gewalt des 20. Jahrhunderts geboren.

Er spürte eine allumfassende Erschlaffung, eine Phlegmatisierung des Körpers, eine stetig anwachsende, sprachlose Melancholie angesichts jener Zumutung der Vergänglichkeit.

Weltgeschichte folgt in diesem Roman nicht den Gesetzen einer historischen Wahrheit. Zwar tauchen historisch verbürgte Persönlichkeiten auf, aber sie sind Teil einer sehr eigenwilligen Operette. Der Roman nimmt beispielsweise Bezug auf die Begebenheit, die davon erzählt, dass Charlie Chaplin in Japan beinahe zusammen mit dem Premierminister einem Attentat zum Opfer gefallen wäre. Anstatt jedoch wie im wirklichen Verlauf mit dem Sohn des Premiers einen Sumo-Kampf anzuschauen, ist Chaplin mit Nägeli im Theater. Nägeli und Amasaku sind sozusagen das fiktionale Störfeuer im historischen Verlauf, wo sie auftauchen, nimmt die Geschichte andere Bahnen. In gewisser Weise erinnert „Die Toten“ dabei an Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, ein Film, der auch schon davon ausging, dass man den Zweiten Weltkrieg als abgedrehten Western-Action-Film erzählen kann. Anstatt das Grauen in Bildern immer wieder zu vervielfältigen, setzt Tarantino darauf Gegenbilder zu schaffen und lässt Hitler kurzum von einer jüdischen Französin in die Luft sprengen. Um die Macht von Bildern geht es auch in diesem Roman und offenbart damit, dass dieses Geschichtsdramolett die Zeichen der Zeit verstanden hat, wenn solche Zeilen darin vorkommen: „Entsetzt hatte Amakasu die Bilder so rasch fallen lassen, als seien sie mit Kontaktgift bestrichen gewesen; es gab bestimmte Dinge, die man nicht abbilden durfte, nicht vervielfältigen, es gab Geschehnisse, an denen wir uns mitschuldig machten, wenn wir deren Wiedergabe betrachteten, es war genug gewesen, es war alles da.“

Amakasu konnte kein Blut sehen, abscheulich war das, wie gelähmt war er von der kinematographisch festgehaltenen, entmenschten Imago des Realen.

Um die Macht der Bilder zu verstehen, muss man jedoch erst einmal die Bilder selbst verstehen und dieses Verständnis wird in Krachts „Toten“ genüsslich verwirrt. Ob nun die Eltern Amakasus den fotografierten Sohn für realer halten als den fleischlichen oder Nägeli sich in seiner japanischen Unterkunft wie in einer Kulisse vorkommt: die Toten, die der Autor auf die Bühne zerrt, haben eine dunkle Ahnung von ihrer Medialität und können die Ebenen nicht mehr trennen. Alles fließt in einem „Zwischenreich“ aus Träumen, medialen Bildern und Sinneseindrücken zusammen. Die Medien sind das Reich der Toten und so haben wir zu den Toten – und damit zu Geschichte – einen rein medialen Zugang. In Form von Bildern bleiben sie auf der Welt, mit den Füßen auf dem Boden.

Die mal melancholische, mal überreizte Sprache, in der der Autor hier Mediengeschichte betreibt, wirkt zunächst verstörend. Wenn der Erzähler von „Larmoyanz“ spricht, dann ist sie eine „sittsam verborgene, heimlich ausgelebte Larmoyanz“, man hat keinen schlechten, sondern „modrigen, alraunigen Atem“ – „Die Toten“ ist auch eine Feier des Adjektivs-Exzesses. Kracht ist jedoch schlau genug, um zu wissen, dass man im Jahr 2016 eine solche Sprache nicht einfach widerstandsfrei aufrufen kann. Daher wird im ersten Teil des Romans ein Restaurantbesuchs des jungen Emil Nägeli mit seinem Vater geschildert. Vater Nägeli, der sich für einen distinguierten Gourmet hält, geht mit seinem Sohn in ein Pariser Restaurant, das er für den Höhepunkt des gastronomischen Olymps hält. Wie ein König zieht er in das Etablissement ein und realisiert gar nicht, dass er in einem Mittelklasse-Schuppen gelandet ist, in dem ihm zu teurer Wein und Gummi-Schnecken vorgesetzt werden, während Emil danach lieber im Hotel Käsebrot ist. Das liest sich wie eine ironische Gebrauchsanleitung der Wahrnehmung des Autors: die Welt ist eine Kneipe, aber man kann ja trotzdem so tun als wäre man in einem drei Sterne-Restaurant.

Film sei ja nichts anderes als Zellulosenitrat, Schießpulver für die Augen. Kino, sagt Hugenberg und steckt sich eine von Putzis Zigaretten an, Kino sei Krieg mit anderen Mitteln.

Als 2012 „Imperium“ erschien, hat Antonia Baum in der FAS festgestellt, Kracht sei in der Hölle der Ironie gefangen. Sollte das wahr sein, hat der Autor zumindest während seiner schriftstellerischen Karriere mehrfach die Höllenkreise gewechselt. Die kalte Ironie der Anfangszeit ist zunächst der absurden, etwas mystischen Ironie gewichen. In „Die Toten“ ist der Ton deutlich melancholischer. Kracht ist damit zur wärmsten Form der Ironie gekommen: jene Ironie, die verstanden hat, dass bestimmte Dinge für immer verloren sind – zum Beispiel das hier viel zitierte Deutsch eines Hölderlins -, sie aber im ironischen Zitat noch mal kurz aufscheinen können, nur damit sie gleich wieder erlöschen. Man könnte diese Traurigkeit für reaktionär halten, doch das würde dem Roman nicht gerecht werden. Schließlich erinnert „Die Toten“ auch an jene, die dem imperialistischem Streben zum Opfer fielen, stellvertretend in Form von Siegfried Kracauer und Lotte Eisner, die der Erzähler „Deutsche ohne Deutschland“ nennt. In einem offensichtlichen Kommentar auf sein eigenes Schaffen lässt der Autor Nägeli sagen: „Nun muß er tatsächlich etwas Pathetisches herstellen, einen Film drehen, der erkennbar artifiziell ist und vom Publikum manieriert und vor allem als deplatziert empfunden wird.“ Christian Krachts „Die Toten“ ist artifiziell, manieriert und nur ganz selten fühlt man sich mit so viel Freude deplatziert.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

4 Kommentare

  1. Da ich das Buch gerade angefangen habe, habe ich deinen Artikel jetzt erst mal noch nicht gelesen, ich speichere ihn und lese ihn nach der Lektüre zum Vergleich. Freu mich drauf :)

    • Ich hab mich zwar mit inhaltlichen Spoilern zurückgehalten (wobei das auch nicht die entscheidende Freude an diesem Roman ausmacht), aber ja, bei der großen Masse, die es nun schon zu diesem Buch zu lesen gab, macht es sicherlich Sinn, erst mal den Roman zu lesen und eine eigene Haltung dazu zu entwickeln. Bin gespannt wie dein Fazit ausfällt!

  2. Endlich mal ein paar kluge Zeilen zu dem Buch. Wenn auch noch keine klare Einordnung. Aber das will der Autor auch schwer machen, denke ich. Das allgemeine Feuilleton ist aber schon ein Graus. Da wird geschrieben bevor gedacht wird.

  3. Pingback: 2016: Zehn Bücher, die bleiben – Zeilensprünge.

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