Delphine de Vigans „Loyalitäten“: Wer vom Ich sprechen kann

Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan ist mit Romanen bekannt geworden, die gemeinhin als autobiografisch gelten: Von „Das Lächeln meiner Mutter“ bis zu ihrem verfilmten Bestseller „Nach einer wahren Geschichte“ – ihre Romane tangieren durch die Parallelen zwischen ihrem Lebenslauf und denen ihrer Figuren immer auch den Authentizitätsdiskurs der Gegenwartsliteratur. Als Frau ist sie dabei neben ihren männlichen Kollegen Knausgård, Glavinic oder Meyerhoff die Ausnahme und beinahe die einzige Autorin, die über authentisches Erzählen mit explizit weiblicher Erzählstimme nachdenkt. In ihrem neuen Roman „Loyalitäten“ nimmt de Vigan gleich vier Erzählperspektiven ein.

Da sind der 12-jährige Théo und sein Freund Mathis, ihre engagierte Lehrerin Hélène und schließlich Cécile, Mathis’ Mutter. Gemein ist den vier Figuren die titelgebende Frage nach Loyalität, aber auch der langsame Kontrollverlust über den Alltag, die allmähliche Eskalation der scheinbar geregelten Leben.

Im Zentrum von Vigans Roman steht Théo. Der 12-Jährige trinkt und flüchtet sich in den Alkohol, um dem Loyalitätskonflikt zwischen den getrennten und zerstrittenen Eltern zu entfliehen, und „niemandem mehr etwas schuldig zu sein“: Jede Woche zieht er zwischen Vater und Mutter hin und her, sieht den mittlerweile arbeitslosen Vater in eine schwere Depression und eine zunehmende Verwahrlosung rutschen, um sich bei der Rückkehr zur Mutter über den Aufenthalt beim Vater rechtfertigen zu müssen.
Beim Trinken leistet Théo sein einziger Freund Mathis Gesellschaft, der eher aus Langeweile und Abenteuerlust mittrinkt.

Dieses Gefühl von Erleichterung, wenn sich das Schlimmste bestätigt.

Mathis‘ Mutter Cécile ist zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, als dass sie den Alkoholkonsum ihres Sohnes bemerken würde. Sie hat ein dunkles Geheimnis ihres scheinbar so perfekten und gebildeten Ehemannes William entdeckt: Dieser führt ein Doppelleben und hat es als daueraktiver Kommentator sämtlicher Internetforen und Kommentarspalten mit seinen radikalisierten, rassistischen, antisemitischen, homophoben und frauenfeindlichen Ansichten zu einiger digitaler Berühmtheit gebracht. Sie selbst ist deshalb seit kurzem in Therapie und hinterfragt immer mehr das Verhältnis zum Ehemann, der ihr nun wie ein Fremder erscheint.

Nur die Biologielehrerin der beiden Jungen – Hélène – bemerkt, dass vor allem mit Théo etwas nicht stimmt. Sie bemerkt seine geistige Abwesenheit im Unterricht, beobachtet ihn zunächst nur, bietet ihm ihre Hilfe an, falls er bereit sei, sich ihr zu öffnen und ihr seine Probleme anzuvertrauen. Als er bei einem Test nicht die Aufgaben erfüllt, sondern eine verstörende Zeichnung aufs Papier bringt, weiß Hélène, dass sie handeln muss:

In einfachen, aber präzisen Strichen hatte er die Umrisse eines menschlichen Oberkörpers vom Kopf bis zur Taille dargestellt. Und in dieser Gestalt hatte er mit Bleistift den Mund, die Speiseröhre und den wie eine Schlange aufgerollten Darm gemalt. Mitten in den Magen hatte er etwas gezeichnet, das ich zunächst für ein Gemüse oder eine Blume hielt, es war eine ungenaue Zeichnung, ich musste das Blatt erst dicht vor das Gesicht halten und dann wieder ein wenig entfernen, bis ich begriff, dass es sich um einen Totenkopf handelte.

Sie bittet Théos Mutter zum Gespräch in die Schule, taucht bei dem Jungen zu Hause auf, übertritt aus Sorge um den Jungen die Grenzen ihres Erziehungsauftrags. Schließlich bekommt sie deshalb selbst Probleme, wird schließlich suspendiert. Auch Cécile bemerkt, dass mit Mathis und seinem Freund Théo etwas nicht stimmt, doch statt nach einer Lösung zu suchen, verbietet sie ihrem Sohn den Umgang mit dem trinkenden Jungen, den sie für einen schlechten Einfluss hält. Die Situation um Théo eskaliert und steuert langsam auf die Katastrophe zu: Er sucht bewusst nach einem komatösen Zustand, der Auflösung des selbst in der Ethanolvergiftung im Winter auf einem Spielplatz.

Aus vier Figurenperspektiven, die sich in kurzen Kapiteln stetig abwechseln, folgt man in Vigans Roman mehreren Geschichten des Verfalls: Théo verfällt dem Alkohol, Hélènes Karriere als Lehrerin verfällt unter der vermeintlichen Unprofessionalität in der Sorge um Théo, Théos Vater verfällt einem sozialen Abstieg, Cécile erlebt den Verfall ihrer Ehe.

Besonders spannend ist dabei der geschlechterspezifische Wechsel der Erzählperspektiven: Die Kapitel über Cécile und Hélène erzählen aus der jeweiligen Ich-Perspektive der Frauen, während die Kapitel über Théo und Mathis aus einer personalen Perspektive in dritter Person erzählen. Die 12-jährigen Jungen sind auf narrativer Ebene noch nicht mündig, über sie wird gesprochen, „ich“ sagen können sie noch nicht.

Ich bin siebzehn, ich werde studieren, ich werde Lehrerin, ich werde nichts vergessen.

Vigans Frauenfiguren hingegen scheinen sich ihre erzählerische Mündigkeit erkämpft zu haben: Aus den wenigen, knappen Rückblenden auf die Vergangenheit der beiden erfährt man, dass sowohl Cécile als auch Hélène aus sehr einfachen Verhältnissen kommen. Ihre beiden Väter waren gewalttätige Trinker – Hélène gelang der Aufstieg in die bürgerliche Mitte durch ihr Studium, Hélène durch die Ehe mit William, der aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen stammt.

Vor diesem Hintergrund können die auf den ersten Blick vermeintlichen Abstiegsgeschichten der beiden Frauenfiguren auch als Emanzipationsgeschichten gelesen werden: Cécile emanzipiert sich aus der unglücklichen Ehe mit dem Mann, der ihr den sozialen Aufstieg einst ermöglichte, sich aber als populistischer Wutbürger entpuppt. Hélène widersetzt sich den Versuchen ihrer männlichen Kollegen, ihre Sorge um Théo als Hirngespinste abzutun, und damit schließlich auch der eigenen Kinderlosigkeit, die sie ihrem Vater verdankt. Dieser verprügelte Hélène in ihrer Jugend so stark, dass sie keine Kinder bekommen kann.

Auf weniger als 200 Seiten erzählt Delphine de Vigan nicht nur von komplexen emotionalen wie sozialen Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Kindern und ihren Eltern und zwischen Eheleuten, sondern auch vom sozialen Abstieg der (französischen) Mittelschicht und weiblicher Emanzipation – wie gewohnt in einer sehr präzisen Sprache, die Doris Heinemann gekonnt ins Deutsche übertragen hat. Loyalitäten ist keine Wohlfühllektüre, sondern eine gesellschaftskritische poetologische Studie, die es sich zu lesen lohnt.


Wir danken Dumont für das Rezensionsexemplar.