Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Vietor-Engländer_Kerr

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet.

Wie konnte einer der wichtigsten Kulturschaffenden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten? Als Anfang 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, gehört Kerr zu einen der ersten, der Hals über Kopf die Flucht antritt. In einer Nacht- und Nebelaktion flüchtet er am 15. Februar über die Grenze nach Prag, nachdem er von einem befreundeten Mitarbeiter des Polizeipräsidiums gewarnt wird, dass ihm am Folgetag der Pass entzogen werden sollte. Kerr hatte sich schon früh mit den Nazieliten angelegt, sie erst verhöhnt, dann immer wieder eindringlich vor ihnen gewarnt. Sein Werk wurde bei den Bücherverbrennungen ins Feuer geworfen, der Druck seiner Schriften verboten – er überlebte die Diktatur im Exil, aber über den Verlust seiner geistigen Heimat kam er nie hinweg.

Geboren wurde Kerr in der Weihnachtsnacht von 1867 in Breslau als Alfred Kempner. Er wuchs wohlbehütet in einer jüdischen, aber wenig religiösen, sondern vielmehr liberalen Familie auf, in der vor allem die deutsche Kultur und Bildung hoch geschätzt wurden. Der spätere Theaterkritiker gehörte zur ersten Generation deutscher Juden, denen die Welt offenstand: Mit dem gesamtdeutschen Staatsgesetz im Kaiserreich von 1871 wurden alle noch bestehenden Beschränkungen der (staats)bürgerlichen Rechte aufgehoben.
Kerr entschied sich für ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, dass er zunächst in seiner Heimatstadt Breslau begann, um es in Berlin fortzusetzen. Bereits während seiner Studienjahre schrieb Alfred Kempner kurze feuilletonistische Artikel, Berichte, Literatur- und Theaterkritiken für verschiedene Zeitungen, die stets unter dem Namen Kerr erschienen. Mit dem Namen Kempner wollte er nicht in Verbindung gebracht werden, trug doch eine von ihm nicht sehr geliebte Lyrikerin, Friederike Kempner, den gleichen Namen. Kerr, der das von ihm gewählte Pseudonym im Jahr 1909 auch offiziell annahm, machte sich schnell einen Namen im Berliner Kulturbetrieb. Sein ästhetisches Urteil wurde nicht zuletzt von Thedor Fontane bestätigt, was Kerr persönlich einen großen Selbstbewusstseinsschub beschert haben dürfte, war Fontane doch einer seiner größten Vorbilder.

Nach seiner Promotion im Jahr 1894 schrieb er regelmäßig „Berliner Briefe“, kleine Kultur- und Gesellschaftsfeuilletons für die renommierte Breslauer Zeitung und war damit in der höheren Gesellschaft angekommen. Von da aus ging es immer weiter bergauf. Schon früh entwickelt Kerr einen spezifischen Stil: er strukturiert seine Argumente mit römischen Ziffern, schreibt in umgangssprachlichem, dialektisch-saloppem Ton und ruft die Kritik schließlich als vierte literarische Gattung neben der Lyrik, Epik und Dramatik aus, die jenen dreien überlegen sei. Vor allem aber wird er zum Vertrauten der Dichter und Dramatiker. Viele Schriftsteller, vor allem aber solche, die es werden wollen, sind beeindruckt vom jungen Kerr, der die Kritik reformiert, und senden ihm ihre Manuskripte in der Hoffnung, ein paar Eindrücke und konstruktive Kritik von Kerr zu erhalten.

„Das Theater als Betrieb, uneigentlich, wirklichkeits- und gegenwartsfremd, auf Vergnügen getrimmt. Ein Herkules hätte hier den Stall des Augias auszumisten. Nur so ist Aufstieg und Funktion Kerrs zu begreifen. Er kam, um für Sauberkeit und Klarheit zu sogen. Er hielt sich fern von allem, was gerade in Mode war oder kam. Er folgte nicht den Trends, sondern setzte sie.“

Die Liste von Dichtern, denen Kerr zum Erfolg verhalf ist lang. Auch große Namen zählen dazu. So diskutierte er mit Arthur Schnitzler über seinen „Reigen“, für dessen Titel Kerr verantwortlich ist. Doch nicht nur bei den zeitgenössischen Dramatikern gilt Kerrs Urteil. Auch junge Dichter und Schriftsteller ersuchen ihn. Unter jenen ist 1905 auch der 25-jährige Robert Musil. Kerr erkennt das Potenzial seines Manuskripts, lädt den Studenten ein, überarbeitet mit ihm den Text und sorgt dafür, dass sein Roman 1906 veröffentlicht wird: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ wäre ohne Kerr vielleicht nie an die Öffentlichkeit gelangt. Und schließlich ist es Kerr, der ihm zu literarischer Aufmerksamkeit verhilft, wenn er in seiner Besprechung im „Tag“ schreibt, Musil habe „ein Buch geschrieben, das bleiben wird.“ Er behielt Recht.

Kerr machte sich aber nicht nur Freunde. Seine Streitlust war stadtbekannt. Immer wieder schrieb er vernichtende Kritiken zu Theaterpremieren. Besonders ausgiebig stritt er über Jahrzehnte hinweg mit Karl Krauss, der ihn in seiner Fackel als „der größte Schuft im ganzen Land“ titulierte und später auch wegen Verleumdung verklagte.
Auch ein politisches Engagement zeichnete sich früh ab. So argumentierte er bereits zu Beginn seiner Karriere um gegen Kaiser Wilhelm II: „Wo sich eine Gelegenheit bot, stellte Kerr die kaiserlichen Reden in ihrem Anachronismus und ihrer Schwulstigkeit aus.“ Er übte Kritik am Kunstverständnis des Kaisers, aber auch an den kunstregulierenden Eingriffen des Hohenzollernstaats, wie die Zensur. Bereits in den 1920er Jahren, als der Kaiser längst im Exil und Berlin das Zentrum der Weimarer Republik war, kritisierte er ebenso scharf und laut – wenn nicht schärfer und lauter – die Nationalsozialisten, was dazu führte, dass Kerr 1929 von Joseph Goebbels im Propagandablatt „Angriff“ zum politischen und intellektuellen Feind erklärt wurde. Es überrascht nicht, dass Kerr im Frühjahr 1933 nach der Machtübernahme einer der ersten war, der mundtot gemacht werden sollte.

Auch wenn die Nazis ihn nicht festnehmen konnten, nahmen sie ihm und seiner Familie doch viel. Die Jahre des Exils gleichen – im Gegensatz zu anderen prominenten Exilanten wie Stefan Zweig oder Thomas Mann – einem „Sturz ins Nichts“: Von Anfang an muss Kerr Bittbriefe an seine prominenten Bekannten schreiben. Die Familie kämpft fast permanent mit der Armut – bei Zeiten seien 4 Pfund in der Hosentasche des Berliners das einzige Vermögen, was ihm geblieben sei, so einer seiner Briefe – denn vom materiellen Vermögen kann nichts gerettet werden. Eindrücklich belegen dies die zahlreichen Briefe, die in Vietor-Engländers Biographie meist vollständig herbeizitiert werden. Auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben führen die Stationen des Exils die Kerrs über die Schweiz nach Paris, nach Südfrankreich, zurück in die Schweiz und schließlich nach London, wo sie 1945 das Kriegsende erleben. 1941 hatte Kerr geschrieben: „Ich ginge nach Deutschland nie mehr zurück, auch wenn ich es morgen könnte.“ Die materielle Not lässt ihn doch zurückkehren. 1948 reist er als mittlerweile britischer Staatsbürger nach Hamburg, um dort für die Alliiertenpresse zu einem Bericht über die Nachkriegstheaterszene zu recherchieren – und kehrt nie mehr nach London zurück. Kerr erleidet einen Schlaganfall, den er zwar überlebt, aber der ihn fast vollständig lähmt. Wenige Wochen später begeht er mit einer Überdosis Schlafmittel im Krankenhaus Suizid.

Alfred Kerrs Biographie ist jene des frühen 20. Jahrhunderts, in dem sich der Glanz des Berlins der Weimarer Republik ebenso abzeichnet wie die Schrecken des Nationalsozialismus. Es ist Deborah Vietor-Engländer hoch anzurechnen, dass sie mit dieser Biographie nun endlich umfassenden Einblick in das Leben des Großkritikers Kerr gibt. Doch nicht nur das Leben Kerrs steht im Zentrum der Biographie, es entsteht ein ebenso guter Eindruck vom Werk und Schaffen des Breslauers, da Vietor-Engländer nicht nur einzelne Sätze, sondern oft ganze Briefe oder Artikel zitiert, sodass dem Leser nichts vom Wortwitz und dem Reiz der Kerr’schen Kritiken entgeht. Als Kritiker, Literat, Politiker und Netzwerker gehört Kerr zu den wichtigsten deutschen Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: diese gewissenhaft recherchierte, gut geschriebene und hochaktuelle Biographie sollte jeder gelesen haben.


Wir danken Rowohlt für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Klingt sehr lesenswert! Und im Idealfall würde die Lektüre des Buches möglicherweise sogar dazu beitragen, meine eigenen Rezensionen zu verbessern. 😉

    Ich sollte es auf einen Versuch ankommen lassen…

  2. Ich muss ja wirklich zugeben, dass ich Kerr bisher nur sehr vage auf dem Schirm hatte. Offenbar ist das ein Versäumnis und ich werde diesen Zustand schnellstmöglich ändern. Vielen Dank!

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