Das Trauma der Provinz: Lize Spits „Und es schmilzt“

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Wer die Debütromane der letzten Jahre verfolgte, der konnte beobachten, dass junge Autoren vor allem zwei Topographien bevorzugen: Die anonyme, kalte und brutale Großstadt wie in Fatma Aydemirs „Ellbogen“ oder das periphere Dorf, meist namenlos, zuletzt in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ und Andreas Mosters „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Auch die flämische Literatur hat eine Vorliebe für die Provinz. Einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre ist Lize Spits Debüt „Und es schmilzt“, der von einem Sommer in einem belgischen Dorf erzählt, der für die Ich-Erzählerin alles verändern soll.

„Und es schmilzt“ hat zwei Erzählebenen, die sich auch paratextuell unterscheiden lassen: Die mit Uhrzeiten überschriebenen Kapitel erzählen chronologisch von den Ereignissen eines 30. Dezember in einer nicht näher definierten Gegenwart, an dem Eva, die mit Ende zwanzig mittlerweile in Brüssel lebt, mit einem kühlboxgroßem Eisklotz in ihr Heimatdorf Bovenmeer zurückkehrt. Dazwischengeschaltet sind ausführliche Rückblenden, die von der Kindheit und Jugend auf dem Dorf und den Ereignissen des Sommers 2002 erzählen.

Ob Vater auch Tesje die Schlinge gezeigt hat? Ob er ihr auch von Zeit zu Zeit vom Leben abrät?

Evas Jugend ist trist – beide Eltern trinken um die Wette, streiten, sind depressiv und sprechen regelmäßig von ihren Selbstmordplänen. Gewalt gibt es zwar nicht, die Gleichgültigkeit, mit denen die Eltern ihre drei Kinder erziehen, ist aber ebenso traumatisierend. In dieser Hinsicht erinnert „Und es schmilzt“ besonders stark an Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“, indem ebenfalls aus einer weiblichen Ich-Perspektive über das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie erzählt wird.

Auf die Vernachlässigung der Eltern reagieren die drei Kinder unterschiedlich: Evas älterer Bruder Jolan ist nie zu Haus und zieht aufs Feld, um Insekten zu sammeln, während das Leben von ihrer kleinen Schwester Tesje von immer mehr Riten und Zwängen bestimmt ist: Neben dem übermäßigen waschen isst sie an bestimmten Tagen nur Lebensmittel in bestimmten Farben, zählt Schritte, weil keiner ihrer beiden Beine mehr belastet werden darf als das andere:

Ihr kurzes Strubbelhaar, das sichtbare Abmagern, das viele Waschen. Sie ist dabei, sich langsam auszulöschen. Wie bei einem kleinen Fleck auf einer Spüle: einweichen, wegkratzen.

Eva sucht Zuflucht bei ihren Schulfreunden Laurens und Pim, die ihre einzigen Klassenkameraden sind, da ihr Jahrgang aus nur drei Kindern besteht. Zusammen nennen sie sich „die drei Musketiere“, verbringen ihre Ferien und Nachmittage zusammen, sind unzertrennlich, bis zwischen Weihnachten und Silvester 2001 Pims 17-jähriger Bruder Jan unter ungeklärten Umständen auf dem elterlichen Bauernhof in der Jauchegrube ertrinkt.

Dieser Sommer würde entscheidend werden, das wussten wir alle drei.

Der darauf folgende Sommer im Jahr 2002 ist anders, als die Sommer davor. Das liegt nicht nur an der Tragödie um Jan, sondern auch an der pubertären Hormonflut, die vor allem die beiden Jungen vollkommen vereinnahmt. Sie bewerten Mädchen nach ihrem Aussehen mit Punkten, schauen heimlich Pornos und prahlen mit ihren angeblichen sexuellen Erfahrungen. Um nicht ausgeschlossen zu werden, zieht Eva mit, als sie beschließen, den Mädchen aus der Nachbarschaft näherzukommen. Sie denkt sich ein Rätsel aus, bei denen die Mädchen, um es zu lösen, so viele Fragen stellen dürfen, wie sie Kleidung am Leib tragen. Der Preis: für jede Frage müssen sie eines ausziehen.
Am Ende steht die Eskalation, aus dem Spiel wird ernst, als die Dorfschönheit Elisa eingeladen wird und alle drei gegeneinander ausspielt. Zum Opfer werden nicht die Jungs, sondern Eva, die aufs Brutalste von ihren Freunden vergewaltigt wird.

„Und es schmilzt“ ist nicht nur ein Coming-of-age-Roman und eine Dorfgeschichte, es ist auch ein Text über sexuelle Gewalt und eine männlich-chauvinistische Weltsicht, in der Mädchen und Frauen auf ihr Aussehen reduziert werden. Das betrifft nicht nur Eva, die sich immer wieder mit der schönen Elisa vergleicht und die von Eltern regelmäßig für ihre „Elefantenbeine“ getrietzt wird, sondern auch die anderen Frauen im Dorf, wie Laurens Mutter, die füllige Fleischereiverkäuferin, die für die Ich-Erzählerin zu einer Ersatzmutter wird und sich für ihre knubbeligen Knie schämt:

Dass sie ihren Körper vor uns immer bedeckt, ihn aber an irgendeinem französischen Strand zu zeigen wagt, finde ich nicht nur merkwürdig, sondern auch verletzend. Bei Fremden kann sie offenbar mehr sie selbst sein. Unser Dorf hier, die Vertrautheit genügen ihr irgendwie nicht.

Das Dorf als Mikrokosmos ist bei Lize Spit kein Schutzraum, sondern wird zum Raum der Gewalt, die sich vor allem gegen Frauen wendet. Ausweg scheint allein der Suizid, den nicht nur Evas Eltern, sondern im Verlauf des Romans immer wieder andere Figuren erwägen.

Narratologisch oder sprachlich innovativ ist „Und es schmilzt“ nicht unbedingt – Spit erzählt recht konventionell, aber solide. Am Ende werden alle Fäden und Spuren, die auf die Katastrophe hindeuten, zusammengeführt, die sprachlichen Bilder und Metaphern sind genau, aber nicht neu, der Ton reduziert, aber treffsicher. Am Ende lebt der Text von seiner Geschichte, nicht von seiner Sprache. Eine leichte Lektüre, wie das geblümte Cover versprechen könnte, ist dieser Roman nicht. Dass „Und es schmilzt“ nun aber auch im deutschsprachigen Raum zu lesen ist, ist sicher ein Gewinn.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

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