Colson Whiteheads „Underground Railroad“: A Streetcar Named Despair

Underground Railroad

Der amerikanische Mythos verläuft auf der Schiene. Als die Unabhängigkeit der 13 Kolonien gesichert war, fand der US-Amerikaner sich plötzlich in einem riesigen Land wieder, das es zu unterwerfen galt. So machten sich die Siedlertrecks auf gen Westen, auf der Suche nach dem Glück. Doch einen inneren Zusammenhang konnte die junge Nation nur dann entwickeln, wenn der Weg von Küste zu Küste kein Lebensalter dauerte. Mit der Eisenbahn schien ein Weg gefunden, die unendlichen Weiten des mittleren Westen zu überbrücken; darüber hinaus ist sie eins der prägnantesten Motive des amerikanischen Mythos – verkörpert sie doch technischen Fortschritt mit ungezügelter Kraft und Aufbruchsstimmung. Auch wenn sich die USA längst von ihrem Schienennetz verabschiedet haben und aufs Flugzeug umgestiegen sind – die Eisenbahn lebt im kulturellen Gedächtnis weiter. Was die Zeit kaum überdauert hat, ist die Erinnerung an ein anderes Schienensystem, ein Netzwerk im Untergrund, organisiert von jenen, die im amerikanischen Narrativ lange nicht vorkamen: die Underground Railroad, von der Colson Whitehead in seinem vielgerühmten Roman erzählt.

Manche Stoffe drängen sich der literarischen Bearbeitung so sehr auf, dass man sich nur wundern kann, dass bislang niemand darüber ein Roman geschrieben hat. Die „Underground Railroad“ war ein geheimes Netz von befreiten Sklaven und weißen Sklavereikritikern, die Schwarzen aus den Südstaaten die Flucht in die Freiheit ermöglichen sollten. Dafür wurden Routen geplant, sichere Zufluchtsorte angelegt und Personal abgestellt, das die Flucht organisierte. Die „Underground Railroad“ war aber auch ein metaphorisches System, angelehnt an ein richtiges Verkehrsnetz wurden die Flüchtenden Passagiere genannt, Zufluchtsorte Stationen. So bildete sich neben dem offiziellen Verkehrsnetz ein zweites, inoffizielles. Die metaphorische Simulation des Zugverkehrs legitimierte das Vorhaben, gab den Flüchtenden aber auch die Würde zurück: als Passagiere nahmen sie den Zug in die Freiheit.

„Die Wahrheit war eine wechselnde Auslage in einem Schaufenster, von menschlicher Hand verfälscht, wenn man gerade nicht hinsah, verlockend und stets außer Reichweite.“

In diesem Szenario setzt Whiteheads „Underground Railroad“ an, fokussiert die Protagonistin Cora, die als Sklavin auf einer Plantage in Georgia arbeiten muss. In Sachen historischer Stimmigkeit der Erzählung gibt Colson Whitehead in einem Interview, das in der Übersetzung, die bei Hanser erschienen ist, die einzig kluge Antwort, die die Literatur geben kann: „Halte dich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit.“ Coras Erfahrungen auf der Baumwollplantage sind die aller Sklaven: Sie wird missachtet, geschlagen und vergewaltigt. Die Sprache des Romans übernimmt dabei die Härte der Lebensrealität: „Es war ein Jahr her, dass Connelly ihr befohlen hatte, sich einen Mann zu nehmen. Zwei Jahre, seit Pot und seine Freunde sie zugeritten hatten.“ Dieser Härte setzt „Underground Railroad“ eine sehr grundsätzliche Verwunderung über die menschenfeindliche Zuspitzung der kapitalistischen Logik der amerikanischen Sklaverei entgegen: „Das Sonderbare an Amerika war, dass Menschen Dinge waren.“

Das Geld strömte wie nie zuvor herein. Europa hungerte nach Baumwolle und musste Ballen für Ballen gefüttert werden.

Als die Lage auf der Plantage eskaliert, gelingt Cora die Flucht, zusammen mit Caesar. Im Folgenden beginnt eine kräftezehrende Reise durch die Südstaaten, bei der sie zunächst in South Carolina stranden. Als sie im Zuge eines staatlichen Programmes versorgt und in Arbeit gebracht werden, keimt die naive Hoffnung auf, eine Heimat gefunden zu haben. Cora erarbeitet sich gar die Achtung ihrer Vorgesetzten. Doch als ihr eines Tages eine Sterilisation als ihre große Chance auf die Freiheit vorgeschlagen wird, bricht die Illusion von der Zukunft in South Carolina. Über North Carolina, wo sie sich in einem Dachboden längere Zeit versteckt halten müssen, geht die Odyssee streckenweise weiter nach Norden, nur um dann über Umwege wieder nach Süden zu führen.

Der weiße Südstaatler entsprang den Lenden des Teufels, und welche Übeltat er als Nächstes begehen würde, war nicht vorherzusehen.

„Underground Railroad“ wechselt immer wieder die Perspektive, ohne Cora aus den Augen zu verlieren, um über die verschiedenen Figuren ein Panorama der teils widersprüchlichen, teils harschen Gräben innerhalb der amerikanischen Gesellschaft aufzumachen. Ruchlose Sklavenhalter, gierige Kopfgeldjäger treten hier genauso auf wie scheinbar altruistische Abolitionisten, deren Handlungen schließlich auch nichts anderes produzieren als Abhängigkeit. Die immer wieder eintretenden Rückschläge auf Coras und Caesars Flucht machen den beiden vor allem eins anschaulich: Abhängigkeit kennt viele Formen, wahrer Widerstand ist derjenige, der sich aus den eigenen Kräften formt. So kommt Cora zu dem niederschmetternden Befund: „Ob auf den Feldern, unter der Erde oder in einer Dachkammer, Amerika blieb ihr Wärter.“

„Wenn man sehen will, was es mit diesem Land auf sich hat, sage ich immer, dann muss man auf die Schiene.“

„Underground Railroad“ ist vor allem der Versuch einer Dekonstruktion des amerikanischen Mythos. Ganz ähnlich wie die Underground Railroad eine parallele Dimension neben und unterhalb der weißen Gesellschaft bildet, gibt es auch ein amerikanisches Narrativ, das jenem, das in den Western des amerikanischen Films erzählt wird, entgegensteht. Für die schwarze Bevölkerung der USA gab es lange Zeit keinen rasenden gesellschaftlichen Fortschritt. Die Eroberung des amerikanischen Kontinents wurde auf ihrem Rücken ausgetragen. In dieser historischen Situation ein eigenes Narrativ zu bilden, war auch deswegen nicht einfach, weil die schwarze Bevölkerung Amerikas historisch gesehen Fremde im eigenen Land waren: „Denn wir sind Afrikaner in Amerika. Etwas Neues in der Geschichte der Welt, ohne Vorbild für das, was aus uns werden wird.“

Sklaverei als moralische Frage interessierte Ethel nicht im Geringsten. Wenn Gott nicht gewollt hätte, dass die Afrikaner versklavt wurden, dann lägen sie nicht in Ketten.

Colson Whiteheads Roman trifft nicht nur auf eine Zeit, in der die ethnischen Auseinandersetzungen in den USA eskalieren, sondern auch in ein kulturelles Umfeld, das sich wieder stärker mit historischen Stoffen aus der Zeit der Sklaverei und des Bürgerkriegs interessiert – Tarantinos „Django unchained“, „12 Years a Slave“, „Lincoln“ oder „The Birth of a Nation“, aber auch „Get Out“ künden davon. Whiteheads „Underground Railroad“ unterscheidet sich von diesen Bearbeitungen insofern als dass er sich nicht zur Aufgabe gemacht, gern vergessene Geschichten wiederzuerzählen und auf Unrecht hinweist, sondern versucht die Fäden eines schwarzen Narratives amerikanischer Geschichte aufzunehmen, ohne sie zu verklären. Denn so sehr die Geschichte der Underground Railroad eine Geschichte des Widerstands war, war sie auch eine Geschichte des Verrats und der Abhängigkeit.

„Sie nennen diese Straße jetzt den Freiheitsweg“, sagte Martin, während er den Wagen wieder abdeckte. „Die Leichen hängen den ganzen Weg bis in die Stadt.“

Dieser überzeugende Anlass darf nicht über einige Schwächen des Buches hinwegtäuschen. Die hier vorliegende Übersetzung tut sich schwer in einem beschriebenen kulturellen Umfeld, das stark von Idiomen geprägt. Die lokalen und sozialen Unterschiede sind in der Sprache kaum noch auffindbar bzw. die Sprache wirkt dem Ort des Geschehens seltsam entrückt. Auch ist das hier entworfene Weltbild von einem pathetisch aufgeladenen Determinismus geprägt. Dennoch kommt jeder Leser aus „Underground Railroad“ mit einem anderen, tieferen Verständnis der amerikanischen Entzweiung heraus und lernt eine Literatur des Zerwürfnisses kennen, die offenhält, wohin die Reise auf der Underground Railroad hingeht.

1 Kommentare

  1. Das Buch will ich unbedingt endlich lesen, aber wie so viele andere Bücher auch, die derzeit auf meiner WTR-Liste schlummern…danke für die tolle Rezi!

    Neri, Leselaunen

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