Colson Whiteheads »The Nickel Boys«: Look at what they did to me

Vor zwei Jahren krachte Colson Whitehead mit Donnerhall auf den deutschen Buchmarkt. Sein Roman »Underground Railroad« schien das Buch zur Stunde zu sein – was erfreulich war, weil es sehr gelungener Roman war. Und vielleicht ein wenig unerfreulich, weil hinter dem omnipräsenten Whitehead die vielen weiblichen Autorinnen of Color zu verschwinden drohten, die sich in ähnlich gelungener Weise mit dem amerikanischen Rassismus auseinandersetzen. Dafür trägt Whitehead keine Verantwortung, es zeigt aber, dass die Rezeptionsverfahren immer noch Kalibrierung benötigen. So ist nun also Colson Whitehead eine echte internationale Marke geworden, was auch immer etwas bedrohlich ist. Denn Marken wollen gepflegt werden und provozieren vorschnelle Publikationen.

»The Nickel Boys«, so viel vorweg, ist akut davon bedroht, so eine zu sein. Wie dringend dieses Buch erwartet wurde, lässt sich vielleicht auch daran ablesen, dass der Hanser Verlag den Erscheinungstermin des amerikanischen Verlags um zwei Wochen übertraf. Einzelnen Rezensionen zufolge hat das der Qualität der Übersetzung nicht unbedingt gut getan. Doch was erzählt »The Nickel Boys«? Der Text begibt sich in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger Jahre. Die USA ist gerade dabei, die Segregation abzuschaffen, doch jede formaljuristische Errungenschaft muss dann auch noch mal politisch, gesellschaftlich erkämpft werden: »What was the point of a no interest loan when a white bank won’t let you step inside?«

Even in death the boys were trouble.

Ausgangspunkt ist die jedoch die Gegenwart, in der dutzende Leichen auf dem Gelände der Nickel-Institution gefunden werden. Von dort aus begibt sich der Text in die Zeit der Sechziger, in denen der junge Elwood, verlassen von den Eltern, bei seiner Großmutter aufwächst. Beide leben in Armut, besitzen nicht viel, außer eine Tonaufnahme von Martin Luther King Jr., die sich Elwood immer wieder anhört, mit jedem Mal Anhören mehr versteht und sich die Welt um sich herum erschließt. Erste Versuche des Bildungsaufstiegs misslingen, als er sich von seinem Ersparten Bücher kaufen möchte und ihm Buchdummies ohne Inhalt verkauft werden: »All the books were empty.«

›The dirt looked wrong.‹

Es soll nicht seine einzige Aufstiegsenttäuschung bleiben: Denn eigentlich ist er auf dem Weg aufs College, doch weil er sich beim Trampen unwissentlich in ein gestohlenes Auto setzt, landet er stattdessen in der Nickel-Anstalt, die im zynischen Geist der Zeit als »Besserungsanstalt« verkauft wird. Während sich die Anstalt nach außen hin als pädagogisches Jugendzentrum präsentiert, wird von innen schnell klar, dass die einzige Funktion des »Nickel« darin besteht, die Jugendlichen zu demütigen, prügeln und kleinzumachen.

That was Elwood – as good as anyone.

Die Anstalt, in all ihren grausamen Eigenlogiken, ist im Text ein pars pro toto der amerikanischen Gesellschaft. Denn im »Nickel« sind nicht nur People of Color eingekerkert, sondern auch Weiße, die freilich deutlich bevorzugter behandelt werden. Den einzigen Mehrwert, den die Einrichtung aus ihren Insassen zieht, ist ihre Arbeitskraft. Man rühmt sich gar mit den steigenden Produktivitätsraten, die sich erzielen lässt. Die Anstalt ist damit nicht nur ein Sinnbild der rassistischen, sondern auch der kapitalistischen Gesellschaft, in der Diskriminierung und Ausbeutung Hand in Hand gehen.

Her father died in jail after a white lady downtown accused him of not getting out of her way on the sidewalk. Bumptious contact, as Jim Crow defined it.

Von dort aus entspinnt sich eine Geschichte, die vom Gefängnisalltag und ersten zarten, dann handfesten Versuchen des Widerstands erzählt. In der segregierten Gesellschaft kommt es auf die Grenzgänger an. Als dieser entpuppt sich der mexikanisch-stämmige Jaimie, der mal bei den weißen Jungs eingeordnet wird, mal zu den People of Color. Während bei den zwei Gruppen die Hierarchien klar zugeteilt sind, ist er ständig verdächtig. Er gehört weder der einen, noch der anderen Gruppe in einem System an, das in der Sprache der Täter nur »schwarz« und »weiß« kennt.

It was crazy to run and crazy not to run.

Anders als seine Mitinsassen möchte Elwood zunächst nicht die Flucht planen, sondern das System von innen zerstören. Dafür macht er Aufzeichnungen über die Aktivitäten der Wärter, dokumentiert die Gewalt, die ihm und anderen angetan wird: »›You can’t go around it – you have to go through it.‹« Seine Versuche, diese Dokumente dann an Medien zu spielen, schlagen jedoch fehl, was ihm wiederum nur die Möglichkeit der Flucht in den Norden lässt.

But fear was her fuel.

»The Nickel Boys« ist ein starker Roman, weil Colson Whitehead auch in diesem Text wieder eine Sprache findet, die beim Lesen ins Mark fährt. Häufig sind es die knappen Sätze, die in eisiger Klarheit im Roman die größte Wirkung entfalten. »The Nickel Boys« ist auch deswegen ein starker Roman, weil er die Anklage an eine rassistische Gesellschaft mit einer Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft verknüpft und derer beider Illusionscharakter in Verschränkung aufdeckt, zum Beispiel, wenn Foltergebäude als Eiscreme-Fabriken daherkommen.

»The Nickel Boys« ist jedoch auch ein schwacher Roman, weil er zu gradlinig erzählt ist. Ein Kosmos der Gewalt, der auf diese Weise »twisted« ist, wäre in einer Erzählweise besser aufgehoben, die dessen Rechnung trägt. Dass der Roman sich nicht von einer klassischen, in chronologischen Sinnzusammenhängen erzählenden Struktur trennt, ist bedauerlich, gerade weil die hier das hier aufgeführte Schicksal doch jede klassische Bildungsgeschichte zerstört. So kommt man zwar auf der Inhaltsebene immer wieder an seine Grenzen, wird aber strukturell zu sanft aufgefangen.