Der Geniestreich: Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Setz_Frau und Gitarre

Wer „Indigo“ mochte, wird „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ lieben. Mit seinem neuen, knapp über tausend Seiten umfassenden Roman hat sich der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz selbst übertroffen und das vielleicht beste Buch des Jahres veröffentlicht, das inhaltlich und handwerklich auf ganzer Linie überzeugt. Man sei gewarnt: dieser Roman macht süchtig. Umso skandalöser ist es, dass Setz es zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte, die Nominierung für die Shortlist jedoch ausblieb.

Um für niemanden den Lesegenuss und die damit einhergehende Setz-Sucht zu schmälern, wird im Folgenden die Handlung nur anhand der Eckdaten und Ausgangskonstellationen umrissen. Denn schon in diesem Punkt unterscheidet sich Setz merklich von den anderen Longlist-Kandidaten: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre baut einen fesselnden Spannungsbogen auf, der dem Leser über etwa neunhundertfünfzig Seiten aufrecht erhalten bleibt.

Im Zentrum des Romans steht die Anfang zwanzigjährige Behindertenpädagogin Natalie Reinegger, der aus personaler Erzählperspektive über die erzählte Zeit eines halben Jahres vom Sommer ihres Ausbildungsabschlusses bis zum Jahresende gefolgt wird. Sie findet eine Anstellung im betreuten Privat-Wohnheim der Villa Koselbruch bei Graz, wo sie zwei der sechs Bewohner betreut: den als unkompliziert geltenden Michael Ulrichsdorfer, genannt Mike, der nach einem Autounfall und einer Kopfverletzung zeitweilig den Bezug zur Umwelt verliert und eine Art Inselbegabung im Zeichnen und Malen aufweist, und den im Rollstuhl sitzenden, etwa dreißigjährigen Stalker Alexander Dorm, der aussieht wie Eminem.
Seit etwa vier Jahren und der Entlassung aus der geschlossenen Psychiartrie wohnt Dorm in der Villa Koselbruch. Eingewiesen wurde er, weil er Christopher Hollberg stalkte, bis dessen Frau Selbstmord beging und Hollberg klagte. Abgesehen von der obsessiven Liebe zum Gestalkten „Chris“ ist Dorm Misanthrop. Sein Hass richtet sich vor allem gegen Frauen, die er – laut den anderen Betreuerinnen in der Einrichtung, B. und Ursula, und Natalies Chefin Astrid – bei der Ankunft in der Villa Koselbruch nicht einmal als Menschen wahrnahm.

Bei diversen obsessiven Handlungen, die zum Erhalt seines „psychischen Gleichgewichts“ beitragen, assistiert Natalie ihrem „Bezugi“ Dorm. Außerdem betreut sie den wöchentlichen Besuch, den der Stalker empfängt: und Dorm empfängt ausschließlich Hollberg. Zwischen Opfer, Täter und der Villa Koselbruch gibt es ein „Arrangement“, das diesen Kontakt zu rechtfertigen vorgibt und im Verlauf des Romans von Natalie immer weiter hinterfragt wird.

Es gab bestimmt Broschüren über die komplexe Störung, die sie verkörperte.

Bereits auf den ersten einhundert Seiten wird klar, das Natalie selbst verhaltensauffällig ist. Sie schaut obsessiv Live-Sendungen und streamt CNN, während gleichzeitig „Wetten, dass..“ läuft, weil sie so glaubt, an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können, sie führt mit Vorliebe „non sequitur“-Gespräche [„Es bedeutet, es folgt das eine nicht wirklich aufs andere“], die jeder kausalen Logik zu entbehren scheinen, sie ist Synästhetikerin und verbindet mit Wörtern Farben, Formen oder Gesten und vice-versa, sie ist Epileptikerin, die seit vielen Jahren zwar Grand-Mal-frei ist, aber trotzdem unter aurigen Anfällen leidet und die Protagonistin geht „Streunen“, worunter sie unverbindlichen Oralverkehr mit Fremden in der Öffentlichkeit versteht und von dem sie als Trophäe Tonmitschnitte für ihren Podcast und gefüllte Kondome mitbringt, mit denen sie in die Badewanne steigt.

Zugegebenermaßen erinnern die zwar in Relation zum Umfang des Romans kurzen, aber sehr direkt formulierten sexuellen Passagen aus dem Leben der Natalie Reinegger in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre an einschlägige Literatur von Charlotte Roche, Setz setzt jedoch nicht allein auf den voyeuristischen Ekelfaktor, sondern macht sich diese ‚Details‘ zu Nutze, um die Figur und das Bizarre, das auch von ihr ausgeht, zu verdeutlichen. Am Ende ist nämlich die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihren „Bezugis“ unverkennbar, wie sie selbst feststellt: „Ich bin voll geisteskrank. Perfekt für den Job.“

Nach der Trennung von ihrem Freund Markus lebt Natalie alleine in ihrer Wohnung am Stadtrand, wo sie einzig von der Nachbarskatze „Chat“ besucht wird. Sie sucht des öfteren den digitalen Kontakt zu Markus, mit dem sie vor allem die gemeinsamen imaginierten Haustiere verbindet, und verbringt ihre Freizeit größtenteils im „open space“, dem Souterrain und einzigen Ort neben der Wohnung und Natalies Arbeitsplatz, wo Natalie agiert. Sie bewegt sich vor allem digital. Als digital native ist ihr iPhone ihr ständiger Begleiter, Natalie chattet und googlet fast permanent. Ist die Einsamkeit, die der Figur eingeschrieben ist, ein Teil-Symptom der Digitalisierung, die hier beschrieben ist? Fraglos wird das Smartphone jedoch zum Stalking-Gadget: die ständige Erreichbarkeit, die optischen und akustischen Aufzeichnungsmöglichkeiten, all das wirft ab einem gewissen Punkt im Roman die Frage auf  – Wer stalkt hier eigentlich wen?

Die Brillanz dieses Textes liegt aber nicht allein auf der inhaltlichen Ebene, welche die Täter-Opfer-Verhältnisse psychologisch facettenreich und eindrucksvoll beleuchtet, sondern auf der unbeirrt durchgehaltenen personalen Erzählperspektive, die sich auf eine Figur stützt, welche durch ihre Synästhesie und die „nonseq“-Vorliebe eine vollkommen individuelle Wahrnehmung des Alltags aufweist. Der Leser erfährt die Welt durch die Augen von Natalie, die vor allem assoziativ denkt und wahrnimmt.

Natalie dachte über diese bemerkenswerte Koinzidenz nach, und dabei beschlich sie ein sanftes Gefühl von Paranoia. Hatten die anderen damals, gleich zu Beginn, schon geahnt, dass das alles passieren würde? […] Alles wie arrangiert.

Es ergeben sich immer neue Muster und neue Verbindungen von Gedanken, aber auch von Erzählsträngen, welche die Lektüre von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre besonders machen. Die personale Perspektive wird von Setz zuletzt soweit auf die Spitze getrieben, dass die Figur die Verbindungen der Details, die in ihrer Künstlichkeit zur Beschaffenheit des Romans als Fiktion selbst gehören, hinterfragt [siehe Zitat rechts] und der Leser sich selbst in gewisser Weise in der Rolle des Stalkers von Natalie wiederfindet.
Und schließlich trägt die personale Erzählebene auch zur Spannung bei, die der Roman entwickelt: während der Leser einige Signalworte oder Prolepsen vielleicht schon gedeutet hat und weiß, was Natalie auf den nächsten Seiten bevorsteht, ist sie noch ahnungslos.

Sophie von Literaturen hat in ihrer Besprechung des Romans konstatiert, dass Die Stunde zwischen Frau und Gitarre „kein Roman für viele“ sei, „aber für die wenigen, die sich ihm hingeben können und wollen, ein intensives Erlebnis weit über die bloße Rezeption des Textes hinaus“ biete. Gerade das mag der Grund sein, warum es Setz mit seinem Roman nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Verdient hätte er es allemal, denn nirgendwo findet man einen ähnlich unkonventionellen, einmalig bizarr-brillianten Erzählton in der deutschen Gegenwartsliteratur-Landschaft wie bei Clemens Setz. Dieses Buch ist klug, poetisch, unterhaltsam und spannend – wer es nicht liest, ist selbst Schuld.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Suhrkamp freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.

4 Kommentare

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  4. Mir ging es ebenso beim Lesen dieses Romans…. ich halte ihn für ausgesprochen bemerkenswert! Und daher unbedingt lesenswert!:) Die Protagonistin entführt den Leser in ihre eigene abgefahrene Welt und Wahrnehmung und das hatte für mich tatsächlich Suchtpotential. Es ist eins der Bücher, bei denen man traurig ist, dass sie enden. Klar sind einige pikante Details eklig, aber damit muss man bei einem Setz wohl rechnen. Ich sehe im Übrigen auch einige Parallelen zum von mir sehr geschätzten Foster Wallace.

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