Christine Wunnickes „Katie“: Alter Wein in neuen Schläuchen

Katie

Selbst unter den Außenseitern war sie vor fast zwei Jahren der Außenseiter: Christine Wunnicke. Mit ihrem Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ hatte sie es damals auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015 geschafft und konnte das schon als einen großen Erfolg verbuchen. Auch wenn sich Frank Witzel am Ende sogar noch vor die Erpendecks und Peltzers schob, für Wunnicke sprach nun wirklich gar nichts im Sinne des Wettbewerbs. Ein Roman über die Psychoanalyse und wie verschiedene Wissensbestände die Wahrnehmung der Welt verändern – und dann auch noch (zumindest teilweise) in Japan situiert. Dass „Dr. Shimamura“ nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde, war damals schon ein Fehler. Nun ist ihr neuer Roman, der zweite im Berenberg Verlag, „Katie“ erschienen und auch darin beweist sie ein weiteres Mal, dass sie einer der talentiertesten Schriftstellerin der deutschen Gegenwart ist.

Dieses Mal hat sich Wunnicke nicht der Psychoanalyse zugewendet, sondern der Chemie. Einer der Protagonisten ist William Crookes, der im Roman wie als historische Person die überwiegende Zeit im 19. Jahrhundert lebt. Crookes gilt als Entdecker der chemischen Elemente Thallium und Thorium und war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Chemical News“. Chemische Neuigkeiten? Kann es sowas überhaupt geben? Wunnicke muss nicht viel machen, damit der Grundkonflikt des Romans schon auf den ersten Seiten sichtbar wird. Natürlich gibt es neue Entdeckungen in der Chemie, gleichzeitig ist aber schon alles da. Die Naturwissenschaften erfinden nichts, es ereignet sich nichts, sie lernen nur, bestimmte Phänomene besser zu beschreiben. An wem ließe sich das besser zeigen als an William Crookes, der den Hochstapler (crook) schon im Namen trägt.

„Herausgeber der Chemical News“, wiederholte Crookes. „Crookes. William Crookes. Crookes!“

Crookes wissenschaftliches Vorbild ist Michael Faraday, ein Experimentalphysiker. Faraday war nicht nur bedeutender Wissenschaftler, sondern auch ein waschechter Entertainer. In seiner Zeit hielt er populäre Vorlesungen, die sich dezidiert an ein nicht-versiertes Publikum richteten. Wunnicke zeigt eine Epoche, in der die Naturwissenschaft einen Durchbruch nach dem nächsten feiert und gleichzeitig irgendwo zwischen Alchemie und Zirkus irrlichtert. Spektakuläre Apparate machen Naturwissenschaft ganz greifbar und scheinen mehr Zauberkraft als abstrakte Kopfarbeit zu sein. Genau in dieser Spannung bewegt sich „Katie“, nicht um die Wissenschaft zu diskreditieren, sondern um zu zeigen, wie viel Irrationales im Rationalen verhaftet bleibt.

Quecksilber, dachte Crookes, unterhielt jeden.

Nach ein paar wissenschaftlichen Erfolgen wie Misserfolgen wendet sich Crookes einem scheinbar ganz abseitigen Feld zu. Die zweite Hauptfigur ist Florence Cook, eine kränkliche Bürgerstochter, die die meiste Zeit im Bett verbringt. Sie lebt in einem religiösen Haushalt, der – ganz nach der Mode der Zeit – dem Spiritismus zugeneigt ist: „Eine Gebetskreislerin, die jüngst verwitwet war, berichtete Lizzie, hätte an einem Sitzen, wie man das nannte, teilgenommen – und wie graute Selina bald vor dem Wort ‚Sitzen‘ –, jener Unternehmung nach amerikanischer Mode, bei der man Seelen aus dem Jenseits mit List und Finten dazu nötigt, sich den Anwesenden durch Zeichen zu offenbaren.“ Séancen bergen das Versprechen darauf, eine Verbindung mit dem Jenseits herzustellen und waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert ein echtes Massenphänomen.

Das Blut pochte in seinen Schläfen. „Nichts Wahres an nichts“, flüsterte Crookes, „Gott steh uns bei.“

Florence Cook gilt in dieser Hinsicht als ganz besonders begabt. Vor allem, weil ihr eines Tages Katie, womit das Dreieck der Hauptfiguren vollständig ist, erscheint. Katie verlebte zwanzig unglückliche Jahre im 17. Jahrhundert, starb ungetauft und überdauert seit dem die Zeit: „Charles II starb. Henry Morgan starb. Port Royal versank im Meer, James II wurde gestürzt. William III starb. Queen Anne starb. Die amerikanischen Kolonien behaupteten ihre Unabhängigkeit. Und Katie wartete.“ Katie hat schon alles erlebt und alles gesehen – und nun sucht sie Florence heim, die damit die Aufmerksamkeit des faszinierten Crookes auf sich zieht. In dem Versuch, dem verblüffenden Phänomen auf die Spur zu kommen, rutscht dieser selbst immer weiter in spiritistische Wirrnisse ab.

Nun war denn seine Florrie das berühmteste materialisierende Medium der Welt.

Katie hingegen wird durch die viele Aufmerksamkeit zu einem echten Medienthema: „Katie King stand auf den Plakaten. Katie King stand auf den Fotografien. Katie King stand auf der Stahlstichpostkarte, die man mit der Eintrittskarte gratis bekam.“ Die Naturwissenschaft als Rummel – Wunnickes Roman kehrt immer wieder zu dem Umschlagpunkt des Rationalen zurück. Crookes versucht, Wissenschaftler der er ist, eine Beschreibungssprache für Katies Präsenz zu finden und zeigt damit vor allem die Flexibilität gewisser Begrifflichkeiten, die auch der Erzähler mit aufnimmt: „Katie wickelte sich um William Crookes. Das tat sie manchmal, und in letzter Zeit immer öfter. Ihre Materie, wie auch immer sie hieß, ihr Körper, wem auch immer dies gehörte, ihre Seele, falls sie denn eine hatte, umhüllte ihn geschmeidig und warm.“

„Wir brauchen mehr Zeugen“, sagte Crookes.

So sehr sich Crookes auch bemüht, der Materie namens Katie begrifflich auf die Spur zu kommen, er scheitert. Da wo er aufhört, knüpfen schließlich andere an: „‘Das nennst du den Curie-Strahl‘, sagte Monsieur Curie, als ihm seine Frau von Thorium und Pechblende erzählte. ‚Wie klingt das denn‘, entgegnete Madame Curie, ‚ich nenne es Radio .. Radio …‘ – ‚Strahlende Materie!‘, rief Monsieur Curie. ‚Nicht das schon wieder‘, stöhnte Marie.“ Die Pointe am Ende besagt nicht weniger als: Spiritismus oder andere Formen des Irrationalen sind nichts anderes als veraltete Begrifflichkeiten. Das Unerklärliche wartet immer nur auf ein Wort, das es noch treffender Beschreibt. Wer sollte davon besser erzählen können als die Literatur. Und die kann kaum jemand besser erzählen als Christine Wunnicke.


Wir danken dem Berenberg Verlag für das Rezensionsexemplar.

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