»Die meisten Figuren sind das, was sie tun.« Blogbuster-Kandidatin Chrizzi Heinen im Gespräch

Chrizzi_Heinen

Chrizzi Heinen steht mit ihrem Text „Das schwarze Loch“ auf der Longlist des Blogbuster-Preises 2017. Überzeugt hat die Berlinerin mit einem ungewöhnlichen Plot, einer Erzählstimme mit Wiederkennungswert, mit Humor und Mut zu formellen Spielereien. Nun hat sie Auskunft über ihr künstlerisches Schaffen, ihre literarischen Vorbilder und den Schreibprozess gegeben.

Chrizzi, du bist Musikethnologin, du malst und zeichnest, und nun hast du auch einen Roman geschrieben. Als was siehst du dich selbst primär: als Ethnologin, Künstlerin oder Schriftstellerin?
Wahrscheinlich funktioniert das eine nicht ohne das andere, aber als Schriftstellerin am wenigsten. Wenn ich Fachliteratur lese, läuft da bei mir im Kopf oft so ein Parallelfilm mit Ideen ab, der mit dem Text manchmal nicht viel zu tun hat, manche dieser Ideen schreibe ich schnell auf und verarbeite sie zu kleinen Zeichnungen.
In der Zeit, in der ich den Roman geschrieben habe, habe ich keine Musik gemacht und leider kaum gezeichnet, die Ideen, Bilder und Emotionen hat alle der Roman aufgesaugt.

Welchen Einfluss hat dein musikethnologische Hintergrund auf dein Schreiben?
Dass die Stadt in der Erzählung eine wichtige Rolle spielen würde, war nicht geplant, ergab sich aber wahrscheinlich dadurch, dass ich für eine musikethnologische Studie von 2008 bis 2010 einige experimentalmusikalische Löcher in der Stadt untersucht hatte.

Hast du dich jemals an einem Literaturinstitut – zum Beispiel in Leipzig oder Hildesheim – beworben? Oder hast mit dem Gedanken gespielt?
Nein. Bis vor ein paar Jahren wusste ich gar nicht, dass es sowas gibt. Ich war auch so immer gut beschäftigt mit verschiedenen Dingen. Mit ‚der‘ Literaturszene habe ich auch nicht viel am Hut, da ich Angst vor Cliquen habe. Aber ein paar schreibende Freundinnen habe ich in Berlin kennengelernt, die mich im Schreiben sehr motiviert haben, das muss ich an dieser Stelle sagen!

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück: Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen?
In der Grundschule habe ich meine Schreibhefte mit Fantasiegeschichten vollgeschrieben. Als Berufswunsch habe ich in Steckbrief-Alben deshalb recht selbstbewusst „Affenwärterin, Schriftstellerin“ eingetragen. Ich habe Tagebuch geschrieben, fand ich aber schlimm, total unverlässlich. Briefe dagegen waren absolut mein Medium, da gibt es eine konkrete Person, für die man schreibt. Nach dem Abi habe ich eine Zeit in England gearbeitet, und am Ende nahm ich fünf Kilo Briefe mit nach Hause, die ich von Freundinnen und Freunden als Rückantworten auf meine Briefe an sie erhalten hatte.

Hast du dich vor Blogbuster schon bei anderen Wettbewerben mit “Das schwarze Loch” beworben?
Nein, der Roman ist ja noch nicht soo lange fertig.

Hast du literarische Vorbilder? Welcher Roman hat dich besonders geprägt oder hat den stärksten Einfluss auf dein eigenes Schreiben?
Mit Anfang zwanzig habe ich „Ignaz oder die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole gelesen. Ich kann mich gar nicht mehr richtig an die Handlung erinnern, aber ich weiß, dass ich mich darin gut aufgehoben fühlte, es vermittelte mir, dass radikaler Widerstand okay ist, und außerdem kam darin ein gewieftes Liebespärchen vor. Das Buch hat mir damals Vertrauen gegeben. Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei „Als würdet ihr Leben“ von Peter O. Chotjewitz.

Du hast zwei Jahre lang an deinem Roman geschrieben. Hast du bei der Arbeit Thomas Mannsche Strenge an den Tag gelegt?
In den Monaten, in denen ich geschrieben habe, ja, vor allem weil die Freizeit durch die Familie eh knapp bemessen ist. Da habe ich kaum Freunde getroffen und versucht, mein Pensum zu erfüllen, jede freie Minute der Geschichte gewidmet. Das Ende zu schreiben war hart, ich wusste schon recht früh, wie die Erzählung ausgehen würde, aber nicht, dass das niederschreiben so traurig werden würde, da habe ich ziemlich gekämpft.

“Das schwarze Loch” – wie bist du darauf gekommen? Obwohl sie eigentlich ein hochliterarischer Topos sind, sind sie in der Literatur nicht allgegenwärtig.
Gar nicht mit Blick auf ein überliefertes Motiv, eher sehr gegenständlich: Ende 2012 musste ich mir mit meiner Familie eine Dokureihe in der Mediathek eines deutsch-französischen Fernsehsenders anschauen, in der es um Dunkle Materie ging. Doch das, was die vorgestellten Astrophysiker von den US-amerikanischen Instituten darin erzählten, habe ich eher ignoriert. Stattdessen habe ich mich gefragt, weshalb die mir das erzählen, welche Zweifel sie insgeheim alle haben und von welchen Sorgen sie heimgesucht werden, wenn sie nachts aufwachen. Schließlich habe ich mich gefragt: Was hat das alles überhaupt mit mir zu tun? Und statt diese Frage wieder in einer bunten Zeichnung zu verbraten, habe ich den Roman angefangen, also das Schwarze Loch in Hildis Badezimmer installiert und die Frage nach den Konsequenzen von irdischen schwarzen Löchern schriftlich beackert.
Und als dann 2016 Ligo den Zusammenstoß zweier Schwarzer Löcher sonifizierte, wusste ich, dass ich mit meiner recht naiv-gegenständlichen Perspektive auf dem richtigen Dampfer bin. Auch Gregor interessiert sich für den Sound Schwarzer Löcher. Wir werden das Universum nicht mehr nur sehen. Wir werden ihm zuhören. Darüber hinaus bin ich fest davon überzeugt, dass man Schwarze Microlöcher irgendwann isolieren und in speziellen Kisten bei sich daheim aufbewahren kann.

Wir haben gelesen, dass Schwarze Löcher sich darüber definieren lassen, dass keinerlei Information aus ihnen herausdringen kann. Genauso ist es in gewisser Weise ja auch mit dem  Schwarzen Loch in deinem Roman: Man erfährt vergleichsweise wenig über das Schwarze Loch, wirklich in seiner Erscheinung beschrieben wird es nicht. Hast du dich vor dem Schreiben auch theoretisch mit Schwarzen Löchern beschäftigt?
Ich habe ein olles Buch über Pulsare von 1985 angefangen, das gleichsam poetisch, abenteuerlich wie einschläfernd war und noch eine aktuellere Publikation von Physikern der Uni Graz, sie erwähnen darin auch die Spaghettifizierung, weshalb ich deren Schreibe als eher flapsig in Erinnerung habe.
Erkenntnisse über Schwarze Löcher sagen wohl mehr über die Menschen aus, die diese Einsichten vorlegen, als über Schwarze Löcher selbst.
Sicher verstehe ich viele Zusammenhänge um die Schwarze Materie bis heute nicht richtig, aber das macht ja erst den Reiz aus, und in der Prosa darf man das: Man kann sich selbst seinen Teil hinzudenken und mitreden, vielleicht bereichert man die Wissenschaften durch so eine zusätzliche Vorstellungsebene. Mich würde es nicht wundern, wenn in den Literaturwissenschaften auch bald Texte der Astrophysik gelesen werden für den Zweck, diese begrifflich zu kategorisieren. Ich glaube, im Zusammenhang mit Wetterberichten wurde sowas schon gemacht. Wobei – insgesamt interessieren mich mehr die Menschen hinter den Wissenschaften als die Begrifflichkeiten, die sie vom Stapel lassen.

Hildi erbt das Schwarze Loch von ihrem Onkel.  Wieso war es für den Text wichtig, dass es sich um ein Erbe handelt?
Das war erstmal gar nicht wichtig, irgendwo musste es ja herkommen, und es gab keine andere Möglichkeit für dessen plötzliches Auftauchen, jedenfalls ist mir nichts anderes eingefallen.         Um ein Erbe muss man sich kümmern, und das ist in Hildis Falle wichtig. Sie übernimmt die Verantwortung für ihr Loch und stellt sich auch recht schnell die Frage, wie es neutralisiert werden kann. Und das möchte der Leser natürlich auch wissen. Die tiefere Bedeutung von „Erbe“, also im Sinne des Überbleibsels einer vorausgegangenen Generation, habe ich auch nie hinterfragt. Wenn man es in diesem Zusammenhang betrachtet, mag es von Bedeutung sein, dass es Hildi gemeinsam mit ihren Freunden schafft, das Erbe unschädlich zu machen, selbst wenn dafür Opfer aus der eigenen Peergroup gebracht werden müssen.

Besonders gut hat uns gefallen, wie facettenreich und rund deine Figuren sind. Wie hast du die Figuren entwickelt?
Die meisten Figuren sind das, was sie tun. Vor allem für Bodo habe ich viel angesammelt, er trägt so einigen Müll auf seinen Schultern. Seine größte Stärke ist der Widerspruch, das wurde zu einem wichtigen Element, vielleicht auch, weil seine Umgebung, die Stadt, einen ähnlich inkonsistenten Boden bietet. Er wird dazu gezwungen, gewisse Werte über Bord zu werfen. Dass er und Asuka ein Pärchen werden, war nicht geplant, die haben sich auf der Tagung gegenseitig mit pommes frites gefüttert, und das Ding war geritzt. Wie im wirklichen Leben halt.

Formell fallen in deinem Roman besonders die Fußnoten auf. Wie bist du auf die Idee gekommen, Fußnoten in literarisierter Form zu verwenden?
Dieses Werkzeug finde ich auch im wissenschaftlichen Schreiben sehr interessant. Durch die kleine Formatierung ist in Fußnoten auch immer das Merkmal des Verborgenen, des Heimlichen, enthalten, und das passt insgesamt zu meiner Arbeitsweise, dass ich das Buch schreibe, hatte ich nicht so vielen Freunden erzählt.

Dein Roman ist ist ein Präsens-Roman. Wieso hast du diesen Tempus fürs Erzählen gewählt?
Das war eine Bauchentscheidung und hat sich wahrscheinlich als günstig erwiesen, da ich bereits zurückliegende Episoden in der lesbaren Vergangenheitsform schreiben konnte statt im Plusquamperfekt, der ist immer so weit weg.

Wir glauben fest, dass du den Blogbuster-Preis für “Das schwarze Loch” am Ende mit nach Hause nimmst. Wer sollte deiner Meinung nach das Hörbuch einlesen?
Haha, ihr seid ja lustig! Leider kenne ich mich bei deutschen Schauspielern, die sowas hauptberuflich machen, gar nicht aus. Hauptsache, es klingt nicht nach Tatort, dann lieber schon nach Traumschiff.


Mehr zu Chrizzi Heinen und den anderen Kanidatinnen und Kandidaten gibt es auf der Blogbuster-Website zu lesen.

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