Christoph Ransmayrs „Cox“: Wie schnell die Zeit vergeht

Ransmayr Cox

Er hat es schon wieder getan. Den neuen Kracht-Roman „Die Toten“ rief Denis Scheck zum Epochenumbruch aus und behauptete, er würde für die Literatur das bedeuten, was der Tonfilm für den Film bedeutete. Das hört sich gut an, zumindest beim ersten Lesen. Beim zweiten Mal muss man sich fragen, ob der Tonfilm den Film insgesamt wirklich qualitativ auf eine andere Ebene hob oder nicht nur die Bedingungen des Films veränderte. Und wenn das so ist, welche Bedingungen nun wegen „Die Toten“ für die Literatur anders ausfallen. Schecks Neigung zur Spitze nach oben wie nach unten mag einem liegen oder nicht, in jedem Fall fällt er neuerdings dadurch auf, die Latte besonders hoch zu legen. Christoph Ransmayrs neuen Roman „Cox oder der Lauf der Zeit“ hat Scheck folgerichtig bereits zum potentiellen Welterfolg erklärt und damit mal wieder einem Verlag eine Freude gemacht. Wie liest sich also ein solcher Welterfolg?

Dabei führt die Schecksche Überschwänglichkeit zu einer durchaus bemerkenswerten Nähe beider Romane. Die zwei vermeintlichen Highlights des Jahres 2016 feiern den sprachlichen Exzess, sind von Ästhetizismus, teilweise ironisch gebrochen, but nonetheless, durchdrungen. Der Ort von Ransmayrs Erzählung ist das China des 18. Jahrhunderts, genauer gesagt des kaiserlichen Hofes, der immer da ist, wo Kaiser Qiánlóng ist. Der englische Uhrmacher und Meister seines Faches, Alister Cox, wird nach China geholt, um für den kaiserlichen Uhrenfanatiker komplizierte Konstruktionen zu bauen. In dieser Welt des vormodernen Chinas ist alles Seide, alles Purpur, alles edle Oberfläche. Der Ton des Romans nimmt sich dieser Pracht an und schmückt sie bis ins Bizarre aus: „Wie eine Insel stand der Pavillon inmitten eines von vier zierlichen Holzstegen überspannten Lotosteiches, in dem in der Stunde ihrer Ankunft zwei schwarze Schwäne miteinander kämpften.“

Der Kaiser wollte kein Spielzeug.

Cox, der zum zeitlichen Verlauf eigentlich einen technischen Zugang hat, kommt mit der Hypothek seiner eigenen Erfahrung mit der Ewigkeit nach China: Seine Tochter ist gestorben. Die Ewigkeit des Todes ist das eine, die Ewigkeit der Herrschaft das andere. Qiánlóng ist noch ein chinesischer Kaiser, für den China den Mittelpunkt der Welt darstellt, bevor das Land im wirklichen historischen Verlauf zu einer Randprovinz der Welt degradiert wurde. Er lässt Flüsse verlegen, herrscht über Millionen von Menschen wie über seinen Privatbesitz und hat selbst die Macht die Jahreszeiten zu beeinflussen. Einer seiner Beinamen ist Wàn suì yé, „Herr der zehntausend Jahre.“ Von Zeitlosigkeit beseelt und gleichzeitig von der Furcht vor dem Zahn der Zeit befallen, wünscht er sich von Cox den Bau ausgefeilter Uhren, Uhren, die nicht den üblichen Verlauf der Zeit darstellen, sondern sichtbar machen wie Zeit in verschiedenen Perspektiven vergeht: „Eine Uhr für Todgeweihte, für Sterbende, sagte Kiang, solle Cox nun entwerfen […].“

Dann begann dieser unheimliche Schnee zu fallen.

Über das Verhältnis vom Mensch zur Zeit und damit immer auch zur Vergänglichkeit zu schreiben, birgt immer die Gefahr, Sprüche für Abreißkalender zu schreiben. Vielleicht kam Ransmayr auch deswegen auf die Idee, die erhabene Zentralgestalt, den Kaiser, den dümmsten Satz zur Zeit aufsagen zu lassen: „Eine Banalität von einer Seichtheit, wie man sie ebensogut an der Theke einer Hafenkneipe an der Themse hätten hören können […] Wie schnell die Zeit vergeht.“ Aber die dümmliche Phrase ist trotzdem Kern des Romans, denn wenn man die Betonung vom „schnell“ auf das „wie“ verlegt, berührt man die Frage, wie Zeit in verschiedenen Situationen verschieden schnell vergehen kann. Das überträgt „Cox“ auf die Ebene der Narration selbst, denn der Text spielt damit, das Verhältnis von Erzählzeit und erzählte Zeit zu verwischen. Welches Zeitgefühl soll man zu seitenlangen Beschreibungen einnehmen, wie schnell vergeht die Zeit dabei?

Kein menschliches Wesen der Vergangenheit und keines der Zukunft war je so geliebt und so vermißt worden – und war nun so tot wie sie.

Nachdem Cox für Qiánlóng einige der gewünschten Konstruktionen gebaut hat, ist sein ultimativer Auftrag die Erfindung einer „unendlichen“ Uhr, einer Uhr, die als geschlossenes System, als Perpetuum mobile, sich selbst antreibt und so für immer läuft – die Ewigkeit der Zeit manifest macht. Nach einigem Tüfteln meint er die Lösung im Quecksilber erkannt zu haben, von dem große Mengen angeschafft werden und dessen silbrig-künstlichen Antlitz im krassen Kontrast zu der prachtvollen Welt des Kaisers steht. Des Kaisers Traum von der ewigen Uhr verwandelt sich in einen mechanischen Alptraum, den die Hofbeamten für einen westlich erdachten Zauber halten, um China niederzuwerfen.

Der Allmächtige hatte dem Sommer befohlen, nicht zu enden.

Zwar fehlt den Figuren in „Cox“ nicht gänzlich eine psychologische Ebene, aber noch viel mehr funktioniert der Roman als Parabel. Und wie alle guten Parabeln macht der Text gleich mehrere Deutungsangebote. „Cox“ ist natürlich Literatur über Literatur. Alister Cox ist selbst ein Kreativer, ein Schaffender; zum Ende seines China-Aufenthalts stellt er sich selbst die Frage, was er für seine Kunst bereit ist zu opfern: „Konnte er, mußte er für ein Werk, das als einziges von allem, was er jemals zu einem guten Ende gebracht hatte, den Namen eines Lebenswerkes verdiente, den Tod in Kauf nehmen?“ Und der Kaiser ist gar Poet, der mit dem typischen Schriftsteller teilt, dass er vor allem über seine Aura wirkt und es häufig unangenehm wird, wenn er sich selbst außerhalb seiner Texte äußert.

Obwohl in der Gegenwart des Erhabenen höchste Aufmerksamkeit, ja Hingabe Gesetz war, hatte Cox nicht zugehört.

So wie die Literatur selbst ist auch das Nachdenken über Herrschaft eines der Anliegen dieses Romans. Die beiden präsenten Sphären der Welt, der Westen in Form des englischen Uhrmachers und das kaiserliche China, sind bei Ransmayr arg klischiert: der mechanische Blick des rationalen Westens, die Mystik von Fern Ost. Der Autor spielt mit einem kolonialen Blick, der China als Projektionsfläche westlicher Sehnsüchte zeigt: „Der Kaiser gab ihnen alle Mittel an die Hand, eine in so vielen Werkstätten Europas vergeblich geträumte mechanische Phantasie Wirklichkeit werden zu lassen.“ Die Allmacht des Kaisers wird zur Bedingung für die Errichtung von Coxs Großprojekt – eine verhängnisvolle Einladung. Denn die von Quecksilber und Dampf angetriebene Monsteruhr kann natürlich auch als Vorbote der Dampfschiffe westlicher Kolonialmächte gelesen werden, die die Handelsinteressen der imperialen Mächte durchsetzten. Denn wenn Zeit vergangen ist, wird sie zu Geschichte. Der nächste Welthit wird „Cox“ vielleicht nicht, eine sehr anregende Leseerfahrung ist der Roman in jedem Fall.

1 Kommentare

  1. Ich fand den Einstieg in das Buch sehr anstrengend, weil ich die meist sehr langen und ineinander verschachtelten Sätze stets mehrmals lesen musste, bis ich deren Inhalt verstanden hatte. Letztendlich habe ich mich durchgebissen. Im Schulnotensystem wäre der Historienroman eine glatte 3. In einer bemühten Sprache wird versucht ein Buch von der Klasse eines Medicus als Literatur zu verkaufen. Gerne hätte ich noch viel mehr über den Uhrmacher Cox erfahren, und wenn sich z. B. T.C. Boyle dem gleichen Thema angenommen hätte, wäre dies bestimmt der Fall gewesen. Nicht dass ich ihn für einen großen Literaten halte, aber er schreibt definitiv unterhaltsamer als Ransmayr.

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