Chrizzi Heinens „Das schwarze Loch“: Der Blogbuster-Roman von Zeilensprünge

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Es ist soweit: der Favorit, mit dem Zeilensprünge in den Blogbuster-Wettbewerb ziehen wird, steht fest. Nach der eingängigen Prüfung, zahllosen Diskussionen und einigen grauen Haaren ist die Wahl auf einen Text gefallen. „Das schwarze Loch“ heißt er und stammt von der Berliner Autorin Chrizzi Heinen. Darin beschreibt sie, wie Ich-Erzählerin Hildi ein ungewöhnliches Erbe antritt: Ein schwarzes Loch wird in ihrem Badezimmer installiert. Während schlechte Texte das Unfassbare gnadenlos ausschlachten würden, ist das astronomische Phänomen in „Das schwarze Loch“ ein stiller, saugkräftiger Begleiter der Geschichte einer Freundschaft, einer Liebe, einer Stadt.

Sich nicht zu erklären ist gar nicht so einfach: viele Texte, ob veröffentlicht oder nicht, kranken daran, sich zu überanalysieren. Da wird jede Möglichkeit für den Rezipienten erstickt, sich seinen eigenen Zugang zum Texten zu schaffen, nur weil Deutungsangebote gleich mundgerecht mitgeliefert werden. Doch was wäre Kafkas „Verwandlung“, wenn die Transformation in den Käfer mit der Frage nach dem Warum belästigt werden würde, was wäre „Warten auf Godot“, wenn Beckett auf der ersten Seite erst einmal Godots Identität verriete. Eine solche Fallhöhe soll an Chrizzi Heinen nun nicht angelegt werden, aber auch sie hat verstanden: interessant ist vor allem das, das sich einer direkten Deutung entzieht.

Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr zu fragen, weshalb ich das Schwarze Loch überhaupt geerbt habe, Erbschaften muss man nicht verstehen, sie passieren, sie werden einem zuteil und man bildet sich nur ein, man könne irgendwas dagegen unternehmen.

In dieser Konsequenz setzt „Das schwarze Loch“ eine unerhöhrte Begebenheit an den Anfang und erzählt dann einfach über sie hinweg. Hildis Leben ist vor allem auf zwei Freundschaften ausgerichtet: die zu Bodo und Gregor. Die Dynamik zwischen den Dreien bestimmt den Text, ihre präzisen Dialoge nehmen den zentralen Teil des Romans ein. Bodo gehört als Teilhaber zum Club „Das Loch“, der für die drei zum Rückzugsort für musikalische Experimente wird. Dass gerade ein Club der zentrale Ort des Romans ist, entspricht der Logik des Romans: das einstmals als subversiv geltende Clubwesen ist in der namenlosen Großstadt, die immer weniger Freiräume bietet, in Bedrängnis gekommen. „Wenn der DJ hauptberuflich Stadtplaner ist, dann ist die Stadt am Ende“, heißt es, als „Das Loch“ der Gentrifizierung zum Opfer fallen soll und sich ein Stadtplaner als DJ tarnt, um selbst subversiv den Ort zu inspizieren. Der Satz fungiert als Mantra des Texts und thematisiert, wie die durchkapitalisierte Stadt an sich selbst erstickt und für die wunderlichen, abseitigen Figuren wie die drei Protagonisten keinen Platz mehr hat.

Schwarze Löcher sind keine Metaphern, keine Symbole!

Auch wenn der Leser das Geschehen durch die Augen von Hildi erlebt, ist sie nicht die einzige, die spricht. Denn die Autorin entscheidet sich für den Einsatz von Fußnoten, die einer weiteren Erzählstimme Zugang in den Roman verschafft. Zwar kann man die meisten Fußnoten auch aus Hildis Perspektive lesen, sie offenbart sich dabei jedoch als eine Figur, die nicht nur erlebt, sondern auch protokolliert, sich in ihren eigenen Aufzeichnungen aufhält. Und dann gibt es die Hinweise, die zum Misstrauen über die Zuverlässigkeit dieser Erzählerin aufrufen: „Was ich jetzt Tolles zu bieten habe, kann ich nicht wirklich sagen, was ich zu bieten habe, ist vielleicht, dass ich nicht gerade ‚integer‘ bin, jedenfalls den Absagen nach Bewerbungsgesprächen zu urteilen.“ Dem Text ist damit eine zweite Ebene eingezogen, die nicht nur inhaltlich, sondern auch formal viele Spielarten eröffnet.

Das Problem bestehe ja darin, antwortete ich ihm, dass Herkunft in den meisten Lebensgeschichten so eine Wahnsinnsrolle spiele, was bei mir aber nicht zuträfe.

Dieses Prinzip des indirekten Erzählens spiegelt sich auch in einem Kapitel, das mit „Die Tagung“ übertitelt ist und in dem Experten der „Black Hole Studies“ zusammenkommen, um über das Phänomen schwarzes Loch aus Sicht der Kultur- und Medienwissenschaften zu fachsimpeln. In einer Mischung aus Akademiesatire und Wissenschaftsliteratur wird über das scheinbar eigentliche Thema des Romans verhandelt und der Blick damit endgültig verwirrt. Das Sprechen über das schwarze Loch übernimmt nicht Hildi, sondern die Wissenschaft, wie die spekulative Kunsthistorikerin Asuka: „Ich entschuldige mich, wenn ich das Loch in meinem Vortrag lediglich als Metapher implizierte. Ich bin selbst keine Erbin, aber es ist elementar, dass die Fassbarkeit des Lochs aufgezeigt wird, das konkrete Loch, und nicht bloß die absurde Symbolhaftigkeit dessen!“

Chrizzi Heinens „Das schwarze Loch“ ist ein Text über ein Erbe, ein Erbe, das niemand geplant hatte, niemand gewollt und niemand vorhersehen konnte. Als ein solches präsentiert es sich auch im Text: als etwas das ständig anwesend und abwesend ist. Das schwarze Loch ist, wenn man so will, der Zündschlüssel, der Hebel, der diese Erzählung in Bewegung setzt. Doch wer hinter das unendliche Schwarz blickt, entdeckt eine Geschichte über die Veränderung der Städte und die Auswirkungen auf ihre Bewohner, der alltägliche Kampf, seinen Platz zu finden und den Wert, den es hat, Menschen gefunden zu haben, mit denen man das Kuriosum Leben teilen kann. Chrizzi Heinens Literatur der Öffentlichkeit zu verweigern, wäre ein Irrtum!