Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Der Golem

Der Golem ist die wahrscheinlich bekannteste jüdische Legendenfigur. Selbst wer die populären Verarbeitungen des Golem-Mythos‘ des frühen 20. Jahrhunderts – Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“, der zwischen 1913 und 1914 als Fortsetzungsroman erschien und die drei Golem Stummfilme von Paul Wegener von 1914, 1917 und 1920 – nicht kennt, ist zumindest mit dem Motiv oder den modernen Adaptionen vertraut: Sie sind Teil des Pokémon- oder des Marvel-Universums, seine Attribute sind in diversen modernen Filmfiguren enthalten. Das Jüdische Museum Berlin hat dem Golem nun eine großartige, gut durchdachte und abwechselungsreiche Ausstellung gewidmet, die sich dem literarischen Mythos, seinen diversen Bearbeitungen und den zeitgenössischen Adaptionen widmet.

Empfangen wird der Besucher von einem überdimensionalen Lichtgolem. Krištof Kinteras Installation „My light is your life“, die aus unzähligen alten Lampen besteht, wurde vom Künstler selbst nicht als Golem geschaffen, sondern von den Kuratoren der Ausstellung entdeckt, die sich gleich an den Golem erinnert fühlten und das Werk in die Golem-Ausstellung holten. Dass ein Golem aus Licht den Auftakt macht, nimmt bereits vorweg, dass die Ausstellung im Jüdischen Museum über das klassische Golem-Motiv hinausdeuten will: Kinteras Lichtgolem aus Lampen ist das Gegenteil von Wegeners Golemfigur aus den Filmen der 1910er Jahre, die von Dunkelheit umgeben ist.

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Installation: Krištof Kinteras: »My light is your life«. Foto: Zeilensprünge.

Bevor man im ersten Teil der Ausstellung den Ursprüngen und den Dimensionen des Golem-Mythos anhand von mittelalterlichen Handschriften auf die Spur geht, zeigt der erste Raum „Der Golem lebt“ verschiedene Bearbeitungen des 21. Jahrhunderts, darunter überwiegend Action-Figuren der asiatischen Manga- oder amerikanischen Superhelden-Universen. Neben den Plastik-Spielfiguren zeigt eine kleine Vitrine auch tagesaktuelle Donald Trump-‚Reliquien’, darunter eine der weißen „Make America Great Again“-Basecaps, die man auf den Wahlveranstaltungen des republikanischen Präsidentschaftskandidaten erwerben kann. Was Trump mit dem Golem zutun hat, wird nicht gleich klar, gegen Ende der Ausstellung jedoch umso stärker herausgestellt.

Der Golem wurde nicht nur durch Meyrinks gleichnamigen Roman zum literarischen Stoff, der Golem ist in seiner Beschaffenheit selbst eng verbunden mit der hebräischen Sprache und damit ansich literarische Projektionsfläche.
Ohne Sefer Jezirah, dem „Buch der Schöpfung“, in dem parallel von der Entstehung der Welt und der Entstehung der Sprache bzw. des hebräischen Alphabets erzählt wird, gäbe es auch keinen Golem: Der Prager Golem des Rabbi Löw wird durch kabbalistische Rituale, die mithilfe der Sefer Jezirah durchgeführt werden, und einem Zettel, der den Namen Gottes trägt und dem Golem unter die Zunge gelegt wird, zum Leben erweckt. Seine Aufgabe: der Schutz der Gemeinde. Wenn der Golem sich aber auf die Suche nach seinem Ich begibt, wird es gefährlich – er gerät außer Kontrolle. Sowohl die Beschaffenheit der Sefer Jezirah als auch die Zunge als „Ort“ der Lebendigmachung verdeutlichen, wie eng Sprache – und damit auch Literatur – und Leben in der jüdischen Kultur verschränkt sind.

Rimma Gerlovina, Mark Berghash, Valeriy Gerlovin: »Golem II«. © Gerlovina, Berghash, Gerlovin, 1987, The Jewish Museum, New York,

Rimma Gerlovina, Mark Berghash, Valeriy Gerlovin: »Golem II«.
Foto: The Jewish Museum, New York.

Das Foto-Kunstwerk „Golem II“ (1987) von Rimma Gerlovina, Mark Berghash, und Valeriy Gerlovin illustriert eine Abwandlung jenes Zettel-Motives im Golem-Mythos, in dem dem Golem auf der Stirn das hebräische Wort „Wahrheit“ („emet“, אמת) eingeschrieben ist. Entfernt man den ersten Buchstaben, das Aleph, das dem Mischwesen aus Mann und Frau im Kunstwerk auf den Oberkörper gemalt wurde, bleibt das hebräische Wort „Tod“ („met“, מת) übrig – der Golem wird ‚deaktiviert’.
Literarisch ist an der „Golem“-Ausstellung auch die wunderbar veranschaulichte Abarbeitung an der eigentlichen Wortbedeutung des hebräischen Wortes „Golem“, das mit „formlose Masse“, aber auch mit „Puppe“ oder „Larve“ übersetzt werden kann. Mehrere moderne Kunstwerke deuten diese Bedeutungsebene aus, darunter die Installation „Crisálidas“ (dt. Schmetterlingspuppen) des spanischen Künstlers Jorge Gil oder Mira Maylors von der Decke hängende Skulptur „The Golem“.

Jorge Gil: »Crisálidas«. Foto: Zeilensprünge.

Installation: Jorge Gil: »Crisálidas«. Foto: Zeilensprünge.

Den bereits erwähnten Golem-Bearbeitungen des frühen 20. Jahrhunderts ist der mittlere Teil der Ausstellung gewidmet. Über ein rundes 3D-Kabinett führt den Besucher der Weg über den Raum „Mythos Prag“, der sich vor allem Meyrinks Roman widmet und den entsprechenden Lithographie-Zyklus von Hugo Steiner-Prag von 1916 zeigt, zu den filmischen Adaptionen. Paul Wegeners Golem-Trilogie ist nicht nur mit Filmplakaten und Filmstills, sondern auch mit handschriftlich bearbeiteten Dreh- und Skizzenbüchern vertreten.
Raumfüllend ist die Videoinstallation „AE/MAETH“ von Stefan Hurtig und Detlev Weitz, die parallel auf drei Leinwänden Filmzitate aus mehr als 60 Spielfilmen und Serien die kostante Präsenz der Golem-Figur im Film seit über 100 Jahren und gleichzeitig die enorme Vielfalt des Interpretationsspielraums aufzeigt: Neben den obligatorischen Wegener-Filmen oder der recht klassischen Verarbeitung des Golem-Mythos‘ in einer The Simpsons-Folge sind auch moderne Sci-Fi-Filme wie Matrix, I, Robot oder Ex Machina Teil der Installation und schlagen den Bogen zurück in die Gegenwart. Die Namen haben gewechselt – aus dem Golem wurde ein Cyborg, ein Roboter, ein Avatar – die Grundmotivik bleibt die gleiche: Die künstlich erschaffene Figur begibt sich auf die Suche nach dem eigenen Ich.

Denn im vorletzten Raum der Ausstellung, der mit „Außer Kontrolle“ übertitelt ist, zeigt sich der Golem nicht mehr nur in seiner ursprünglichen Beschützerrolle, sondern als potenzielle Gefahr. An diesem Punkt schlägt die Ausstellung auch den Bogen zurück zur Trump-Vitrine ganz am Anfang. Der moderne Golem ist ein politischer, außer Kontrolle geratener Golem, der sich zur Zeit in Donald Trump zeigt, wie in der lesenswerten Ausstellungsbesprechung auf dem Kulturblog Foejetong richtig geschlussfolgert wird: „Trump, eine Kunstfigur, die durch politische Reden, Fernsehauftritte und auf das Verlangen der Bevölkerung hin immer mehr erstarkt, sobald aber vollständig erschaffen, eine enorme Bedrohung für seine Schöpfer*innen darstellen wird.“

Die Ausstellung macht deutlich: Der Golem-Mythos ist heute so aktuell wie vor 100 Jahren, auch wenn sich sein Erbe eher indirekt abzeichnet. Die etwa 120 Exponate sind klug ausgewählt, zusammengestellt und arrangiert. Selten ist Museum so anschaulich, so traditionsbewusst und gleichzeitig so tagesaktuell.
Wer sich auf den Besuch der Ausstellung vorbereiten will, oder nach dem Besuch vom Golem nicht genug bekommt, der sollte in die Buchhandlung seines Vertrauens gehen, und die drei besten deutschsprachigen Golem-Romane zur Hand nehmen: Den Klassiker von Gustav Meyrink, Leo Perutz‘ Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“ und „Das Alphabet des Rabbi Löw“ von Benjamin Stein.

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für die kluge Besprechung. Schön, wie du die Ausstellung wieder mit den literarischen Verarbeitungen verknüpfst. Meyrink steht ganz oben auf meiner Lektüreliste – und die Besprechung hat mir nicht weniger Lust gemacht! Die Besprechung lässt mein Kulturwissenschaftlerinnenherz definitiv leuchten.
    Vielen Dank auch fürs zitieren! Die ganze Besprechung gibt es hier:
    https://foejetong.wordpress.com/2016/09/24/man-nehme-ton-wasser-feuer-und-luft-metall-elektrochips-oder-politische-reden/

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