Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“

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Neben Elena Ferrantes neapolitanischer Saga hat wohl kaum ein Roman in den USA in den letzten Jahren einen so großen medialen Hype ausgelöst wie „A little life“, der zweite Roman der amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Beide Werke teilen die epische Länge – bei Ferrante zweitausend Seiten, immerhin auf vier Bände verteilt, im Fall von „A little Life“ knapp tausend Seiten am Stück – und in gewisser Weise auch die Thematik: Es sind die Geschichten lebenslanger Freundschaften. Während der eine Roman die Geschichte zweier Frauen aus dem italienischen Rione von ihrer Kindheit in den fünfziger Jahren an bis in die Gegenwart rekonstruiert, erzählt „A little life“ von vier Männern, die sich zu Collegezeiten in New York kennenlernen und ihr Leben lang verbunden bleiben. Nun ist „Ein wenig Leben“ in deutscher Übersetzung von Stephan Kleiner erschienen. Schwappt der Hype aus den USA rüber?

Es sieht ganz so aus. Bereits Wochen vor der Veröffentlichung wird Ein wenig Leben vor allem in den sozialen Netzwerken thematisiert, fotografiert und diskutiert. Auffällig ist, dass sich der Ton der Tweets und Instagram-Posts stark mit jenen aus den USA deckt. Obwohl Konsens über die Großartigkeit des Romans zu herrschen scheint, berichten gleichzeitig viele Leser von den Schwierigkeiten, die sie mit der Lektüre hatten. Ein wenig Leben sei „schwer auszuhalten – es bricht einem das Herz“, man weine viel, aber alle scheinen vor allem eines beim Lesen von Yanagiharas Roman zu empfinden: das Bedürfnis, über das Gelesene zu sprechen, sich auszutauschen. „Reading, of course, is a solo activity. But occasionally a book forces demands on you that are so immense you need consolation from others. You urge your book club to read it (or you form a book club to that end); you post status updates, you tweet; you give it to other people to read, burdening them so that you’re not left alone with this thing„, hieß es treffend in einem Artikel zum Erfolg von A litte life im Guardian. Was also ist so anders an dieser Geschichte?

In sieben römisch bezifferten Teilen, die in sich noch in einzelne Kapitel unterteilt sind, begleitet der Leser vier Jungs in New York, die über die knapp 1000 Seiten des Romans zu Männern werden: Willem Ragnarsson, ein Sohn skandinavischer Einwanderer, der im Westen Wyomings auf einer Farm aufwuchs, bevor er nach New York kam, wird erfolgreicher Schauspieler, Jean-Baptiste Marion, der von seinen Freunden nur JB genannt wird und dessen Eltern haitianische Wurzeln haben, ist in Brooklyn aufgewachsen und wird gefeierter bildender Künstler. Malcolm Irvine, ein aus wohlhabendstem Hause an der Upper East Side stammender Junge, der aufgrund seiner Hautfarbe – sein Vater ist schwarz, seine Mutter weiß – immer wieder in Identitätskonflike gerät, wird schließlich zum gefragten Architekten, während Jude St. Francis, dessen Herkunft für seine Freunde, zunächst auch für den Leser, rätselhaft ist, über die Jahre des Romans zum New Yorker Staranwalt avanciert, obwohl er aufgrund seiner musikalischen Begabung auch hätte Sänger werden können.

Der Mensch, der ich war, wird immer der Mensch sein, der ich bin, begreift er.

Auf den ersten Seiten von Ein wenig Leben werden anhand dieser vier zentralen Charaktere, die zunächst noch nahezu gleichberechtigt im Fokus der Erzählung stehen, spannende Motive aufgerufen – Identitätskrisen, Auseinandersetzungen mit der eigenen Herkunft –, die danach leider größtenteils ins Leere laufen. Denn spätestens ab dem zweiten Drittel steht Jude und mit ihm sein engster Vertrauter und bester Freund Willem, im Zentrum des Romans.
Jude ist krank – nach einem Autounfall, den er als Teenager hatte, leidet er unter plötzlich auftretenden Schmerzattacken im Bein, die aber eigentlich von einer Rückenverletzung herrühren. Das Gehen fällt ihm schwer, er humpelt, letztendlich sitzt er im Rollstuhl. Aber nicht nur sein Bein macht ihm Probleme, sondern auch seine Psyche, denn – und darum, nicht um die Freundschaft, geht es in überwältigendem Maße in Ein wenig Leben – Jude ist schwer traumatisiert. Was er erlebte, bevor er nach New York kam, und wie es ihn im erzählten „Jetzt“ des Romans beeinflusst, wird nach und nach aufgedeckt, aus verschiedenen Perspektiven rekonstruiert und vor allem: es wird nichts ausgepart. So findet man sich in seitenlangen Schilderungen von Kindesmisshandlung, Zwangsprostitution und Vergewaltigungen wieder, bei denen Jude fast umgebracht wird. Dass er sich ständig so stark ritzen muss, dass er nicht nur einmal zu verbluten droht, überrascht da nur noch wenig.

Als er abends allein war, weinte er selbst: nicht wegen dem, was er getan hatte, sondern weil er nicht erfolgreich gewesen war, weil er trotzdem noch am Leben war.

Es sind diese Szenen, welche die Lektüre von Ein wenig Leben prägen, und es sind diese Szenen, die als Grund für den überdurchschnittlichen Austausch über das Buch in sozialen Medien auszumachen sind: Es ist schwer zu ertragen, was man meist allein und still für sich liest, dass man darüber reden möchte, um es selbst zu verarbeiten – im Gegensatz übrigens zu Jude, der aus seiner Vergangenheit gegenüber seinen Freunden und Vertrauten ein großes Geheimnis macht und sich erst gegen Ende Willem offenbaren kann. Ein Happy End gibt es nicht, aber das ist jedem Leser spätestens ab der Hälfte des Romans bewusst.

Keinen Sex haben: Das war einer der größten Vorzüge des Erwachsenseins.

Ironisch mutet da die Coverwahl an: die 1969 entstandene Photographie von Peter Hujar, die nicht nur das Cover der deutschsprachigen Ausgabe schmückt, sondern bereits beim Original auf Wunsch der Autorin verwendet wurde, ist mit „Orgasmic Man“ übertitelt, obwohl viele, das verraten unter anderem die vielen Social-Media-Posts zum Titel, die Impression des Mannes vor allem im Kontext des Textes mit Schmerzen zu assoziieren scheinen.

Der hyperrealistische Stil von Ein wenig Leben macht das Lesen der Gewalt-Szenen, die von der Vergangenheit Judes erzählen, noch weniger erträglich. Besonders die schlimmsten Erinnerungen aus Judes Leben werden szenisch erzählt, die Erzählzeit wird zur erzählten Zeit, wenn Jude von seinem Freund Caleb fast totgeprügelt wird oder er langsam das Bewusstsein verliert, während er nach dem Ritzen fast verblutet.
Im Narrativ selbst spiegelt sich der realistische Erzählmodus im fotorealistischen Kunststil von JB, der als Alter Ego-Figur des Erzählers – oder gar der Autorin – zu interpretieren ist, denn JB malt als bildender Künstler, genau wie Yanagihara als Schriftstellerin, nahezu ausschließlich Portraits von Willem und Jude. Beide fokussieren sich in ihrer Kunst auf die Details. JB ist derjenige, der am Ende als einziger der vier übrig bleibt.

Auf der anderen Seite ist Ein wenig Leben mit seinem starken Hang zur – nicht nur sprachlichen, sondern auch narrativen – Hyperbel alles andere als ein realistischer Roman. Yanagihara spielt, so behauptet sie in einem Interview mit dem Guardian, bewusst mit der Übertreibung, um ihre Leser auszutesten:

“One of the things my editor and I did fight about,” Yanagihara says, “is the idea of how much a reader can take. To me you get nowhere second guessing how much can a reader stand and how much can she not. What a reader can always tell is when you are holding back for fear of offending them. I wanted there to be something too much about the violence in the book, but I also wanted there to be an exaggeration of everything, an exaggeration of love, of empathy, of pity, of horror. I wanted everything turned up a little too high. I wanted it to feel a little bit vulgar in places. Or to be always walking that line between out and out sentimentality and the boundaries of good taste.”

Man kann sich trotzdessen fragen, ob es so viel so detailliert ausbuchstabierte Gewalt braucht. Hat es etwas Voyeuristisches an sich, von so viel Leid zu lesen? Ist der Grund des Erfolgs dieses Romans möglicherweise der selbe wie bei blutigen Splatter-Thrillern? Wahrscheinlich nicht, denn erzählerisch kann dieser Roman schon mehr. Hinter dem raumeinnehmenden Motiv des Romans, das zu fragen scheint, wie viel ein Mensch ertragen kann, lotet Ein wenig Leben  auch reflektiert und intelligent die Räume und Grenzen von menschlicher Selbstbestimmung und zwischenmenschlichen Beziehungen aus und wird in gewisser Weise zu Bildungsroman und Anti-Bildungsroman in einem, der zugleich eine Auf- und eine Abstiegsgeschichte auf zwei verschiedenen Ebenen erzählt.
Durch seine thematische Radikalität sticht Yanagiharas zweiter Roman aus der Masse der Gegenwartsromane hervor, nicht aber unbedingt durch sprachliche Besonderheiten oder peotologische Nova. An der deutschen Übersetzung ist wenig zu bemängeln. Allein die Übertragung von A little life zu Ein wenig Leben nimmt dem Romantitel leider die Doppeldeutigkeit des Originals: So könnte „A little life“ nicht nicht als ein „wenig“ oder „bisschen“ Leben, sondern auch als „Ein kleines Leben“ übersetzt werden, wie es später im Fließtext des Romans geschieht: „… aber es führte dazu, dass ihm sein ohnehin schon kleines Leben noch kleiner vorkam.“

Wenn man an einen Roman vor allem die Erwartung hat, dass er einen emotional berührt und mitfühlen lässt, und man nicht zu zart beseitet ist, kann man beherzt zu Ein wenig Leben greifen und wird belohnt mit einem wohl einzigartigen Leseerlebnis. Jedermanns Sache ist dieser Roman aber sicher nicht.


Wir danken Hanser Berlin, die hier eigens eine Sonderseite für Ein wenig Leben eingerichtet haben, für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

  1. Eine wirklich ausgezeichnete Besprechung. Besonders die Aufklärung zu den bewusst eingesetzten Übertreibungen fand ich sehr erhellend. Danke und viele Grüße, Petra

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