Daddy Issues: Maxim Billers „Biografie“

Biller_Biografie

Biografie heißt der lang erwartete neue Roman von Maxim Biller, der in den letzten Monaten vor allem durch seine umstrittenen Auftritte im neuen Literarischen Quartett für Aufsehen sorgte. Fast jeder hat seitdem eine Meinung zum Kritiker Biller: man hasst ihn oder man liebt ihn. Den Schriftsteller Biller scheinen dagegen nur wenige zu kennen. Ähnlich wie der Ich-Erzähler Solomon Karubiner, der sich im Roman als der meistdiskutierte und gleichzeitig am wenigsten gelesene deutsche Schriftsteller tituliert, ist auch das literarische Werk Maxim Billers bis auf den sagenumwogenden, verbotenen Roman „Esra“ den meisten Kritikern unbekannt. Diejenigen Biller-Kritiker, die sich skeptisch an den 900 Seiten starken Roman „Biografie“ trauen, finden wahrscheinlich Grund zur Kritik, eine leichte Lektüre ist dieser Text nicht. Wer aber durchhält, wird mit dem unverwechselbaren, einzigartigen Biller-Sound, viel Humor und einem großen Werk der deutschen Gegenwartsliteratur belohnt.

Die Grundhandlung ist schnell umrissen: Der „alleswissende, nichts verstehende Solomon Karubiner“, genannt Soli, erzählt aus personaler Perspektive vom Silvesterabend 2005, den Ereignissen, die zu jenem Silvesterabend führten und den Folgen des Jahreswechsels.
Dargelegt wird dem Leser nicht nur die ‚Biografie’ von Soli, der als Schriftsteller in Berlin lebt, aber ursprünglich aus Prag stammt und mit seinen Eltern in den 1970er Jahren in die Bundesrepublik emigrierte, sondern auch von dessen besten Freund Noah Forliani, der als Millionenerbe die NGO „Goodlife“ betreibt, sich als Künstler und Schriftsteller versucht und mit seiner Frau Merav und den zwei Töchtern in Israel lebt, aber meist lieber durch die Weltgeschichte jettet. Was beide verbindet: ihre Väter kommen aus Buczacz – einer kleinen Stadt, die vor 1918 als Teil Galiziens zu KaKanien gehörte, nach dem Ersten Weltkrieg Polen zufiel und heute in der Ukraine liegt – und haben die Shoah im Gegensatz zum Großteil der jüdischen Bevölkerung der Stadt überlebt. Soli und Noah sind „zwei Halb-Überlebende“.

Die Forlianis waren eben auch nicht besser als die Karubiners. Sie waren feige, moralisierend, brutal wie jeder Jude, der erst mit einem Bein das Ghetto verlassen hat. Und vielleicht verband Noah und mich das viel mehr als unsere ewige melancholische Buczaczer Geilheit.

Während Soli in Berlin und Tel Aviv mit Exhibitionismus-Skandalen unfreiwillig auf sich aufmerksam macht (die Yellow Press tituliert ihn als den „wichsenden Heine“) und vom deutschen Nachwuchsschriftsteller und Antisemiten Claus erpresst und schließlich in die „unfreiwillige Alija“ nach Israel getrieben wird, weil er glaubt, seinen Erpresser in einem brandenburgischen See ertränkt zu haben, inszeniert Noah in Dafur, wo er eine Filmproduktion mit Hollywoodgrößen finanziert, seine Exekution und beginnt ein neues Leben in New York.

Was für ein trauriges, verdammtes biografisches Chaos! Ich war ein Mörder, ein Spanner, ein Exhibitionist wider Willen. Ich schrieb zum zweiten Mal hintereinander den selben schlechten Roman.

Begleitet wird die Haupthandlung von unzähligen Nebenhandlungen, auf die immer wieder querverwiesen wird, und vielen schillernden Figuren, die nicht selten mehr als einen Namen tragen. Als Orientierungspunkt im Verweisdschungel dient das vorangestellte Personenverzeichnis, das die Figuren mit kurzen, heiteren Beschreibungen identifiziert:
„Rami Bar-On alias Rashnawala Pranjabba alias Shaki „7“ inch, israelischer Elitesoldat, Antiquitätenhändler und buddhistischer Mönch, verliebt in Merav, Noah Forlanis Frau.“

„Le chaim, Freunde! Auf die Wiedergutmachung, die wir uns selbst spendiert haben!“

Doch nicht nur die vielen Figuren und Handlungsstränge veranlassen Kritiker dazu, „Biografie“ als „Farce“ zu bezeichnen, sondern auch die Erzählstimme fordert den deutschen Leser auf gleich zwei Ebenen heraus: Auf inhaltlicher Ebene spielt Biller sämtliche antijüdische Klischees aus, die befremdlich anmuten und teils schwer zu ertragen sind. Geldgier und ‚ewige Geilheit‘ (siehe oben) sind hier nur die beiden Offensichtlichsten. Auf narrativer Ebene hört der Leser dem Schriftsteller beim Denken zu, er schaut ihm bei der Rekonstruktion des Romans oder besser „der Geschichte“ über die Schulter. So kommt es zu permanenten Sprüngen zwischen erzählten Zeiten und Orten, die für Soli klar zusammenhängen, aber für den Leser passagenweise nicht durchdringbar scheinen. Immer wieder kommentiert das Ich sein Erzählen („An dieser Stelle sollte ich einen Zeitsprung machen“), der Leser wird adressiert, aber wirklich abgeholt wird der wohl überwiegende Rezipientenanteil ohne jüdischen Hintergrund nicht.
Der Klappentext verkündet, „Biografie“ sei der „jüdischste“ Roman der deutschen Gegenwart, und das stimmt sicher, wenn man berechnen würde, wie hoch der Anteil von jiddischen und hebräischen Vokabular ist, mit dem der Text durchzogen ist. Deutschsprachige Redewendungen werden ivritisiert: „Mach einmal im Leben etwas von Alef bis Ajin.“ Aber auch hier hält Biller dem „deutschen“ Leser den Spiegel vor, denn sein Kernthema bleibt die Shoah und die damit verbundene Auslöschung der jüdischen Kultur – und dazu gehört nun einmal auch die Sprache – in Europa. Wäre dieser Roman 1920 erschienen, der zeitgenössische Leser von Damals hätte wohl mehr ganz selbstverständlich verstanden und weniger Rezipienten würde diesem Text Unlesbarkeit vorwerfen.

Mein Leben ist ein Roman, dachte ich, fantastisch!, sonst ist es doch immer andersrum.

Dazu verkompliziert sich die Lektüre durch Billers Spiel mit der der literarischen Wirklichkeit, mit dem Biller-Kenner schon aus dem früheren Roman „Die Tochter“ vertraut sind. Dem Schriftsteller-Ich, das den Leser durch die erzählte Welt lenkt, kann nicht vertraut werden, denn nicht selten stellt sich nach seitenlangen Dialogen oder Ereignisschilderungen heraus, dass diese nicht ‚wirklich‘ stattgefunden haben, sondern sie vom Schriftsteller-Ich (wahlweise aber auch von anderen Figuren) nur imaginiert werden. In einem Text, der sonst mit faktionalen Wirklichkeitsreferenzen (Straßennamen, Zeitgeschehen, reale Menschen als Figuren) durchzogen ist, verkompliziert sich so der Zugang, man weiß nicht, was ‚wirklich passiert‘ ist, aber wer sich von dieser Irritation frei macht, der sieht, dass sich hier ein poetologischer Diskurs über Fiktionalitätskonzepte eröffnet.

Wann fängt es an, dachte ich, wer tut als Erster seinem Kind so weh, dass es später seinem Kind wehtun wird?

[…] wir haben doch alle ein Problem mit unserem Papi […]

Auch wenn der rote Faden über die 900 Seiten das eine oder andere Mal verloren zu gehen scheint: Das Hauptmotiv lässt sich im Laufe des Textes klar ausmachen und wird immer detaillierter ausbuchstabiert: beide Protagonisten haben ein Vater-Trauma. Beide Väter sind nicht nur Überlebende, sie sind auch selbst Mörder, sie sind Mörder ihrer eigenen Väter. So hat Noahs Vater Schloimel anstatt sich selbst seinen eigenen Vater bei der Räumung des Ghettos in Buczacz auf die Transportliste in den Osten geschrieben, Solis Vater Wowa, der während des Kalten Krieges als Doppelagent für Ost und West arbeitete, liefert seinen Vater aus, um seine Tarnung aufrecht zu erhalten. Das Trauma hat sich auf die Kinder übertragen. Noah und Soli sind in permanenter psychologischer Behandlung (die Diagnose lautet: „Post-Holocaust-Depression“), sie sind unfähig, Beziehungen zu führen, sie sind rastlos, leiden unter Verfolgungswahn, haben Sprachfehler und Verdauungsprobleme. Auch wenn dieser Roman konstant voller Humor und Selbstironie ist, das Fazit ist erschütternd.
Das zentrale Thema des Romans fasst Maxim Biller im ZEIT-Interview mit Adam Soboczynski selbst:  Es geht nicht um die Darstellung des Holocaust , sondern um die Frage, „welche Spuren er bei den Überlebenden und den folgenden Generationen hinterlassen hat.“

 „Warum?“ – „Weil man erlebt haben muss, worüber man schreibt.“ Noah (Lippen kräuselnd und verliebt lächelnd): „Du Schmock. Aber ich liebe dich trotzdem.“

Maxim Billers „Biografie“ polarisiert. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat dieser Roman das Potenzial zum Bestseller zu werden, weil Biller als Person so umstritten ist. Mit poetologischen Selbstaussagen wie „Man kann nur über das schreiben, was man erlebt hat“ – aber natürlich auch mit der Betitelung „Biografie“ – eröffnet der Autor hier selbst eine voyeuristische Lesart, die es nahelegt, das Schriftsteller-Ich Soli Karubiner mit dem Autor Maxim Biller gleichzusetzen, sämtliche Eigenschaften zu übertragen und das negative Bild von Biller bestätigt zu finden, das sich Biller-Kritiker gebildet haben. Dennnoch darf nicht übersehen werden: keiner der bisherigen Romane von Biller – und kaum ein anderer deutschsprachiger Roman – war so witzig, so selbstironisch. Diese 900 Seiten starke Herausforderung sollte jeder interessierte Leser der deutschen Gegenwartsliteratur annehmen, denn Maxim Biller hat hiermit erneut bewiesen, dass er nicht nur einer der wichtigsten Literaturkritiker des Landes ist, sondern auch einer der wichtigsten Schriftsteller.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.