Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

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Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet.

Ausgangspunkt des Romans ist der erste Tag der Flut im Sommer 2012. Ein Sonnenstich, Bier und der Schock der Verwüstung des einzigen Ortes, den der Protagonist Finn je kannte, lösen in ihm einen Erinnerungsprozess aus, der im ersten Teil des Romans geschildert wird und die Ereignisse im Sommer 1992 schildert, als Finn und seine Freunde 10 Jahre alt waren.

Dieser Ort schleift an dir herum. Bis du die Form hast, die du brauchst, um als Rädchen in diesem seltsamen Uhrwerk zu funktionieren, für einen dunklen Zweck, den niemand kennt.

Der Raum, in der sich die komplette Narration abspielt, ist das norddeutsche Dorf Thule, gleich an der Meeresküste in Schleswig-Holstein. In der Peripherie, offenbar abgeschnitten vom Weltgeschehen („‚Deutschland weiß von dem Ganzen hier nix‘, sagte meine Mutter.“), wächst Finn als Außenseiter auf. Nachdem sein Vater Selbstmord beging, ist er mit seiner „automatischen“, lethargisch gewordenen Mutter und seinem autistischen Bruder Reini allein. Seine einzigen Freunde sind der unter ADS leidende Albino Tille, der übergewichtige Diego, dessen Vater von Venezuela über Süddeutschland nach Thule kam, der deshalb als doppelter Ausländer gilt und dem ein Zeh fehlt, weil ihn der agressive Baumann, genannt Dogge, in einem Wutanfall abtrennte und sich nur aus Schuldgefühlen und Miteid den Außenseitern der Dorfjugend angenommen hat. Gemeinsam fürchten sie vor allem die drei Baschi-Brüder, die im Dorf ihr Unwesen treiben und gefürchtet sind. Beim Spielen finden sie im ersten Teil des Romans, der im Sommer 1992 angesiedelt ist, einen abgetrennten, menschlichen Arm.

Der Teufel ist in Thule.

Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse. Insgesamt gibt es – vor und nach dem geschilderten Tag im Sommer 1992 – 39 Tote (darunter auch Finns Vater), die offenbar alle ein Symbol verbindet: Zwei ineinanderliegende Kreise, durch die ein gemeinsamer Radius gerade nach unten verläuft. Allen gefundenen Leichen fehlt ein Körperteil, das offenbar sauber abgetrennt wurde. Im Fall des Arms bedeutet dies: Wenn das Körperteil gefunden ist, wo ist dann der Einarmige?
Finn, der stille, unauffällige, introvertierte Junge, der im Dorf als jener bekannt ist, der sich hinter seiner Fotokamera versteckt (ein Geschenk des verstorbenen Vaters), wird immer tiefer in das Geschehen hineingezogen, als er auf Katja trifft und die eine komplizierte, umfassende Verschwörungstheroie entwirft, die sie zusammen mit ihrem Fotografen Finn, in einem Notizbuch dokumentiert, das Finn am Tag der großen Flut zwanzig Jahre später bei sich trägt, und in dem genau jene große Flut von Katja vorausgesagt wurde.

Obwohl die Erzählperspektive, das autodiegetisch erinnernde Ich Finn, den Großteil des Textes über konstant bleibt, wechseln die Zeitpunkte, an die sich erinnert wird, gedankensprungartig in den Unterabschnitten hin- und her. Auffällig ist auch das Spiel mit dem Tempusgebrauch: Im vermeintlichen „Jetzt“ der Flut (das Wort „heute“ wird mehrmals gebraucht) wird im Präteritum erzählt, während die Kindheitserinnerungen Finns im Präsens wiedergegeben sind. Es entwickeln sich im Verlauf des Romans verschiedene Erzählebenen, die ab dem zweiten Kapitel auf besonders kunstvolle Weise visualisiert werden. Das Layout des Textes organisiert sich in diesen Passagen an vertikalen Linien am linken bzw. rechten Seitenrand entlang und erzeugt so eine gewisse Gleichzeitigkeit.

Was nicht okay war: Das ich mich nicht gewundert habe.

Thule wird als Achsenzone zum Austragungsort des Weltschicksals. Die genauen Umstände, die dazu führen, können an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden, denn „Der Fuchs“ ist – in einer seiner vielen Ebenen – ein Text, der es weiß, Spannungen aufzubauen, dem Leser proleptisch Hinweise zu geben und zu einem späteren Zeitpunkt zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. Wer den „Fuchs“ liest, rätselt in bester Kriminalmanier mit, was all die Spuren zu bedeuten haben.

Eine Erklärung für die Ereignisse in Thule bietet wie bereits angedeutet ein Modell, das über die Geschehnisse hinaus das Universum, die Existenz der Welt und des Menschen erklärt. Die Stockmannsche Genesis umfasst eine Urmutter, einen Göttersohn, der zum Göttervater wird, als er selbst schöpfen möchte. Was in Thule geschieht, wird von „Agenten“ in einem überirdischen Büro protokollarisch gesteuert. Die Figuren des Romans, die sich in der erzählten Welt als Menschen bewegen, werden als Figuren in einem universalen Spiel entlarvt. Jener Überbau mit Universalerklärungsanspruch grenzt Stockmanns Roman einerseits gegen andere dystopische Texte der deutschen Gegenwartsliteratur ab und findet kreativ Antworten auf existenzialistische und alltägliche Fragen, andererseits grenzt sich der Text so genretechnisch ein. „Der Fuchs“ wirkt passagenweise sehr fantastisch. Wer Wert auf einen gepflegten Wirklichkeitsrealismus legt, wie er die deutschsprachige Gegenwartsliteratur dominiert, wird von der Fantasie Stockmanns, die passagenweise kein Ende zu finden scheint, beinahe erschlagen. Sein Modell setzt darüber hinaus ein gewisses Verständnis der Einstein’schen Relativitätstheorie voraus, wenn Zeit und Raum im Erzählten und im Erzählen aufgelöst werden, was den Rezipientenkreis wohlmöglich ebenfalls einschränkt.

„Ist gut, Finn. Alles ist gut. Glaub an dich. Du bist ein Fuchs.“

Viel bemerkenswerter als der Genesis-Vorschlag an sich ist die Vielschichtigkeit des Textes. „Der Fuchs“ deckt sowohl das klassische, dem Endzeitszenario entsprechende „Jeder gegen Jeden, Überleben um jeden Preis“ inklusive dem Vorführen der menschlichen Instinkte ab, als auch ausgeprägte mythische und poetologische Textebenen, die kunstvoll dargeboten werden.
Jene Mythologie beginnt bereits beim Titel. Kaum ein Tier birgt so viel mythologische Symbolkraft wie der Fuchs: seine Schlau- und Verschlagenheit ist Topos in Märchen, er wird aufgrund seiner Fellfarbe mit dem Teufel assoziiert, aber auch mit verschiedenen Wetterphänomenen verbunden (beispielsweise nennen die Finnen das Nordlicht „Feuer des Fuchses“, „der Fuchs braut“ ist eine Redewendung für ein aufziehendes Gewitter oder Nebel; mehr hier), er ist Einzelgänger und das Schutztier der Wanderer; all diese Ebenen finden sich früher oder später in Stockmanns Roman wieder. Darüber hinaus ist der Ort des Geschehens selbst mythischer Topos. „Thule“ ist eine im antiken Text „Über das Weltmeer“ beschriebene Insel, das „Ende der Welt“. Über den Genesis-Entwurf, der den Ereignissen in Thule übergeordnet wird, eröffnet sich auch eine poetologische im Text, die das Schaffen des schriftstellerischen Prozesses und die Rolle des Autors mit einer göttlichen Macht gleichsetzt.

„Nun, mir scheint, dass ihr immer nur davon sprecht, dass die Wirklichkeit geformt ist, aber nie, was das im Umkehrschluss bedeutet: dass sie formbar ist.“

Zu Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“ könnte man noch viel mehr sagen, da dieses Buch außergewöhnlich viele Facetten zeigt und zahllose Metaebenen entfaltet, die bei der ersten Lektüre kaum entschlüsselbar scheinen. Der Roman ist sicher nichts für jedermann und hätte an der ein oder anderen Stelle um ein paar Seiten gekürzt werden können, aber in jedem Fall ist „Der Fuchs“ eine außergewöhnliche Lektüre, ein kunstvoll und versiert ausgearbeiteter Text mit sehr viel Fantasie.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.