Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

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Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form.

Claude Simon-Kennern gilt dieser Kurztext als die Keimzelle für das weitere literarische Schaffen des Franzosen: 1958 wurde er in Frankreich in einer Zeitschrift gedruckt, seit dem führte „Das Pferd“ ein Schattendasein in einem Werk, das in Deutschland kaum noch bekannt ist. Auch zu Lebzeiten war Simon zwar anerkannt, aber als er 1985 den Nobelpreis zugesprochen bekam, fiel die literarische Öffentlichkeit aus allen Wolken. Nun wurde vom Berenberg Verlag dieser vergessene Text erstmals in deutscher Sprache als Buch herausgebracht und erinnert daran, welche Formvollendung Literatur erreichen kann, wenn sie sich nicht in die epische Länge hineinplappert. Denn diese knapp fünfzig Seiten gehören mit zu dem aufregendsten, was man dieses Jahr lesen wird.

Oder vielleicht schloß ich nur die Augen und öffnete sie sofort wieder. Jedenfalls hatte das keinerlei Bedeutung. Die Zeit existierte nicht.

Diese Behauptung beweist sich schon in den ersten Sätzen dieser Erzählung, wobei es diese Gattungsbezeichnung nicht richtig trifft. Denn „Das Pferd“ macht dem Leser keinerlei Angebote der Identifikation, stattdessen steht am Anfang die völlige Orientierungslosigkeit: „Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen.“ Das hier erzählende Ich ist auf Seiten der Franzosen während des Frankreichfeldzuges im Zweiten Weltkrieg situiert. Häufig wurde auf die biographische Überschneidung hingewiesen, dass Simon selbst in Flandern gekämpft hat, doch derlei Hinweise stehen der Rezeption schlicht im Weg. Denn auch wenn hier ein Ich erzählt, ist seine Rolle nicht die einer Hauptfigur, sondern die eines Beobachters. Im Zentrum steht das namensgebende Pferd.

Wenns die Mosel war, kommt danach der Rhein, und nach dem Rhein kommt die Elbe, und nach der Elbe kommt Berlin.

Ohne einen Anflug von Naturüberhöhung wird das Pferd zum einzig verlässlichen Orientierungspunkt und dient der beschriebenen Militäreinheit als Zerrspiegel, um dem Horror des Krieges irgendeinen Sinn abzutrotzen. In der unendlichen Finsternis des Krieges sind die rhythmischen Bewegung des Pferdes der einzige Anhaltspunkt, wie der Weg verläuft, in den Augen des Pferdes spiegelt sich das, was sich der Artikulation verweigert. Militärhistorisch stellt die Dragonereinheit, derer das Ich Teil ist, einen Atavismus des 19. Jahrhundert dar, der sich hier umkehrt: Von der ritterlichen Reiterei ist hier nur noch die fast naive Zuwendung zum Pferd geblieben, in einem Krieg, der nichts Ritterliches mehr verkörpert.

„Ich habe keine Kirche gesehen“, sagte ich. „Vielleicht fand der liebe Gott, es lohne sich nicht, sich zu bemühen.“

Rhythmus verspürt das Ich auf dem Pferderücken und über Rhythmus verfügt der Text selbst. Was den vorschnellen Vorwurf der Ästhetisierung des Krieges nahelegen würde, ist in der Lesart von Mireille Calle-Gruber, die diesem Text das Nachwort mitgibt, ein Versuch, aus den Trümmern die Harmonie zu bergen: „So fragil die Romanerzählung ist, sie erweist sich nun als fundamentales Lebenszeichen: als Wiedergeburt in der Harmonie der Komposition und des Atems der Phrasierung.“ Und tatsächlich könnte man sagen, dass die Harmonie – im Sinne einer Musikalität, aber auch in einer Befriedung – das ist, was „Das Pferd“ dem Krieg abtrotzen möchte – nicht um den Krieg zu verharmlosen, sondern um etwas Menschlichkeit zu retten.

Durch die offene Tür, aus dem Innern des Hauses drang so etwas wie eine Klage, eine Art rhythmisches, regelmäßiges, monotones, tragisches Stöhnen.

Der Mensch, der kriegsbegabt ist, ist bei Claude Simon auch harmoniebegabt und umgekehrt: „Denn im übrigen war das Sechste Brandenburgische ganz bestimmt auch der Name eines Regiments. Eines Regiments und eines Konzerts.“ Nur über diese Ambivalenz wird „Das Pferd“ erfahrbar, denn während auf der Ebene des Erzählten die niederschmetternde Trostlosigkeit herrscht, gewinnt die Erzählebene einen kompositorischen Charakter, der vor allem über seine Rhythmisierung funktioniert. Wahre Satzmonster nehmen Tempo raus, während die sehr prägnanten Dialoge vor allem über ihre Wiederholungsstruktur, das fast ein Reimschema annimmt, Geschwindigkeit erzeugen:

„Wie viele Dinge weißt du mit Sicherheit, die du nicht gelesen hast?“
„Lebendig zu sein.“
„Und zu sterben?“
„Zu sterben.“
„Weil du schon Leute hast sterben sehen, oder hast du es gelesen?“
„Ich habe Tote gesehen.“
„Aber du hast keine Leute sterben sehen?“

Dass es sich bei „Das Pferd“ um einen Text handelt, der sich über seine textliche Verfasstheit erschließt und nicht über das bisschen narrativen Aufwand, der bei Simon betrieben wird, verdeutlicht auch, dass der Text den Leser genauso unklar entlässt, wie er ihn empfangen hat: „da ich mir nicht mehr erlauben konnte, eine Vergangenheit zu haben, und noch weniger, mir eine Zukunft vorzustellen“. Einen zeitlichen Verlauf gibt es hier nicht, nur einen rhythmischen. Dass das „Pferd“ trotz seiner puren Gegenwartsbezogenheit dennoch im Präteritum geschrieben ist, liest sich auch heute noch als Beweis für die These Käte Hamburgers, dass das Präteritum in der erzählenden Literatur seine Tempusfunktion verliert. Im Krieg gibt es keine Zeit, nur den Versuch der Rückgewinnung von Form und Harmonie.

Aber natürlich sahen wir weder die Brücke noch das Wasser, nur einen kurzen Augenblick lang das Gefühl einer anderen Stille unter uns, einer anderen Dunkelheit […]

Den langen Weg, den „Das Pferd“ in die deutsche Öffentlichkeit nehmen musste, mag einem nach der Lektüre noch unverständlicher sein, umso größer ist der Verdienst des Berenberg Verlags, ihn nun endlich in einer schönen Ausgabe zugänglich zu machen. Gleichzeitig kommt der Text auch deswegen zur rechten Zeit, da er daran erinnert, wie aufregend Literatur ist, wenn sie von einem Formverständnis durchdrungen ist. An „Das Pferd“ zeigt sich der Unterschied zwischen Kunst und dem Geplapper, das momentan gerne Land auf, Land ab von Verlagen zwischen zwei Buchdeckeln gepresst wird.


Wir danken dem Berenberg Verlag für das Rezensionsexemplar.

5 Kommentare

  1. Die Einleitung der Rezension ist zum Niederknien! :-)

    Allerdings – auch wenn ich mit Knausgard selbst so meine Probleme habe – ist nicht jeder „Tausendwälzer“ neueren Datums gleichbedeutend mit „Geplapper“. Da gibt es durchaus auch positive Beispiele. :-)

    • Das ist absolut richtig – doch so viel Differenzierung hätte der Polemik im Wege gestanden. Natürlich mündet die lange Form nicht zwangsläufig in Geplapper (die vielen epischen Werke der Weltliteratur würde eine solche Behauptung ja auch sehr schnell widerlegen), doch ich glaube, dass diese viel beschriebene Sogwirkung bei Literatur der Knausgardschen Prägung am Ende parallel zum Aufkommen des „Bingewatching““ ein Prinzip des „Bingereading“ beschreibt, wo es dann nur noch drauf ankommt, ob ein Text möglichst hürden- und (ver)störungsfrei lesbar ist.

  2. Schön, dass auch Du auf dieses wunderbare Buch aufmerksam machst – und das auf eine herausragende Art und Weise. Neben der Geschichte des Buches hat mich auch das Schicksal des Autors berührt. Viele Grüße

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