David Lynchs/Kristine McKennas „Traumwelten: Bürgermeister von Fear City

David Lynch als vielseitig begabt zu beschreiben, wäre eine hanebüchene Untertreibung. Er ist Filme- und Serienmacher, Musiker, Schriftsteller, Geschäftsmann, bildender Künstler und spiritueller Führer. Obwohl die bildende Kunst seine erste Liebe war und er sich – so scheint es – dieser Leidenschaft mit zunehmenden Alter wieder mehr widmet, hat sich Lynch spätestens mit „Twin Peaks“ in das Herz der popkulturinteressierten Masse hineingedreht. Lynch, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, ist in der letzten Lebens- und Werkphase angekommen. Klassischerweise ist das die Zeit, in der man Bilanz zieht. Das hat er nun in „Traumwelten“ getan, das – alles andere wäre höchst verwunderlich – auch aus der klassischen Form fällt.

Denn die beiden Autoren haben sich für „Traumwelten“ entschieden, abwechselnd Kapitel zu verfassen. Kristine McKenna schlüpft dabei in die Rolle der klassischen Biographin und verspricht damit einen gewissen Anspruch auf historische Korrektheit und Objektivität, während David Lynch das zuvor beschriebene aus seiner scheinbar subjektiven Wahrnehmung noch mal schildern darf. Diese Methode sollte wohl Spannung erzeugen, was natürlich vor allem dann geschehen wäre, wenn Lynch der historischen Wahrheit das ein oder andere Mal energisch widersprechen würde. Tatsächlich erzeugt diese Methode vor allem Redundanz.

Was Sie hier also vor sich haben, ist vor allem ein Dialog zwischen einer Person und seiner eigenen Biografie.

Was dann doch sehr klassisch an dieser (Auto)Biographie ausfällt, ist das chronologische Durchschreiten eines Lebens, das lange nicht so aussah, als würde es einen der avanciertesten Regisseure der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorbringen. Lynch wächst zunächst in dem überschaubaren Boise auf, fällt dort keineswegs von Anfang an als der große Außenseiter auf („In der siebten Klasse war Lynch Klassensprecher und spielte Trompete in der Bigband der Schule.“). Seine Kindheit schildert er als harmonisch, dementsprechend fiel die Zäsur aus, als die Familie schließlich in die Nähe von Washington D.C. gezogen ist: „Es war definitiv das Ende eines goldenen Zeitalters.“

Na ja, Kinder probieren halt gerne mal was aus.

Lynch startete als bildender Künstler, zog schließlich nach Philadelphia, wo neben seinen künstlerischen Anfängen vor allem die Atmosphäre der Stadt prägend war: „‘Hier lernte David eine Welt kennen, die regelrecht verkommen war.‘“ Ähnlich wie New York war Philadelphia in den Siebzigern und Achtzigern von Ausschreitungen und Kriminalität geprägt. Schaut man sich Aufnahmen aus dieser Zeit an, bekommt man ein ungefähres Gefühl dafür, woher die Schreckensvisionen in Lynchs Filmen herrühren, die stets unter der Oberfläche drohen.

New York machte mir eine Heidenangst.

Relativ statisch klappert das Buch dann Lynchs Filmographie ab, von seinen Anfängen mit „Eraserhead“, der im Keller seines Filminstituts gedreht wurde, über den ersten internationalen Erfolg („The Elephant Man“) und Misserfolg („Dune“) bis hin zu dem, was vielleicht als klassische Lynch-Zeit identifiziert werden kann und mit „Blue Velvet“ seinen Anfang nimmt. Lynchs Arbeitsprozess ist von großer Produktivität mit parallelen persönlichen Zerwürfnissen geprägt: „Während des ersten Jahres der Dreharbeiten verlor ich nach und nach den Anschluss an meine Familie. Das war keine Absicht, ich arbeite eben die ganze Zeit.“ Über seine Filme gehen regelmäßig Ehen und Beziehungen zu Bruch, da er sich mit gleicher Regelmäßigkeit in Mitarbeiterinnen und Schauspielerinnen verliebt.

Der Wüstenplanet war das fundamental falsche Projekt für Lynch und zwang ihn in die Knie.

„Traumwelten“ geht, mit seiner strukturellen Entscheidungen ein Dialog sein zu wollen, einen faulen Kompromiss ein. Lynchs Stimme hat nicht so viel Platz für sich, als dass daraus Selbstzeugnis wird. Gleichzeitig ist Lynch zu nah an McKenna dran, als dass sie die nötige Distanz gewinnen könnte, um auch zu einem kritischen Bild zu dem Regisseur käme. Stattdessen orchestriert die Autorin die vielen Stimmen, die Lynch in diesem Band ehren möchte. Dagegen ist erst mal gar nichts zu sagen, nicht viele Regisseure können nach einer langen Karriere so viele Schauspieler versammeln, die nur Gutes über ihn zu sagen haben.

Trotz Gewalt und Finsternis blieb Lynch beim Dreh stets bester Laune. Mit Hosentaschen voller Erdnuss-M&M’s fuhr er am Set auf einem pinkfarbenen Fahrrad mit bunten Lenkerfransen umher.

Doch wer in „Traumwelten“ nach einem Weg sucht, das Phänomen Lynch präziser fassen zu können, wird auf Sätze stoßen, die offenbaren, wie wenig sich McKenna scheinbar mit seinen Filmen auseinandergesetzt hat: „Die Handlung von Mullholland Drive ist komplex, ergibt aber angesichts der Tatsache, dass das Leben selbst keine klare Richtung nimmt, durchaus Sinn.“ Dass sie Lynchs Filmen nur Plattitüden anzubieten hat, stellt einer Biographin, die im Text immer zwischen Nah- und Fernverhältnis hin- und herschlingert, kein gutes Zeugnis aus. Die wenigen erhellenden Sätzen fallen dann fast beiläufig: „Obwohl sein Bruder davon überzeugt ist, dass Lynch sich damals Filme von Bergman und Fellini ansah, kann David sich an keinen davon erinnern.“ Dass Lynch, der selbst immer als Avantgarde gilt, zwei der zentralen Regisseure eines neuen Films nicht wahrgenommen haben soll, wirft Licht auf ein Werk, das den großen amerikanischen Mythen immer fest verbunden ist.

„Ich drehte mich noch mal zu ihm um und sah, dass er zwei Krawatten trug. Er wollte damit keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die beiden Krawatten waren einfach Teil seiner Persönlichkeit.“

„Traumwelten“ ist ein gutes Beispiel dafür, warum eine Biographin nicht gleichzeitig Gesprächspartnerin sein sollte und warum neben radikaler Subjektivität einer Selbstbetrachtung das Objektive keinen Platz hat. McKennas und Lynchs Buch bietet zwar durchaus hier und da vergnügliche Lektüre, was vor allem an dem verplauderten Lynch liegt, doch wer wirklich etwas über Lynch und seine Kunst erfahren will, sollte sich an diese selbst halten und bis dahin auf diejenigen Texte über Lynch warten, die Distanz wagen.


Wir danken Heyne für das Rezensionsexemplar.