„Das bessere Leben“: Ideenland ist abgebrannt

Peltzer

Würde man Wetten auf den Gewinner des Deutschen Buchpreises abschließen, Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ würde wohl die niedrigste Gewinnquote erzielen. Der in Berlin lebende Romancier gilt als großer Favorit für den diesjährigen Preis. Auch Peltzers vorherige Romane, genauso wie seine Zusammenarbeit mit Regisseur Christoph Hochhäusler für den Film „Unter dir die Stadt“ haben positive Resonanz im Feuilleton gefunden. Nun positioniert er sich mit „Das bessere Leben“ in einer Debatte über unsere Gegenwart und wie sie es mit großen Utopien vom Fortschritt hält.

Die Redewendung von der immer komplexer und schneller werdenden Welt rangiert von ihrer Aussagekraft auf gleichem Niveau wie der Ausspruch über die schlimme Jungend, die von Generation zu Generation mehr verkommt. Sie dient weniger dazu, die Gegenwart zu beschreiben, als die eigene Überforderung im Angesicht der gegenwärtigen Aufgaben zu artikulieren. Dass sich jede Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt in ihrer Geschichte Komplexitätszuwächsen gegenübersah, ist dabei nicht relevant, Hauptsache man vergewissert sich, dass nun gerade man selbst in einer Zeit lebt, wo wirklich alles viel schwieriger ist als vorher. Wie müssen sich nur die mitteleuropäischen Stämme gefühlt haben, als sie plötzlich Teil des römischen Reichs waren? Oder der Mensch, der sich den ersten Dampfmaschinen gegenübersah? Über den Befund der komplexer werdenden Welt muss sich schon differenzierter nachdenken lassen. Gott sei Dank tut Ulrich Peltzer genau das.

Es ging aufwärts, für jeden sichtbar brach sich das Neue unwiderstehlich Bahn durch die steinernen Zeugnisse einer überwundenen Zeit (des Aberglaubens und der Bedrückung), riss sie mit Macht hinweg, der Macht eines heroischen Willens, dem sich keiner entziehen vermochte, unmöglich.

„Das bessere Leben“ versammelt drei Figren in seiner Mitte, die mehr oder weniger alle im gleichen Geschäftsfeld arbeiten: Jochen Brockmann, der Sales-Manager einer italienischen Firma für Beschichtungsmaterialien, Sylvester Lee Flemming, eine zwielichtige Gestaltung aus der Versicherungsbranche und Angelika Volkhart, die bei einer Reederei arbeitet. Anders als man es zunächst vermuten könnte, haben wir es hier also nicht mit der Figur zu tun, die unsere Gegenwart in der letzten Zeit mit am meisten geprägt hat: Dem Banker. Dennoch haben alle drei Figuren gemeinsam, dass sie nur bedingt mit Realien arbeiten. Sie befinden sich an den Schnittstellen der Vertriebswege, in ihre Existenz ist das Transitäre eingeschrieben.

Folgerichtig wirkt auch ihre Umgebung ortlos und unbestimmt: Ihre Heimat sind die weiß-gestrichenen Hotelzimmer, die dank Klimaanlage über ihre eigene Atmosphäre verfügen, ihre Nahrungsquellen sind die vielen austauschbaren Restaurants, die nichts darüber verraten, wo sie sich gerade befinden: „Ich esse jeden zweiten Abend bei mir unten javanesisch, balinesisch, sulawesisch, you name it.“ Das mobile Leben findet immer nur dann Schnittstellen mit anderen, wenn die drei Figuren sich zufällig in der Welt begegnen. Zwischen Jochen und Angelika entwickelt sich eine Romanze mit unklaren Ausgang, während Flemming Jochen – wie es seiner Art entspricht – ins Zwielicht führt.

„Bist du ab und zu noch in der Heimat?“ Was für ein Wort.

Die andere Gemeinsamkeit, die die Figuren teilen, besteht darin, aus utopischen Welten in unschöne Realitäten geführt worden zu sein: Angelika kommt aus der DDR und konnte den Alltag des großen sozialistischen Traumes miterleben, Flemming wurde in jungem Alter Augenzeuge des Kent-State-Massakers in Ohio und Brockmann kommt scheinbar aus dem gleichen Elternhaus wie Anke Stellings Protagonistin. Die Frage, wie Utopien verloren gehen, beschäftigt den Roman so sehr, dass seine Narration bis ins Moskau der Dreißigerjahre führt, wo trotz dem glorreichen Ziel der Weltrevolution vor allem interne Denunziationen herrschen. Spätestens nach dieser Episode eröffnet sich dem Leser: So wenig wie sich in unserer Gegenwart Fortschritt linear denken lässt, ist es auch der Literatur nicht möglich, linear und geordnet zu erzählen.

„Gibt keinen Plan, Gott lacht über Pläne.“

Doch wie ist der Fortschritt eigentlich in solche Kalamitäten gekommen? Von den biographischen Erfahrungen der drei Figuren spinnt sich ein ganzes Netz an Zweifeln über den Status des geschichtlichen Verlaufs. Nicht nur, dass Utopien in ihrem Fortgang immer wieder von staatlicher Seite her abgewürgt wurden: Der Fortschritt stellt sich immer wieder selbst in Frage, ein Phänomen, das schon Adorno in seiner „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben hat. Peltzer bebildert dies mit Episoden aus der sozialistischen Realität – die letzte Utopie, die sich durch ihr eigenes Handeln aus den möglichen Gesellschaftszielen verabschiedet hat. Das menschliche Vorangehen produziert – so scheint es – gleichzeitig auch immer seinen eigenen Niedergang.

Da – ja, es war ein schreckliches Jahrhundert, das vergangene, bestätigte sie sich oft, um sich dann in Erinnerung zu rufen, dass es zugleich auch eine des Fortschritts, der Erkenntnis, großer Errungenschaften war.

In einem der letzten Gespräche zwischen Jochen und Angelika eröffnet sich dem Leser, dass eigentlich beide nicht so genau wissen, wie sie dort angekommen sind, wo sie sich befinden. Jochen hat eigentlich mal Romanistik studiert, Angelika ist von Haus aus Russischlehrerin. Nichts in ihrem Lebensweg gab einen Hinweis darauf, dass sie in der Business-Welt enden würden. So stellt sich die Frage, inwieweit das Leben viel mehr einem ständigen Kontingenzprinzip unterworfen ist. Das nichtplanbare Leben als Miniaturversion gesellschaftlichen Handelns? Eine traurige Andeutung dieses Romans.

Mit dem Zweifel an der Zukunftsrichtung kommt auch die Unsicherheit über mögliche Formen des Widerstands. Vorkommnisse wie das Kent-State-Massaker zeigen die produzierte Ohnmacht gegenüber übermächtigen Gegnern. Deshalb könnte man „Das bessere Leben“ auch als eine Geschichte der Gewalt lesen: Die staatliche Macht ist dort präsent, wo Subversion droht, lässt aber in den Räumen ein Vakuum entstehen, wo sich zwielichtige Geschäftsmodelle wie die der Figur Flemming entwickeln. Einen Ausweg suchen daher viele in Ausweichstrategien: Die eine widmet sich der Esoterik, der andere fängt an, eine Familienchronik zu erstellen. Der Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse transformiert sich in Selbstvergewisserung: Das Verhältnis zu Welt, was sich in solchen Vorhaben äußert, ist ein gestörtes. Darin äußert sich vor allem eine Sehnsucht nach Verbindlichkeiten und der Versuch sich in einer gefühlten Ortlosigkeit einen Privatplatz in der Geschichte zu verschaffen. Dort wo komplexe Deutungsstrategien an der gesellschaftlichen Realität scheitern, werden sie von Simplifzierungsideologien ersetzt.

„Auf uns, auf dich“, sagte Brockmann, „die Zukunft“, und leerte das Glas in einem Zug.

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ ist ein großartiger Roman, so sehr man auch Lust hätte bei dem einhelligen Lob von allen Seiten Widerspruch einzulegen. Oftmals wurde Peltzers komplexes Narrationsgerüst, seine virtuose Form der direkten Rede und seine Fähigkeit seinen Figuren gleichzeitig sehr nah zu kommen, ohne den nötigen Abstand zu verlieren. Man kann nicht widersprechen. Dass man das Buch trotzdem unbefriedigt zuschlägt, ist wohl eher eine der weiteren großen Stärken dieses Textes. Peltzer stellt hochrelevante und kluge politische Überlegungen an, hat aber nicht den Anspruch, sie im gleichen Zug zu beantworten. Ein Glück für diesen Roman, eine große Tragödie unserer Gegenwart.

Selbst er, selbst ich, dachte Fleming, letzten Endes immer auch eine Sache von Trial and Error, das ganze Leben wie in einem ausgeklügelten Experiment. Und von wem ausgeklügelt? Was für eine Frage, auf der Stelle brach er in Gelächter aus.

6 Kommentare

  1. Hier auf den Blogs gab es durchaus auch Kritik an Peltzers „unlesbarer“ Geschichte, die zustimmenden, die begeisterten Stimmen, wie wir sie auch in den Feuilletons lesen konnten, sind hier eher weniger zu finden. Umso mehr freue ich mich ja, dass hier mal wieder jemand von Peltzers Roman so eingenommen ist wie ich, dass sich hier jemand auch gleich noch so weit aus dem Fenster hängt und den Roman buchpreisverdächtig findet. Jedenfalls möchte ich mich dem Hoffen und Wünschen anschließen, denn Peltzers Roman ist, wenn auch nicht ganz so aktuell wie Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“, zum einen eine Zeitdiagnose, zum anderen auch literarisch ganz hervorragend – oder auch: „herausfordernd“ – gestaltet.
    Du schreibst ja auch vom Ende der politischen Utopien, die Peltzer so deutlich beschreibt. Ja, die Politik, die Werte sind dieser Generaton der um die 50-Jährigen völlig abhanden gekommen, wenn es sie noch gibt, dann werden sie nun auf dem alternativen Restbauernhof ausgelebt – letztendlich ja auch nur eine Form angepasster Bürgerlichkeit. Wahrscheinlich ist es ja so, im Alltagsleben, im Streben um den eigenen Platz in Beruf und Gesellschaft schleifen sich die jugendlichen politischen Ideen schnell ab, die GRÜNEN zeigen das sogar in ihrer Parteientwicklung.
    Und auch literarisch wird hier richtig viel geboten: die inneren Monologe, die Verknüpfung mit der Kunst, die geheimnsivollen Namen (ist Fleming wirklich nur ein dubioser Versicherungsverkäufer oder doch ein moderner – ein kapitalistischer – Teufel?), die Wette mit Àngel (ist hier nicht auch ein bisschen Faust im Spiel?), das assoziative Wandern von einer Person zur anderen (es gibt da eine Szene im letzten Drittel des Romans), einmal quer um die Welt, wie in einem Hypertext, das alles ist anspruchsvoll und vieldeutig gemacht.
    So hast Du mich mit Deiner Peltzer-Besprechung doch tatsächlich noch einmal so richtig zum Schwärmen gebacht…
    Viele Grüße, Claudia

  2. Chapeau! In dieser Besprechung steckt alles, was auch ich mir zu dem Buch gedacht habe – aber ich ringe noch mit meiner Rezension. Ihr bringt es sehr gut auf den Punkt ….und jetzt werde ich mir noch schwerer tun mit meiner Rezension. Zumal mir auch Claudia noch meinen Ansatz vorwegnimmt – die Bezüge zum Faust. Ach ja…aber hauptsache, es gibt noch mehr, die den Peltzer-Roman erkennen und deuten. Für mich ist er unter den von mir gelesenen dbp-Büchern der Favorit.
    Viele Grüße Birgit

  3. Danke euch beiden. Ich glaube, was du, Claudia, über die Aktualität im Vergleich zu Erpendecks Roman sagst, wird „Das bessere Leben“ auf Lange Sicht in die Karten spielen. Häufig hat man ja dann doch das Gefühl, dass Texte, die zu stark auf konkrete tagespolitische Ereignisse Bezug nehmen, mit sinkender Medienaufmerksamkeit auch sehr schnell altern oder an Relevanz verlieren. Ein universeller Zugang zu Utopien und Fortschritt, wie Peltzer ihn wählt, hilft da schon eher, in der Flut der Neuerscheinungen nicht nach ein-zwei Jahren wieder unterzugehen.
    Ich glaube aber auch, dass – um den Vergleich mal kurz weiterzuspinnen, der sich sicherlich nicht in allen Belangen anbietet – durch die Brille Peltzers erst richtig deutlich wird, wie literarisch limitiert „gehen, ging, gegangen“ ist und wie sehr es vielleicht doch eher Dokumentation und Montage ist als tatsächliche Literatur. Zwar kann einem das Buch aufgrund seines Blicks auf die Flüchtlingsfrage sympathisch sein, aber Relevanz ist ja nun nicht das einzige Merkmal von Literatur. Peltzer kann eben beides verbinden.

    • Und ich komme mit der Erpenbeck-Besprechung auch nicht so recht weiter. Vielleicht aus dem Grund, den Du am Ende erläuterst: Relevanz.
      Viele Grüße, Claudia

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