Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin.

Wie jedes Jahr ist es müßig und reizvoll zugleich, sich zu fragen, warum diese und jene Entscheidung so oder so gefallen ist, bei »Otto« vielleicht noch mal mehr, denn diesem Roman eilt etwas Heikles voraus. So muss man zumindest die Rezension von Felix Stephan in der Süddeutschen verstehen, der mit folgendem Bulletpoint (vermutlich eher von der Redaktion eingefügt) überschrieben ist: »Kann man lustig über den Holocaust erzählen? Dana von Suffrin wagt das in ihrem Debütroman über die letzten Monate ihres Vaters – und hat einen glänzenden Text geschrieben.« Stephan federt sich theoretisch ab, in dem er mit Bergson über das Wesen des Witzes spricht und sieht schlussendlich dieses Wagnis als gelungen an.

Vielleicht war es Tann in mancher Hinsicht besser ergangen als Babi und mir, weil sein Vater schon tot war.

Das Wagnis, das hier eingegangen wird, ist ein grundsätzliches, aber vielleicht auch ein sehr konkretes, weil jüngst ein Buch erst sehr krachend gescheitert ist, literarisch mit der Shoah (wenn auch nie intendiert witzig) umzugehen. Doch »Otto« ist ein viel zu kluges Buch, um die gleichen Fehler zu machen, wie sie Takis Würger mit »Stella« unterlaufen sind. Die Autorin macht über die Erzählanlage des Romans nämlich von Anfang an deutlich, dass das Erinnern an die Shoah, je größer der zeitliche Abstand wird, ein gebrochenes Erinnern ist, ein Erinnern, das mehr und mehr auf die Nachbeben des Erlebten angewiesen ist.

Wir waren eine Familie von Negativisten.

Die Konstellation scheint erst mal simpel: Vater Otto ist krank und muss die meiste Zeit im Krankenhaus verbringen. Die Töchter Timna (die als Ich-Erzählerin in Erscheinung tritt) und Babi besuchen ihn so oft es geht, obgleich er in seiner unverwechselbaren charmanten und gleichzeitig rüden Art unterschiedlich auf sie reagiert: »Ich war seine Lieblingstochter, mich beleidigte er nur selten, während er meine Schwester häufig nur mit Arschloch ansprach.« Die Familie zog in der Generation von Ottos Eltern einst aus Osteuropa nach Wien, um dann schließlich zu einem gewissen Wohlstand in Siebenbürgen zu kommen, wo auch Otto aufgewachsen ist. Der Krieg hatte freilich anderes mit ihnen vor, aber sie überlebten und landeten schließlich in einem der schnell hochgezogenen Wohntürmen in Haifa, wo es Otto irgendwann nicht mehr aushielt (»Meinem Vater war das egal, er wollte die Enge und den Schmutz und die Araber hinter sich lassen […]«) und ausgerechnet ins Land der Täter, nach München zog.

Deutschland war für ihn nur heimlich das Land der Mörder.

Nun, Jahre und gescheiterte Ehen später, sieht Otto seinem Ende entgegen und ist zu einem Mann geworden, dessen Schrulligkeiten über die Zeit zu seinen hervorstechenden Charaktereigenschaften destilliert sind. Seiner Nachwelt, in diesem Fall eigentlich nur Timna (denn Babi hält er für wenig kompetent), gibt er nur noch einen Auftrag: Schreibt auf! Timna soll die Familiengeschichte aufzeichnen, was ihr als ungeliebtes Projekt in den Schoß fällt: »Ich musste das Chaos ordnen, ich musste die Ereignisse sortieren und alles, was je passiert war, in eine Reihenfolge bringen.«

Er sagte zum Beispiel: Mein Strahl läuft schwach und kontinuierlich, während wir armenische Suppe aßen.

Das ist vor allem aus zwei Gründen eine schwierige Aufgabe: Otto ist nicht immer der zuverlässigste Erzähler und Timna selbst hat eine immense Distanz zum Erzählten: »Das Haus, in dem er aufgewachsen ist, habe ich nur auf Google Street View gesehen.« Diese Distanz wird auch dadurch erhöht, dass die historischen Grenzen Siebenbürgens während und nach dem Zweiten Weltkrieg häufig hin- und hergeschoben wurden. Das bedeutet, dass hier eigentlich von einer Welt von Vorgestern gesprochen wird: »Außer Frage stand, dass in der untergegangenen Welt alles sehr traurig und sehr schlicht gewesen war […]«.

Ich kannte diese Verrücktheit gut, sie kündigte sich nachts an.

Einer der interessanten Punkte an der Romankonzeption ist, dass das Erzählte ständig zwischen Reflexion und bereits begonnenem Schreiben changiert. Während es häufig so wirkt, als würde die Ich-Erzählerin noch verarbeiten, nachdenken, Beobachtetes reflektieren, gibt es Stellen, da offenbart sich der Text selbst als Text (»damit meine er seinen Bruder Robert, s.o.«). Das »s.o.« verweist darauf, dass es da ein Textstelle gibt, auf die gezeigt werden kann und legt nahe, dass man sich beim Lesen schon in dem Familienmemoir befindet, das es im Erzählten eigentlich noch zu schreiben gilt.

Doch Otto wollte das Reihenhaus, den Neubau, das Haus ohne Zeit und ohne Geschichte, vielleicht weil er selbst so viel Geschichte in sich hatte […].

Auch dies ist ein Ausweis dafür, wie klug dieser Roman ist. Anders als »Stella«, das sich anmaßt, sich das historische Setting vollkommen untertan zu machen, denkt »Otto« jede erzählerische Hürde mit, die es beim Erinnern und Wiedererinnern zu nehmen gilt. Neben der eigenen Distanz zu den historischen Vorgängen, die die Ich-Erzählerin überwinden muss, muss sie nämlich auch noch Herrin des furchtbar-herrlich spießigen (und deutschen?) Archivsystems ihres Vaters werden: »Meine Mutter war für Otto der Aktenordner mit der Aufschrift URSULA, und für mich war sie ein Anrufbeantworter.« »Otto« ist auch ein Roman darüber, welche skurrile Formen das Erinnern annehmen kann und wie man diese Erinnerung zuruckübersetzt.

Ist Dana von Suffrins Roman ein Wagnis? Ja und nein. Natürlich ist die Verbindung von schwarzem Humor und dem Thema der Shoah in Deutschland, aber auch überall sonst, immer ein Wagnis. Auf der anderen Seite ist »Otto« ein sehr gelungener, fantastischer Roman. Und die dürfen fast alles.