Daniel Kehlmanns „Tyll“: Die Leichtigkeit der Leichtigkeit

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Es gibt nur noch sehr wenige Großereignisse im deutschsprachigen Literaturbetrieb, an denen sich die Öffentlichkeit ausrichtet: Klar, da ist der Deutsche Buchpreis, der den Herbst durchtaktet. Beim Nobelpreis ist man auch fünf Minuten gespannt, ob nicht mal wieder etwas für einen Deutschen abfällt. Und jetzt, wo der neue Handke erscheint, ist eine gewisse Aufgeregtheit im Feuilleton spürbar. Gleiches gilt vielleicht auch für einen neuen Daniel Kehlmann-Roman. Der Bestseller-Autor, der mit „Die Vermessung der Welt“ den größten literarischen Verkaufserfolg der jüngeren Geschichte feierte, ist auch mit „Tyll“ wieder anständig, wenn auch nicht großartig in die Bestsellerlisten eingestiegen. Kehlmann ist eine seltene Spezies: Er wird sowohl vom Publikum, wie auch vom Feuilleton geliebt. Und auch für seinen neuen Roman stehen wieder eifrig viele Kritiker bereit, um den erfolgsverwöhnten Autor mit Lobpreisungen zu überschütten. Scheinbar hat Kehlmanns Ruhm nicht nur ihn erfolgstrunken gemacht.

Denn an „Tyll“ lässt sich paradigmatisch erkennen, warum Kehlmann mit seiner klinischen Genauigkeit ein guter, aber kein großer Schriftsteller ist. Nach dem verunglückten „F“ und Ausflügen in die Poetikvorlesung und Erzählungen ist Kehlmann nun wieder zu einem historischen Stoff zurückgekehrt. Bis in den Dreißigjährigen Krieg reicht dieses Mal der Rückgriff; ob der Rowohlt Verlag (zusammen mit Herfried Münklers Studie zum Dreißigjährigen Krieg) das nächstjährige vierhundertste Jubiläum vorbereiten will, ist unklar. Den namensgebenden Tyll, Tyll Ulenspiegel hier im Roman, auch als Till Eulenspiegel bekannt, versetzt der Autor gleich mit in diese Zeit. Der eigentliche Stoff um und über Eulenspiegel ist eigentlich ein Produkt des 16. Jahrhunderts, doch der Schalk ist eine literarische Figur, die ein Prinzip bildet, das nicht an einen bestimmten zeithistorischen Kontext gebunden ist. Wieso also der Dreißigjährige Krieg? Im ZEIT-Interview gibt der Schriftsteller selbst Auskunft: „Ich weiß nicht, ob das vormoderne Narrenbild wiederkommt. Aber vormoderne Zustände kommen sicher wieder. Dynastische Familienpolitik zum Beispiel. Den Dreißigjährigen Krieg gab es unter anderem deswegen, weil die Mächtigen nicht einmal die Idee hatten, dass es Politik für den Staat oder für die Bevölkerung geben könnte. Politik machte man für die eigene Familie. Das ist bei Trump offensichtlich, dass er so funktioniert. In der Hinsicht sind seine Politikvorstellungen ganz vormodern.“

Zweimal im Jahr kam der Steuereintreiber und schien immer überrascht, dass wir noch da waren.

Man mag Kehlmann zu Gute halten, dass das Feuilleton nach Aktualitätsbezügen süchtig ist: Ein Roman, der sich einfach nur mit dem Dreißigjährigen Krieg als Zustand der politischen wie gesellschaftlichen Verwüstung auseinandersetzt? Undenkbar. Muss sicher was mit Trump zu tun haben. Auch wenn seine Antwort nicht ganz überzeugend wirkt (schließlich haben politische Dynastien in den USA große Tradition – man denke an die Rockefellers, Kennedys, Bushs und Clintons), setzt sie einen auf eine Spur zur Verständnis des Romans. Was ist es also, das „Tyll“ über vormoderne Zustände zu sagen hat?

„Denk an den alten Spruch. Was Besseres als den Tod findest du überall.“

„Tyll“ erzählt, wenig überraschend, die Geschichte von Tyll Ulenspiegel als Biographie einer Verheerung. Kehlmann arbeitet zu Anfang mit einer Prolepse, die Ulenspiegel schon als erwachsenen Künstlernarr zeigt, der in ein unbekanntes Dorf kommt. Der Protagonist ist als Phänomen bereits etabliert (der Roman liefert eine ziemlich prägnante Definition dessen, was Berühmtheit bzw. Prominenz ist: „Auf dem Kutschbock aber saß ein Mann, den wir erkannten, obgleich er noch nie hier gewesen war […]“) und wird dementsprechend empfangen. Ulenspiegel lädt das Dorf zu einem Spiel ein, das beinhaltet, dass er die Schuhe der Dorfgemeinschaft durcheinanderbringt. Das löst unter den Bewohnern einen heftigen Streit aus, der in einer Schlägerei mündet: „Wie ein Fieber griff die Wut um sich – wo man hinsah, wurde geschrien und geschlagen, Leiber wälzten sich […]“ Der Witz von Ulenspiegel ist da schon zu einer Grausamkeit selbst geworden, der „Comic relief“ bleibt aus. Humor in der Nachkriegsgesellschaft des Dreißigjährigen Krieg ist eine brutale Waffe ohne Humanität.

„Ein Buch ist eine Möglichkeit“

Im Folgenden werden Episoden aus Ulenspiegels Biographie geschildert, zum Beispiel seine schreckliche Kindheit und seine ersten Gehversuch auf dem so charakteristischen Artistenseil. Dann aber verschwindet Ulenspiegel auch manchmal völlig aus der Narration und andere Charaktere rücken in den Fokus, gelehrte Irrationalisten und Pfalzgraf Friedrich V., auch Winterkönig genannt, der mit seiner Großmannssucht einer der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges war. Die Erzählperspektive passt sich diesen wechselnden Protagonisten und Schauplätzen an. Wird der Anfang zum Beispiel von einem kollektiven Wir erzählt, das die Dorfgemeinschaft spiegelt, wechselt die Erzählperspektive dann in eine personale Erzählperspektive, die in ihrer Fokalisierung schwankt.

„Welcher Kaiser? Gibt viele.“

Die Gesellschaft, die „Tyll“ schildert, zeichnet sich neben ihrer Grundbrutalität vor allem durch zwei Dinge aus – Irrationalität und einem allgemeinen Vertrauensverlust: „Die Lage ist vertrackt. Man kann nicht einfach den Knecht mit dem Mehl losschicken, denn der könnte sich damit auf Nimmerwiedersehen davonmachen, einem Knecht darf man nie über den Weg trauen.“ Beides hängt natürlich unmittelbar miteinander zusammen, wer wenig Vertrauen in die Gesellschaft hat, sucht sich woanders seine Sicherheiten, häufig genug im Irrationalen. Und so tritt ein Drachenforscher auf, dessen Wissenschaft damals noch als tatsächliche Wissenschaft gelten konnte, heute aber als „fake news“ bezeichnet würde: „Man könnte hundert Jahre suchen und doch nie in die Nähe eines Drachen kommen.“ Dass es Drachen gäbe, obwohl noch keiner einen gesehen hat, ist auf einen ganz einfachen Grund zurückzuführen: „Jawohl, Drachenblut sei eine Substanz von solcher Mächtigkeit, dass man des Stoffes selbst nicht bedürfe. Es reiche, dass der Stoff in der Welt sei.“ Gesellschaften in der Krise sind Gesellschaften, die Antworten im Irrationalen suchen – das ist keine besonders neue Erkenntnis, die der Roman hier zur Tage bringt.

Der Knecht überlegt, ob er fortlaufen soll. Was hält ihn schon? Diese Frau wird sterben, und wenn er in der Nähe gewesen ist, wird man sagen, er sei schuld.

Spannender wird es an jenem Punkt, an dem Kehlmann in „Tyll“ Fragen der Fiktion und Biographie zusammenbringt. Man könnte seinen neuen Roman auch als Anti-Knausgard verstehen. Ulenspiegel oder Eulenspiegel verkörpert eine andere Form der Prominenz als die Selbstbespiegelungen minderbegabter Norweger. Als literarische Figur ist er nur in der Literatur lebendig, dort aber durch feste Zuschreibungen charakterisiert und universal anspielbar. Er kann in verschiedenen Kontexten auftreten und verändert sich dort, aber auch die Zusammenhänge im jeweiligen Kontext. Als literarische Figur, die auch ein Prinzip verkörpert, spiegelt er im konkreten Fall von „Tyll“ die soziopolitischen Zustände der Zeit. Ein literarisierter Knausgard wird immer an seine Zeit, an seine konkrete Geschichte gebunden sein.

Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.

Kehlmann rückt damit das Verhältnis von Wahrheit und Wahrhaftigkeit zurecht, in dem er zeigt, dass die Kraft der Literatur gerade darin besteht, Einzelschicksale in große Gesellschaftserzählungen zu transzendieren. Die Abkehr von biographischen Erzählungen im autofiktionalen Gegenwartssinn zeigt sich auch dadurch, dass Kehlmann eben keine chronologische Erzählung aufzieht. In „Tyll“ geht es an verschiedenen Stellen um Palindrome. Das Palindrom als Strukturprinzip ist sozusagen das Gütesiegel, an dem sich Literatur von einfachem Erzählen unterscheidet. Während triviales Erzählen nur über die Chronologie als immer wieder in sich greifende Ereignisverkettung herstellen lässt, ist Literatur als Palindrom von beiden Seiten lesbar: „Was es heißt, weiß er nicht, aber es liest sich vorwärts genauso wie rückwärts, und Sätze dieser Art haben besonders Kraft.“

Manche Wörter in seinen Sätzen stehen nicht dort, wo man sie erwarten würde, auch betont er sie anders; es klingt, als hätte er kleine Steine im Mund.

Doch bei all dem, das der Autor hier zu bedenken gibt und wie sehr man ihm als Verfechter eines Literaturbegriffs bewundert, der die Literatur als Kunstform des Fiktionalen ernstnimmt, so sehr wünscht man sich einen Kehlmann, der aus seiner Haut ausbrechen könnte. Daniel Kehlmann ist der Überstreber der deutschsprachigen Literatur, der sein Handwerk wie kaum ein anderer beherrscht. Seine Romane und anderen Texte sind von der handwerklichen Seite makellos komponiert. Doch wenn der alte Spruch „Kunst ist, das Schwere einfach aussehen zu lassen“ stimmt, muss man feststellen, dass Kehlmann ein Meister des Schweren, aber ein Scheiternder im Einfachen ist. Die Dialoge, die er in „Tyll“ aufführen lässt, sind spröde und langweilig, kein Wahnsinn eines Maxim Billers, keine hemdsärmliche Prolligkeit eines Thomas Glavinic.

Seiltanz: dem Fallen davonlaufen.

Rettung verspricht daher auch nicht – auch wenn viele Rezensionen auf den Trick hereinfallen – der Move, Leichtigkeit darüber herzustellen, dass man über Leichtigkeit schreibt. Der Seiltänzer Tyll Ulenspiegel zeichnet sich durch seine selbstmörderische Leichtig- und Wendigkeit aus. Doch Kehlmanns Literatur ist kein Seiltanz, sondern ein Puzzle, eine verschlüsselte Rätselbox, die erdacht und verstanden, aber nicht erlebt werden will.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

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