Der Briefwechsel: Marcel Puntilla und sein Knecht Rühmkorf

Ranicki-Rühmkorf

Als 1974 der FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki an den damals zwar bekannten, aber keineswegs erfolgreichen Schriftsteller Peter Rühmkorf schrieb, war dieser Brief mit einem Versprechen verbunden, das Jahrzehnte Bestand haben sollte: „Was das Finanzielle betrifft: Sie können sich sicher sein, daß ich Sie so gut behandeln werde, wie Sie es verdienen – und ich meine das nicht etwa ironisch.“ Das mag einem prosaisch vorkommen, aber tatsächlich hat es den Autor mit ermöglicht. Rühmkorf schrieb in all der Zeit viel und eifrig für die FAZ und konnte so jene Phasen überbrücken, die nicht mit Literaturpreisen gepflastert waren. Der in diesem Jahr publizierte Briefwechsel zwischen Literaturpapst und Lyrikkönig wirft ein Licht auf zwei zentrale Personen der deutschen Nachkriegsliteratur, aber noch viel mehr auf ein gut geöltes Literaturfördersystem unter Reich-Ranickis Ägide.

Die Lebenswege Ranickis und Rühmkorfs hatten sich zwar schon vor 1974 gekreuzt – beide waren Teilnehmer an den Treffen der Gruppe 47 – doch die große Stunde einer kuriosen, wie fruchtbaren Verbindung schlug erst, als Marcel Reich-Ranicki bei der FAZ in die Verantwortung trat. Mit Eifer machte er sich daran, den Literaturteil der Frankfurter Tageszeitung umzukrempeln. Zentrale Elemente: Die verstärkte Bindung der prominent gewordenen Nachkriegsschriftsteller an das Blatt und der Lyrik mit der Frankfurter Anthologie seinen angemessenen Platz im Feuilleton zu verschaffen. Für diese Vorhaben war er auf ständiger Suche nach neuen Autoren und so kam Ranicki auf Peter Rühmkorf. Dieser hat bis zu diesem Zeitpunkt mehrere Lyrikbände herausgebracht, bei Rowohlt als Lektor gearbeitet, für die linke Zeitschrift „konkret“ geschrieben und sich erfolglos als Dramatiker versucht. Der große Durchbruch blieb aus und, das war schon damals nicht anders, das Leben als Lyriker war härter als das seiner belletristischen Kollegen.

Mein lieber, Sie sind ein ekelhafter Mensch.

Darum fängt Peter Rühmkorf mit Gelegenheitsarbeiten an, meist Interpretationen für die Frankfurter Anthologie, doch schon bald bindet er sich in Regelmäßigkeit und Exklusivität an die FAZ. Um sich nicht vollständig dem Brotberuf zu unterwerfen, wehrte er sich stets gegen ein Festgehalt und ließ sich lieber in Honoraren bezahlen. Die Frage mag erlaubt sein: Wozu einen Briefwechsel lesen, der sich in der Hauptsache um Auftragsarbeiten, Vertragssachen und redaktionelle Planung dreht? Weil Rühmkorf und Reich-Ranicki daraus ein virtuoses und höchstamüsantes Florettspiel machen. Und weil es – wie kaum ein anderes Dokument – einen Einblick verschafft, wie in nicht allzu entfernten Zeiten, die Presse so mächtig war, dass Zeitung machen auch gleichzeitig Literatur ermöglichen bedeuten konnte.

Mein lieber Peter Rühmkorf, so geht das nicht weiter. Sie liefern nichts, kommen mit immer neuen Vorschlägen, denen wiederum immer neue Ausreden folgen.

Denn, so viel kann man behaupten, Reich-Ranicki hat seine Tätigkeit bei der FAZ nie alleine als Arbeit am Feuilleton verstanden, sondern immer auch als Plattform, um die Autoren durchzusetzen, die ihm am Herzen lagen. Da mag man unken, das sei weder besonders demokratisch, noch transparent entschieden, wem Reich-Ranicki eine solche Förderung zukommen ließ, doch er war natürlich weder ein Wohltäter, noch ein Träumer. Er holte nur solche Autoren ins Feuilleton, die seinem journalistischen Anspruch gewachsen waren. Und in Peter Rühmkorf hatte er einen der intelligentesten und kenntnisreichsten Essayisten und Kritiker rekrutiert. Und so profitierten beide jahrelang von einem Verhältnis, das Rühmkorf an einer Stelle „kommerziell-kameradschaftlich“ nennen sollte.

Mein lieber Herr Rühmkorf, die Zusammenarbeit mit Ihnen ist qualvoll.

Diese Kameradschaft trug viele Früchte,  verging jedoch nicht ohne Blessuren. In verspielter Regelmäßigkeit blaffen sich beide an, meist weil Rühmkorf mal wieder viel versprochen und wenig gehalten hat. In seinem zuchtmeisterlichen Gebaren kann einem Reich-Ranicki schon mal streng vorkommen, doch spätestens, wenn die FAZ rund zwei Jahre auf eine Interpretation eines Ernst Blass-Gedichts warten muss, fragt man sich, wer hier eigentlich Auftraggeber und wer Honorarkraft ist. Es sind solche Momente, in denen inzwischen das Image vom Schulmeister und Feuilletonstrategen Licht auf den Literaturliebhaber Ranicki fällt, der mit einer erstaunlichen Geduld auch die fünfte und sechste Ausrede erträgt.

Lieber Herr Ranicki, lange keine hackentretende Post von Ihnen, was mich fast beunruhigt.

1995 kommt es dann zum Bruch. Es ist das Jahr, in dem Günther Grass‘ „Ein weites Feld“ veröffentlicht wird und Marcel Reich-Ranicki sich zu einer furiosen Kritik hinreißen lässt. In der Spiegel-Ausgabe mit dem ikonischen Bild des Kritikers, der den Roman zerreißt, schreibt Ranicki an die Adresse des Autors von Texten wie „Die Blechtrommel“ oder „Die Rättin“:

Ich halte Sie für einen außerordentlichen Schriftsteller, mehr noch: Ich bewundere Sie – nach wie vor. Doch muß ich sagen, was ich nicht verheimlichen kann: daß ich Ihren Roman „Ein weites Feld“ ganz und gar mißraten finde. Das ist, Sie können es mir glauben, auch für mich sehr schmerzhaft. Sie haben ja in dieses Buch mehrere Jahre schwerer und gewiß auch qualvoller Arbeit investiert. Sie haben, das ist unverkennbar, alles aufs Spiel gesetzt: Es ist das umfangreichste Werk Ihres Lebens geworden. Was soll ich also tun? Den totalen Fehlschlag nur andeuten und Sie schonen, Sie also wie einen „matten Pilger“ (auch ein Fontane-Wort!) behandeln? Nein, das nun doch nicht. Nur eins verspreche ich Ihnen: Wer hier auf boshafte Witze und auf hämische Seitenhiebe wartet, der soll nicht auf seine Rechnung kommen. Denn schließlich geht es um eine todernste Sache – jedenfalls für Sie.

Als der Kritiker wenig später im „Literarischen Quartett“ wuchtvoll nachlegte, sah sich Rühmkorf zu einer ebenso entschiedenen Reaktion provoziert:

Lieber Herr Ranicki, das „mein“ erspare ich mir, um gar nicht erst erheuchelte Einvernehmlichkeiten aufscheinen zu lassen. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, hat mir auch mit früher fast blind vorausgesetzten Gemeinsamkeiten nicht mehr viel zu tun. Mit ihrem Auftritt im letzten „Quartett“ haben Sie einen Graben zwischen der Schönen Literatur und ihrer zur ideologischen Lehrmeisterin verklärten Kritik aufgerissen […] Nein, das war kein sogenannter „Verriß“ mehr (wie noch am vorausgegangen Montag im „Spiegel“), das war das autoritäre Niederschreien eines schwierigen Buches […]“

Die dadurch entstandenen Verwerfungen rissen eine Lücke von fünf Jahren in die Briefkorrespondenz. Anlässlich des 80. Geburtstag Reich-Ranickis bricht Rühmkorf die Stille und übersendet Grüße. Vielleicht war es Altersmilde oder die Einsicht eines Irrtums, doch es ist ein Friedensangebot. Der Kritiker zeigt sich immer noch verletzt, weswegen er die Versöhnung mit einer Machtdemonstration verbindet: Die Bedingung des Friedensschluss ist an einen lobenden Artikel geknüpft, den Rühmkorf zu Reich-Ranickis Ehren schreiben soll. Die Versöhnung wird schließlich spätestens für alle Öffentlichkeit sichtbar, als Rühmkorf in einer Sondersendung zu Bertolt Brecht im „Literarischen Quartett“ auftrat.

Der Briefwechsel zwischen Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf gehört mit zu dem ungewöhnlichsten und interessantesten, was es in diesem Jahr zu lesen gab. Es treffen zwei rhetorische Schwergewichte aufeinander, die sich mit liebevoller Häme beharken. Und es zeigt, wie Reich-Ranicki innerhalb des Feuilletons ein mäzenatisches System integrieren konnte, das es ihm erlaubte, diejenigen zu fördern, die ihm förderwürdig erschienen. Denn seiner oftmals derben und polemischen Art zum Trotz, war ihm die Literatur vor allem Herzensangelegenheit: „Man hat mich oft in Interviews gefragt, was ich denn mit meiner Kritik bezwecke. Manche waren verblüfft als sie hörten, ich könnte dies in zwei Wochen ausdrücken – nämlich nichts anderes als Literatur ermöglichen.“


Wir danken Wallstein für das Rezensionsexemplar.