Der amerikanische Archivschatz: Truman Capotes „Wo die Welt anfängt“

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Es ist der Traum eines jeden Literaturwissenschaftlers, Editionsphilologen und Verlegers: man geht ins Archiv und findet Manuskripte eines namenhaften Schriftstellers, die noch nie veröffentlicht wurden. Eben dieses Glück hatten Anuschka Roshani und Peter Haag, als sie im Sommer 2014 nach New York reisten und in der Public Library auf die Jugenderzählungen und -gedichte von Truman Capote in dessen Nachlass stießen. Im Erzählband „Wo die Welt anfängt“ werden vierzehn eben jener Kurzgeschichten erstmalig veröffentlicht. Die Qualität der Texte, die Capote zwischen seinem 14. und 17. Lebensjahr verfasste, ist beeindruckend.

Als sie nach New York reisten, waren Roshani und Haag eigentlich auf der Suche nach Capotes Spätwerk, den Manuskripten zum Fragment gebliebenen Roman Erhörte Gebete, aus dem das erste Kapitel La-Côte-Basque im Esquire-Magazin 1975 erschien und für Empörung sorgte. Von dieser Ironie des Zufalls berichtet Christine Meffert für das ZEIT Magazin Nr.42/2014, in dem auch vorab zwei der entdeckten Erzählungen abgedruckt wurden: „Sie waren auf der Suche nach dem bitterbösen Spätwerk eines von der Welt enttäuschten älteren Mannes und entdeckten die ersten literarischen Werke eines Jungen, für den das Leben gerade anfing: ein Dutzend Gedichte und 20 Geschichten.“ Sieben der vierzehn Erzählungen, die in Wo die Welt anfängt enthalten sind, wurden vorab in der Schülerzeitung „The Green Witch“ der Greenwich High School in Connecticut, die Capote besuchte, veröffentlicht, die anderen Erzählungen fand man in Sketchbooks aus jenen Jahren.

Zwar wussten wir, dass er gesagt hatte, er habe mit neun oder zehn Jahren den endgültigen Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden, und seitdem er acht war, habe er die Nachmittage hinter der Schreibmaschine verbracht, trotzdem rechneten wir nicht damit, dass die meisten seiner Jugendwerke schon derart reif sein würden. [Nachwort]

Kontinuierlich arbeitet sich der Jungautor an verschiedenen Themen und Motiven ab, die in unterschiedlicher Form in die einzelnen Erzählungen Eingang finden. Ein verbindendes Element im Frühwerk Capotes stellt das Todesmotiv dar. In neun der vierzehn Erzählungen in Wo die Welt anfängt wird das Sterben von Figuren aus vielfältigen Perspektiven verhandelt.

Ich war so jung, dass ich noch nie daran gedacht hatte, je alt zu werden, je sterben zu können.

So erzählt das Ich in Miss Belle Rankin vom Tod eben jener titelgebenden alten Dame, der sie in Form von „großen Wellen der Leere“ erfasst. Auch narratologisch zeigt die erste Geschichte des Erzählbandes die Versiertheit des jungen Capote; für die Sterbeszene wechselt die Erzählperspektive in einem Unterabschnitt vom jugendlichen Ich, das sie an die alte Dame erinnert, die schließlich „die erste Tote“ war, die er sah, zur personalen Perspektive von Belle Rankin im Moment des Sterbens. In Der vertraute Fremde kommt der personifizierte Tod zur alten Südstaatendame Miss Nannie, die ihr Ende jedoch abwehren kann. Aber nicht nur vom Sterben alter Menschen wird erzählt, Das hier ist von Jamie verhandelt vom Tod eines kranken neunjährigen Kindes, das im gleichen Alter ist wie das erzählende Ich, in Das Grauen im Sumpf wird ein Kind von einem Sträfling ermordet, während der Protagonist aus seinem Versteck zusieht. Bereits in seinen frühesten Texten thematisiert der junge Capote die Vergänglichkeit des Seins. Besonders deutlich wird dies in Verkehr nach Westen, wo in vier Unterabschnitten, die countdownartig rückwärts gezählt werden, alltägliche Szenen aus dem Leben verschiedener Menschen geschildert werden, die, wie der Leser im finalen Abschnitt „0“ in Form einer Zeitungsmeldung erfährt, bei einem Busunglück zu Tode gekommen sind.

Eine Überraschung ist auch die intensive Auseinandersetzung mit der gesellschafltichen Position der Afroamerikaner, die man von einem pubertierenden High School-Schüler der 1940er Jahre nicht unbedingt erwarten darf. Neben stereotypen, aber durchweg liebenswert dargestellten schwarzen Hausmädchen und Köchinnen, deren Dialekt in der Übersetzung etwas holprig und künstlich daherkommt, beeindruckt vor allem die letzte Erzählung Louise mit einem klaren Urteil. Als Ethel das Geheimnis um ihre Mitschülerin Louise aufdeckt, ihre Mutter ist eine farbige Tänzerin in Paris, wertet der allwissende Erzähler:

Was änderte sich dadurch? Sie sah nicht farbig aus. Sie war so klug und charmant wie die anderen Mädchen auch – und gebildeter als die meisten. Sie war so glücklich hier; war Amerika denn keine Demokratie?

Leser, die sich bei der Pippi-Langstrumpf-Debatte vor einigen Jahren für eine Zensur der Wörter „Neger“ oder „Mohr“ und für political correctness in der Literatur aussprachen, werden wohlmöglich irritiert sein, denn auch hier wurden „nigger“ und „negro“ aus dem Originalmanuskript übernommen: „alles andere wäre geschichtsverfälschend“, sagt Anuschka Roshani dem Zeit Magazin.

Ich liebe dich jetzt, aber wir sind doch noch Kinder […]

Auch wenn sich in den vierzehn Geschichten in Wo die Welt anfängt wiederkehrende Leitmotive ausmachen lassen, ist es beeindruckend, wie vielfältig die Erzählperspektiven und erzählten Welten sind. „Es ist erstaunlich, wie gut sich der Teenager in andere Menschen und Welten hineinversetzen konnte“, urteilt Meffert im Zeit Magazin, und es ist umso erstaunlicher, wie gut der jugendliche Capote in der Lage war, dieses „Hineinversetzen“ in eine literarische Form zu bringen, die mit Erzählperspektiven spielt und immer neue Ausdrucksmöglichkeiten findet, um in den Kurzgeschichten, die nie länger als 20 Seiten sind, die Figur möglichst genau, aber subtil zu schildern. Neben den Jugendgeschichten Hilda, Wo die Welt anfängt, Wenn ich dich vergesse oder Louise, die von (vermeintlichen) Alltagsproblemen amerikanischer Jugendlicher erzählen, nimmt die Erzählinstanz wie bereits oben erläutert die Sicht alter, sterbender Damen und in Seelenverwandte die Position zweier Damen mittleren Alters beim Kaffeeklatsch ein, die sich darüber unterhalten, wie man seinen Ehemann am besten zur Strecke bringen sollte.

Die topografischen Räume, die der in New Orleans geborene und im Alter von 10 Jahren nach New York übergesiedelte Capote für seine Geschichten wählt, scheinen mit seiner eigenen Geschichte enger verknüpft zu sein. Schauplatz sind entweder ländliche Südstaatenregionen oder das urbane New York. Besonders die Geschichte und Entwicklung der Südstaaten findet Eingang in die frühen Texte. Der sich an die Vergangenheit klammernde „Südstaatenadel“ wird in Form der alten Damen verkörpert, deren Zeit vorüber ist.

Sie hatte ihr ganzes Leben in diesem Haus an der Hauptstraße des Städtchens verbracht wie schon ihr Vater und dessen Vater vor ihm. Das waren noch echte Pioniere, und sie war immer stolz auf ihre Ahnen gewesen. Aber all das war Vergangenheit, ihre Mutter und ihr Vater waren tot, und ihre alten Freunde segneten das Zeitliche, langsam und fast unbemerkt, und niemand merkte, dass hier eine Art Dynastie abtrat, eine Dynastie des Südstaatenadels.

Wo die Welt anfängt ist nicht nur ein Buch für Capote-Leser, sondern für alle, egal welchen Alters. Das literarische Können Truman Capotes wird anhand dieses Buches offensichtlich. Er erzählt mit Humor und mit Melancholie von Alltäglichem und schafft es, gleichzeitig hoch politisch zu sein. Man sollte Anuschka Roshani und Peter Haag nicht nur zu ihrem Archivfund beglückwünschen, man sollte ihnen auch danken.

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