Dichtung oder Wahrheit? Franziska Hausers „Die Gewitterschwimmerin“

Die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis barg kaum Überraschungen. Selten nominierte die Jury so viele Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Verlage, selten hatten so viele der zwanzig Romane von der Kritik so viele Vorschusslorbeeren geerntet: Gleich zwei der nominierten Bücher standen bereits auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse, Arno Geiger und Angelika Klüssendorf gehörten zu den Feuilletonlieblingen der vergangenen Monate.
Eines der wenigen Longlistbücher, die zum Zeitpunkt der Nominierung zwar schon erschienen waren, aber kaum Beachtung fanden, ist Franziska Hausers Familiensaga „Die Gewitterschwimmerin“. Gehört der Roman wirklich zu den besten Büchern des Jahres?

Familiensagas und Generationenromane sind ein gattungsthematischer Dauertrend der deutschsprachigen Literatur. Vielleicht gerade, weil die deutsche Gesellschaft in den vergangenen 100 Jahren so viel Wandel erlebt hat: Vom Kaiserreich über die Republik zur Diktatur, nach der Befreiung die Teilung des Landes, am Ende des Jahrhunderts der Weltkriege dann die Wiedervereinigung – da gibt es in fast jeder Familie einiges zu erzählen.
So auch bei Familie Hirsch, dessen Geschichte Hauser in ihrem Roman schildert. Die Erzählung streckt sich über die Schicksale von fünf Generationen, von 1889 bis 2017, beginnend beim fünfjährigen Friedrich Hirsch aus jüdischem Elternhaus in Endingen bis hin zu Berlinerin Henriette, Jahrgang 1975.

Das Schicksal führt die Familie Hirsch von Baden-Württemberg nach Russland, über Freiburg ins Exil nach Frankreich und England, von dort über das Rheinland zurück nach Berlin, genauer gesagt Ost-Berlin.
Friedrich, der Mathematiker und Lehrer wird, heiratet die musikalische Ilse. Sie bekommen einen Sohn – Alfred, Jahrgang 1912 – vor dem Ersten Weltkrieg und einen Sohn, Erwin, danach. Der Erstgeborene geht 1930 zum Jurastudium nach Freiburg, engagiert sich gegen Nationalsozialisten und verliebt sich in Medizinstudentin Esther Apfelbaum, die er mit einer Studienreise nach Russland beeindrucken und für sich gewinnen kann. Gemeinsam gehen sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Exil nach Frankreich, wo sie sich im Widerstand engagieren. Nach Kriegsende kehrt das Paar nach Deutschland zurück, hat einander aber verloren. Sie lassen sich scheiden und Alfred heiratet die 13 Jahre jüngere Adele. Er arbeitet als Schriftsteller, das Paar ist Teil der intellektuellen DDR-Elite. Gemeinsam bekommen sie in den 1950er Jahren zwei Töchter, Tamara und Dascha. Die Ältere ein Wildfang, die Jüngere ein Sorgenkind, depressiv und lebensmüde. Auch Tamara bekommt zwei Töchter, Henriette und Maja, und erzieht sie allein.

Erzählt wird die Geschichte der Familie aus gleich zweierlei Erzählperspektiven, sowohl chronologisch als auch rückwärtsgewandt: Die Familienverhältnisse erschließen sich einerseits aus der Ich-Perspektive von Alfred und Adeles Tochter Tamara, für die der überraschende Tod ihrer Mutter im Jahr 2011 zum Erzählanlass wird und die sich Kapitel für Kapitel immer weiter in die Vergangenheit zurückarbeitet. Chronologisch erzählt hingegen ein allwissender Erzähler, der als eine Art Chronist die Geschehnisse ab 1889 wiedergibt. Im strengen Wechsel fügen sich so, Kapitel für Kapitel, die Bilder zusammen, die Erzählstränge bewegen sich aufeinander zu.
Die Perspektiven treffen sich im Jahr 1960 in der doppelten Schilderung eines ungeheuerlichen Ereignisses: dem Missbrauch der Kinder durch beide Eltern. Nicht nur der Vater vergreift sich regelmäßig an seinen Töchtern, sondern auch die Mutter, die selbst in ihrer Jugend zum Missbrauchsopfer wurde. Die Eltern werden selbst zu Tätern.

Während vor allem die erste Hälfte des Romans von Namedropping geprägt ist – Frau Honnecker zum Besuch von Friedrichs 100. Geburtstag, die Enkelin von Sigmund Freud als Jugendliebe der Brüder Alfred und Erwin, Parties mit Christa Wolf –, die die Prominenz der Eltern der Ich-Erzählerin an einigen Stellen etwas überdeutlich herausarbeiten, kann die zweite Hälfte des Romans mit der langsamen Aufdeckung des ungeheuerlichen Doppelmissbrauchs als Relativierung der Prominenz des Vaters, natürlich aber auch als Erklärung für die gebrochenen Verhältnisse der Generationen, der problematischen Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern, gelesen werden.

Franziska Hauser ist keine Unbekannte in der deutschsprachigen Literaturlandschaft: Die Absolventin der renommierten Ostkreuz-Schule für Fotografie debütierte 2015 mit ihrem Roman „Sommerdreieck“, der bei Rowohlt erschien.
Bereits vor ihrem literarischen Debüt ließ ihr Nachname aufhorchen – ihr Großvater Harald Hauser gehörte zu den bekanntesten und wichtigsten Schriftstellern der DDR. Hauser senior, Jahrgang 1912, engagierte sich bereits in den frühen 30er Jahren in kommunistischen Jugendverbänden, absolvierte eine Studienreise in die Sowjetunion und trat 1932 der KPD bei. Nach der Machtergreifung der Nazis emigrierte Harald Hauser nach Frankreich, wo er sich als Freiwilliger zur französischen Armee meldete und in den 40er Jahren in den Widerstand ging. Nicht zuletzt durch seine frühe KPD-Mitgliedschaft, die Sympathie zur Sowjetunion und das antifaschistische Engagement während der Kriegsjahre wurde Hauser für die DDR zum Vorzeigeliteraten.

Auch wenn der Name der Familie, von der Die Gewitterschwimmerin erzählt, nicht Hauser, sondern Hirsch ist – die Wahl des fiktiven Familiennamens ließe sich sogar biographisch ableiten, denn Harald Hausers Großvater (der Ururgroßvater der Autorin) hieß Hirsch Hauser – , zeigen sich also eindeutige Parallelen zur Familiengeschichte der Autorin. Harald und Alfred, Franziska und Henriette: Die Jahrgänge und die Anzahl der Buchstaben stimmen überein.
In einem Statement, das dem Roman neben der Widmung vorangestellt ist, bekennt die Autorin:

Die tatsächliche Geschichte meiner Familie habe ich als Grundlage für diesen Roman verwendet, meine eigene Sichtweise entspricht aber nicht der Sichtweise anderer. Einiges habe ich dazuerfunden und möchte in keiner Weise den Anspruch auf Wahrheit erheben. Nicht alle Personen sind mit meiner Ausführung einverstanden, haben aber freundlicherweise der Veröffentlichung in Form des freien literarischen Romans zugestimmt.

Vor dem Hintergrund dieses „Nach einer wahren Geschichte“-Statements inszeniert sich Die Gewitterschwimmerin als Skandalroman, in gewisser Weise als Enthüllungsbuch. Was und wie viel Wahrheit nun wirklich im Roman steckt, ist dabei nicht relevant.

Ein bisschen scheint es, als ob gerade dieses Skandalpotenzial die Daseinsberechtigung des Romans ausmacht, denn sprachlich vermag Hausers Roman nicht zu bestechen.
Die Gewitterschwimmerin ist konventionell erzählt, solide, aber ohne poetische oder literarische Finesse, die Wiedergabe von Dialekten in wörtlicher Rede kann man mögen oder nicht. Auch die Erzähltechnik, die die Geschichte aus zwei zeitlichen Richtungen und zwei Perspektiven nach und nach erschließt, ist gut gewählt, aber so naheliegend, dass sie nicht als innovativer Kunstgriff bezeichnet werden könnte. Hier geht es um den Plot, um die Geschichte, die Familiensaga mit all seinen Abgründen, die es zu erzählen gilt. Das ist zwar vollkommen in Ordnung – das Zeug zum „Roman des Jahres“ hat Die Gewitterschwimmerin damit aber leider nicht.


Wir danken dem Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar.