Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“: Nichts passt mehr zusammen

Die stillen Trabanten

Wer die immer noch spürbaren Folgen der Wende erkunden möchte, der darf nicht in die Innenstädte Ostberlins, Leipzig oder Dresden schauen. Dort wird der Umbruch nur noch über die deutlich, die nicht mehr da ist. Vielmehr muss man in die Trabantenstädte gehen, dort, wo die sozialistischen Machthaber dachten, sie könnten eine neue Gesellschaft auf dem Reisbrett entwerfen, fernab von dem kulturellen Erbe, das sich in den verfallenden Altstadtbezirken transportierte. Heute sind sie Ruinenstädte, von Geistern bevölkert. Mit „Die stillen Trabanten“ bringt Clemens Meyer diese abseitig-jenseitigen Orte wieder zum Sprechen.

Clemens Meyer ist der große Authentische der deutschen Gegenwartsliteratur. Seine Texte sollen so hart, so rau und abgründig sein wie auch sein Leben stellenweise hart, rau und abgründig gewesen ist. Meyer hat das Leben auch von der abgewendeten Seite kennengelernt, musste kämpfen. Weil er in seiner Prosa das Ohr auf Straße hatte und selbst einer von der Straße ist, drehte die Kritik regelmäßig durch. Denn nichts lässt den gemeinen Feuilletonisten mehr frohlocken, als einer, der in diesem so sklerotischen Literaturbetrieb etwas verkörpert, das vom eigenen beheizten Büro schier unerreichbar scheint: Wildheit. Eine Erwartungshaltung, die Meyer mit „Die stillen Trabanten“ unterläuft. Denn hier haben vor allem die leisen Töne ihren Auftritt.

Wir tanzten schweigend, unsicher zu Beginn, einen Rhythmus suchend, eine Musik suchend, nur das Geräusch unserer Füße auf dem Boden.

Den abseitigen Milieus bleibt Meyer treu, in seiner neuen Erzählsammlung unterzieht er sie aber einen zärtlicheren Blick. Im Zentrum stehen Figuren, die vom Leben in die Peripherie gedrängt wurden. Mit Trabanten haben alle gemein, dass sie die Zentren der Gesellschaft nur umschwirren, aber niemals dazugehören. Schauplätze sind abgelegene Außenbezirke, Küsten, stillgelegte Industriebrachen:

Sie kamen aus einem Reich der Schatten, das sich über Jahrzehnte auf den Hinterhöfen des Kohlenviertels gebildet hatte und sich dort bewegte, kleine Fabriken mit runden rußgeschwärzten Schornsteinen, auf denen die Tauben saßen, wenn keine Rauch aus den Schornsteinen stieg, Werkstätten, Kohlenhändler, verfallene Häuser, auf deren Dächern kleine Birkenwälder wuchsen, leere, verfallende Fabriken, Toreinfahrten zur Straße und zum Licht, das aber dort draußen, ebenfalls nur trübe war; Schatten lagen über diesen Hinterhöfen, auf denen ich sie vor vielen Jahren getroffen hatte, und als ich jetzt zu ihnen zurückkehrte, schien die Sonne, und nichts passte mehr zusammen.

Die Absicht dieser Texte ist jeweils das zur Artikulation zu bringen, das verstummt ist oder kein Gehör mehr findet. In der Erzählung „Glasscherben im Objekt 95“ geht es um eine wundersame Frau, die inmitten einer geisterhaften Trabantenstadt haust und mehr Märchenfigur als tatsächliche Person ist. „Die letzte Fahrt der Strandbahn“ erzählt von einem mittlerweile Greis gewordenen Mann, der während des Zweiten Weltkriegs die Strandbahn fuhr, während alle anderen Männer an der Front gekämpft haben. Ostdeutschland, woher der Autor selbst kommt, tritt hier als verschüttete Welt auf, deren Erinnern gleichfalls verschüttet scheint.

Als er in dieser Nacht durchs Treppenhaus zu seiner Erdgeschosswohnung ging, hatte er sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Aus Meyers Erzählungen sprechen die Schmerzen von Transformationsprozessen: „Ja. Hübsche Sozialisten meinetwegen. Blauhemden. Und jetzt trag ich’n Blaumann.“ Der Text wechselt immer mal wieder die Erzählperspektive, manche Erzählungen sind nur ein paar Seiten lang. Einige Texte blicken zurück, manche sind scheinbar zeitlos oder ins Mythologische überformt, während die titelgebende Erzählungen einen Blick in die Gegenwart wagt und von einer zärtlichen Verbundenheit zwischen einem etwas runtergerockten Imbissbesitzer und einer kopftuchtragenden muslimischen Frau kündet. Dessen kulturelle Bildung könnte nicht unterschiedlicher sein („Und du meinst, Gott mag meine Thüringer nicht?“), doch es gibt ein unsichtbares Band zwischen beiden, das durch das Leben im Abseits geknüpft wurde. Da macht es auch nichts, dass beide in die gleiche Richtung schauen und doch aneinander vorbeireden: „Welche Trabanten und welche Lichter meinst du? Den Mond?“

Die Bahnsteige der Bahnhöfe sahen anders aus, die Menschen, die dort standen sahen anders aus … Obwohl die Grenze seit fünfundzwanzig Jahren keine Grenzen mehr war.

Doch der Begriff der Gegenwart ist eigentlich einer, der als Beschreibungskategorie für diese Erzählungen ausfällt. Denn Gegenwart oder Gegenwärtigkeit ist eine ganz und gar unsichere Angelegenheit, wie der Text deutlich macht: „Was ist schon gegenwärtig? Gegenwärtigkeit ist eine Legende und ein vollkommen falscher Begriff, wir befinden uns immer wieder woanders, und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich betreibe einen Imbiss in einem flachen Häuschen mit Vordach, in dem früher mal eine Tankstelle drin war.“ Wer könnte davon besser erzählen, wie sich Gegenwarten über Nacht verschieben können, als das Ostdeutschland der Trabantenstädte, deren triste Fassaden plötzlich die weltanschauliche Legitimation fehlte.

Es war wieder und immer noch Nacht, und er ging los, in Richtung der Brücke, in Richtung der großen Vögel, in Richtung der Straße, durch die er irgendwann einmal gekommen war.

Nicht umsonst heißt eine Erzählung in dieser Sammlung „Die Rückkehr der Argonauten“, denn genau darum geht es in allen Texten, die hier versammelt sind. Anstatt einer Gegenwart hinterher zu hecheln, deren Umrisse am Horizont ständig zu verschwinden droht, kann Literatur etwas anderes leisten: Muster von Wiederholungen, von Kontinuitäten sichtbar werden lassen und das Vergessene, das Verdrängte eine Stimme geben. „Die stillen Trabanten“ ist eine gelungene, melancholische Ode an die Orte des Vergessenen und ein Zeugnis eines Literaturverständnisses, das zur Gegenwart kein unterwürfiges Verhältnis einnimmt, sondern sich von ihr zu emanzipieren versucht.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

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