David Vogels „Eine Ehe in Wien“: Mit dem Schlimmsten rechnen

Eine Ehe in Wien

David Vogels Leben war immer ein Leben am Rande des Unglücks. Der Vater starb früh, viele Umzüge führten ihn schließlich kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach Wien, wo er nach Kriegsausbruch interniert wurde. Eine Tuberkuloseerkrankung führte ihn in den Zwanzigern nach Palästina, wo er tragischerweise nicht geblieben ist, sondern nach Europa zurückkehrte. Dort endete sein Weg schließlich in Auschwitz und mit ihm für viele Jahre die Aufmerksamkeit für sein Werk. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten mag ein Grund für den Schatten sein, der sich über sein Werk gelegt hat, der andere sicher der Umstand, dass er seine Texte im Hebräischen schrieb. Das unterschied ihn von den allermeisten jüdischen Wiener Schriftstellern seiner Zeit und machte ihn zu einem Begründer einer modernen hebräischen Literatur, die ihre Wurzeln jedoch noch fest in Europa hatte. Das lässt sich nun in einer Neuauflage von Vogels großen Roman „Eine Ehe in Wien“ nachlesen.

2013 wurde die deutschsprachige Öffentlichkeit ein erstes Mal seit langer Zeit auf Vogel aufmerksam, da wurde im Aufbau Verlag, wo auch nun „Eine Ehe in Wien“ verlegt wird, „Eine Wiener Romanze“ veröffentlicht; ein Roman, der erst ein paar Jahre vorher entdeckt wurde und als Sensationsfund galt. Auch in der „Wiener Romanze“ ging es um einen jungen Mann in Wien, der sich in einer Beziehung mit einer Frau verheddert, nun in der „Ehe in Wien“ ist es Rudolf Gordweil, ein erfolgloser Schriftsteller, der im Zentrum der Narration steht und sich in sein Unglück hineinlebt, bis die Lage schier unerträglich scheint. Zeitlich befindet sich das Erzählte in den Zwanzigern des vorangegangenen Jahrhunderts, ein zeitpolitisches Interesse kann man dem Roman nicht unterstellen, doch die Krise ist subkutan ständig anwesend.

„Unsere heutige Generation!“, fiel eine Frau mittleren Alters mit einem verschossenen Hut auf dem Kopf und einer Tasche in der Hand ein. „Alle stehen sie auf dem Sprungbrett. Alles ist ihnen egal. Entweder sie bringen andere um oder sich selbst.“

Da sind die persönliche Krise der Hauptfigur und die Krise eines Landes. Eigentlich könnte man beim Lesen das Gefühl bekommen, diese Fehlgeburt namens Erste Republik Österreich wäre ein melancholisches Idyll, bleiernd, aber ungefährlich. Dass trotzdem irgendwas nicht stimmt, wird, wie so häufig, am Geld deutlich. Denn die paar Schillinge, die Gordweil täglich zusammenkratzt, sind die Mühe fast nicht wert. Dollar sind das Objekt der Begierde. Hat man einen Dollar in der Hand, ist der Tag gerettet. Die verzweifelte Suche nach ein bisschen Geld, um sich im Kaffeehaus die Zeit um die Ohren schlagen zu können, ist eine der treibenden Kräfte Gordweils Handeln, das andere ist eine verhängnisvolle Liebe.

Das Herz klopfte wie ein Schmiedehammer in seinem Innern, pochte ihm in den Händen, in den Beinen, im Kopf, als habe es sich von seinem angestammten Platz gelöst.

Mit ein bisschen Blauäugigkeit könnte man sich zu Anfang einreden, dass vielleicht alles auch anders kommen könnte. Rudolf ist ein Wiener Junggeselle, wie er im Buche steht: ein Flaneur, ein Schriftsteller, etwas nervenkrank und verliebt. Seine Schreibversuche stoßen auf positive Resonanz, ein Vorstellungsgespräch in einer Buchhandlung bleibt zwar fruchtlos, aber irgendwie schlägt er sich auch so durch. Sein Hauptinteresse gilt aber eh einer Frau: Thea. Die hat er über Freunde kennengelernt und ist ihrem Charme erlegen. Ihr unstetes Wesen wird er stetig kleinreden, doch als sie erst einmal verheiratet sind, wird sich die junge Lebefrau als waschechte Sadistin herausstellen. „Eine Ehe in Wien“ zeichnet mit Thea eine Frau, die einer Sacher-Masoch-Verfilmung durch Woody Allen entsprungen scheint, herrisch wie ein Tyrann, schnippisch wie nach zweihundert Jahren Ehe.

Ah, Nervenstreiche, sagte er sich, es sind bloß die Nerven.

Was „Eine Ehe in Wien“ erzählt, ist nicht weniger als eine Unterwerfungsgeschichte. Die erste Erfahrung mit Gewalt macht Gordweil schon früh. Als Thea ihn eines Tages nach seiner ersten sexuellen Erfahrung fragt, schildert er ihr seine Entjungferung durch die elterliche Haushälterin. Wer nun eine schwülstige Männerphantasie erwartet, unterschätzt den Roman. Denn anstatt dass aus der Annäherung ein sexuelles Erweckungserlebnis wird, ähnelt die Episode vielmehr der erschütternden Wirkung einer Überwältigung wie sie in den nächtlichen Misshandlungen in Kafkas „Brief an den Vater“ dargestellt werden: „Ich bin so, in voller Kleidung, auf dem Sofa eingeschlafen, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich das Gefühl, mir sei ein furchtbares Unglück zugestoßen […]“  Die seelischen Verheerungen ziehen sich bis in die Ehe mit Thea, die dem gehorsamen und stoischen Rudolf auf der Nase herumtanzt und ihn lächerlich macht: „Ich schlafe mit jedem Mann, der mir gefällt – mit allen. Inklusive deiner sämtlichen Freunde.“

„Männer und Frauen sind füreinander geschaffen und brauchen einander – das ist der Lauf der Welt.“

Wenn Gewalt das große Thema des Romans ist, dann geht sie von Thea aus, aber sie geht auch von der Stadt selbst aus: „Ich hatte auf einmal das Gefühl, die Tram und die Automobile würden von der Straße übers Trottoir auf mich zubrausen.“ Klassischerweise wird die Großstadt mit Geschwindigkeit, aber auch Chaos und sozialen Verheerungen assoziiert. Die Stadt wird für Rudolf gleichzeitig zum Fluchtort, wenn Thea es wieder besonders übel mit ihm meint, gleichzeitig aber verschlimmern sich seine Probleme auch nur weiter, wenn er auf seinen nächtlichen Streifzügen, irgendwo im Zwielicht von Wien strandet.

Über die Brücke, die die Allee an einer von hier aus nicht sichtbaren Stelle kreuzte, ratterte – schwer keuchend wie ein ganzer Chor Asthmatiker – ein ebenfalls unsichtbarer Zug.

Maxim Biller, der für den Roman das Nachwort stiftet, liest Gordweilers Geschichte als einen, der sehenden Auges ins Unglück rennt, um den unvorhersehbaren Unglück zu entgehen: „Die jüdische Angst vor der nächsten Katastrophe damit auszutricksen, dass man sie Tag und Nacht willkommen heißt – das ist sicher eine Erklärung für Vogels fast schon masochistische Melancholie.“ Tatsächlich verfügt Gordweiler über eine solch stoische Unglückssucht, dass kaum ein anderer Schluss übrigbleibt, als die These aufzustellen: Hier soll die Geschichte eines Mannes erzählt werden, der lieber das Unglück vor der eigenen Nase wählt, bevor er möglicherweise noch in das größere Unglück rennt, das hinter der nächsten Ecke warten könnte.

„Ich weiß nicht warum, aber seit je, vom ersten Augenblick an, in dem wir uns begegnet sind, habe ich in deinem Wesen etwas Dunkles, Unergründliches verspürt, dessen du dir womöglich selbst nicht bewusst bist.“

Gordweil schöpft zwar noch mal Hoffnung, als das gemeinsame Kind geboren wird („Trotzdem wird sich alles noch zum Guten wenden, dachte Gordweil. Jetzt – das Baby.“), doch es erübrigt sich zu erwähnen, dass das auch dieser Umstand seinem Leben keine glücklichere Wendung geben wird. Erzählt ist das alles sehr ergreifend, doch hier geht es nicht um ein Rührstück. Viel mehr beweist sich David Vogel als Vorgänger jener Schriftsteller, die Jahrzehnte später die Meisterschaft darin erringen sollten, schwache Männerfiguren zu sezieren: Saul Bellow und Philip Roth. David Vogels Werk schließt eine klaffende Lücke zwischen den Autoren der Wiener Moderne und der jüdischen Nachkriegsliteratur der USA, auch darin könnte diese Ehe in Wien bestehen.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

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