Der Höllenschlund: Philip Krömers „Ymir“

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Jan Brandt, Klaus Merz und Terézia Mora, die Jury des Berliner Literaturwettbewerbs open mike im vergangenen Jahr, konnte Philip Krömer bedauerlicherweise mit seinem Text „der eine der andere“ nicht überzeugen. Wahrscheinlich lag dies vor allem daran, dass der vorgegebene und strickt einzuhaltende Zeitrahmen von 15 Minuten nicht reichte, um seine herrliche Erzählung über den österreichischen Nachkriegs-Avantgardisten H.C. Artmann und den „Werwolf von Hannover“ Fritz Haarmann zu Ende zu lesen. Ausgezeichnet wurde Krömer (zum Glück) trotzdem, und zwar mit dem taz-Publikumspreis. Nun hat er mit „Ymir oder aus der Hirnschale der Himmel“ sein Romandebüt vorgelegt.

Sie sind mein Gast. Ich bin Ihr Erzähler.

Genau wie bei der open mike-Erzählung des letzten Jahres nimmt der Erzähler in Krömers Prosa eine ungewöhnlich starke Position ein. In dem der Handlung vorangestellten Prolog wird der Leser vom Erzähler an der Haustür in Empfang genommen („Ah! Ich habe niemanden erwartet. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, halten Sie mich nicht für unhöflich: Sie sind mir ein willkommener Gast.“), durch den Flur und über die Treppe ins Dachgeschoß geführt und dort zum verweilen und zuhören eingeladen. Dass der Erzähler dem Leser in der Höflichkeitsform begegnet und beim formalen Sie bleibt, steht dem literaturhistorischen Topos („Du, werter Leser!“) entgegen und sorgt für eine gewisse Distanz und Seriösität. Vor dem Hintergrund der unglaublichen Begebenheit, die im Folgenden vom Erzähler, der gleichzeitig Protagonist des Erzählten ist, geschildert wird, versichert der Auftakt eine Zuverlässigkeit des Erzählers, die dem fantastischen Inhalt gegenübersteht.

Ich will reinen Tisch machen. Zweifeln Sie nicht an meinen Absichten.

Pass auf (watch out!) Hier ist alles möglich.

Was der Erzähler, der den Leser so freundlich in Empfang genommen hat, zu erzählen hat, ist wahrlich ungewöhnlich. Im August 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, reist das Ich, damals noch Student, als Protokollant und Beobachter zusammen mit einem dandyhaften Ethnologen, der nur „VonUndZu“ genannt wird, und dem geländekundigen „KleinHeinrich“ – beide unverkennbar Parteimitglieder –  nach Island. Warum gerade Island? Die Insel „wurde ja immer verdächtigt, die arische Rasse wenn nicht hervorgebracht, dann doch irgendwie großgemacht zu haben.“ Ihre Expedition ist geheim, keiner der Beteiligten weiß, was es auf der Reise zu untersuchen gilt. Als sie eine Mine betreten, entdecken sie einen geheimen, sich im Bau befindenen Bunker, der den Deutschen als letztes Refugium im unwahrscheinlichen Fall der Kriegsniederlage dienen soll. Dieser ist jedoch nicht das Ziel der Reise, sondern eine „Loch ohne Boden“, das bei den Bauarbeiten gefunden wurde und nun von der dreiköpfigen Forschungsgruppe inspiziert und nach einem Ausgang durchsucht werden soll. Nach und nach wird während des nicht ungefährlichen Abstieges dem Erzähler klar: Er durchwandert einen Körper.

Der Körper, der durchwandert wird, ist der des Riesen Ymir. Die nordische Mythologie besagt, dass aus seinem Körper die Welt geformt wurde. Die Geschichten der Edda – der im 13. Jahrhundert in Island niedergeschriebenen Sammlung von Götter- und Heldensagen – ist dem Erzähler, der im gleichgeschalteten propagandistischen Bildungssystem der Nazis erzogen wurde, offenbar bekannt, er kann Teile rezipieren und stellt schließlich die Verbindung her.
Im Darm des Riesen Ymir entdeckt die Expedition ein menschenähnliches Volk, das sich an das Leben unter der Erde angepasst hat. Ihre Augen sind aufgrund ihrer Überflüssigkeit im dauerhaften Dunkel mit einem Hautlappen überwachsen und somit wegevolutioniert, die Ohren sind dafür übergroß und beweglich, kommuniziert wird über Berührungen, der ganze Körper ist mit weißblonden Haar bewachsen: Der Erzähler und seine Begleiter haben den Ur-Arier in den Tiefen Islands gefunden. Ironischerweise begehen die Deutschen umgehend einen Völkermord, in dem sie den Höhlenmenschen, die gar nicht dem propagierten Bild des Ariers entsprechen, Wagners „Tristan und Isolde“ vorspielen (und ihnen die überempfindlichen Ohren platzen), damit niemand herausfindet, dass die Arier die eigentlichen „Untermenschen“ sind.

Genauso fantastisch wie die Geschichte, die dieses Debüt erzählt, ist die Sprache. Krömer (oder sein Erzähler?) verwendet unzählige Adjektive, blumige Analogien und kreative Metaphern, um die Szenerie zu beschreiben. „Ymir“ bildet damit sprachlich einen klaren Kontrapunkt zum eher nüchternen, realistischen Sprachduktus der deutschen Gegenwartsliteratur.

Unter uns wachsen die steingrauen Hügelketten oder schrumpfen wir ihnen entgegen? –, während der Flugzeugrum in ein grauenhaftes Stöhnen ausbricht, das Jammern des stählernen Sünders über dem Fegefeuer.

[…] denn wo käme man hin, wenn man dem Erzähler nicht mehr trauen könnte?

Gleichzeitig eröffnet der Roman ähnlich wie bereits in „der eine der andere“ einen breiten poeologischen Diskurs. Verhandelt wird der Dichter als Maler (ein großer literaturhistorischer Topos), die Unsicherheit der Sprache (“ – ‚Davon weiß man aber nicht viel. Außer dass es grün ist. Und furchtbar.‘ / – ‚Furchtbar?‘ / – ‚Fruchtbar!‘ / – ‚Also nicht Island.'“) und schließlich die Unsicherheit des Erzählens im Allgemeinen. Denn im Verlauf des Romans wird deutlich, dass wir es keineswegs mit einem seriösen Erzähler, wie es in der prologischen Begrüßung des Lesers suggeriert wurde, zu tun haben. Schlussendlich geht es natürlich auch um Intertextualität, denn Krömers Roman ist gespickt mit Verweisen auf kanonische Werke der Literatur- und Kulturgeschichte, aus denen teils wörtlich zitiert wird.

Erschienen ist „Ymir“ im homunculus-Verlag, den Krömer selbst mitbegründet hat. Man könnte bei diesem Umstand skeptisch werden: Der Autor verlegt sein Buch im eigenen Verlag? Ist das denn ordentlich lektoriert? Ist es, und Philip Krömer hätte auch ohne Probleme einen Fremdverlag gefunden, der das Buch verlegt hätte. Denn er hat bereits in seinem Debüt zu einer eigenen literarischen Stimme gefunden, dessen Stil in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einzigartig ist. „Ymir“ ist ein liebevoll gestaltetes Gesamtkunstwerk (was für ein ausgesprochen schönes Buch!) und ein herrliches Lesevergnügen: klug, kurzweilig und witzig.


Wir danken dem homunculus-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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