Die höchste Form der Selbstbestimmung: „Baba Dunjas letzte Liebe“

BabaDunja

Nichts, aber wirklich gar nichts spricht dafür, im abgelegenen Dorf Tschernowo zu wohnen. Es liegt in direkter Nähe zum verunglückten Reaktor in Tschernobyl, die Wälder und deren Nahrungsquellen sind verstrahlt, eine funktionierende Infrastruktur gibt es kaum: Das Leben in Tschernowo ist widrig, macht krank und ist nicht sehr aufregend. Für Alina Bronskys Hauptfigur Baba Dunja ist es trotzdem oder gerade deswegen der perfekte Ort zum Leben.

Alina Bronsky ist 1978 in der Sowjetunion geboren und reiht sich in die lange Reihe der osteuropäischen Frauen ein, die in Deutschland zu Schriftstellerinnen wurden. Mit „Scherbenpark“ feierte sie ihren ersten großen Erfolg. Ihr neuester Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ hat es auf die diesjährige Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft und zeichnet ein filigranes Bild einer alten Dame, die allen Widrigkeiten trotzt.

Tschernowo ist ein fiktives Dorf, das von den Auswirkungen des Reaktorunglücks leergefegt wurde. Doch mit gallischem Widerstandsgeist behauptet sich eine Gruppe rüstiger Dorfbewohner in der lebensunwirtlichen Umgebung. Aus Tschernowo hat sich nahezu jede Staatlichkeit zurückgezogen, Fremde kommen nicht in den Ort und die Bedingungen haben die Menschen hart werden lassen. Das wenige, was an sozialer Infrastruktur vorhanden ist, wird in großen Teilen selbstorganisiert, so betätigt sich die 82-jährige Baba Dunja als Hilfsschwester. Der einzige Bezug zur Außenwelt bilden seltene Besuche in der nächstgroßen Stadt zum Einkaufen und Baba Dunjas Familienbeziehungen. Ihre Kinder, Alexej und Irina, sind längst weggezogen, nach Amerika und Deutschland, doch das Verhältnis zu beiden hat sich seit der räumlichen Trennung abgekühlt.

Wer nach Tschernowo zurückkehrt, hat keine Lust auf Gemeinschaft.

So wie in das Leben Tschernowos eingeführt wurde, hätte es weitergehen können, bis die Bewohner an Altersleiden oder den gesundheitlichen Konsequenzen der Reaktorhavarie gestorben wären. Das Dorf ist ein Ort des maximalen Pragmatismus: Geheiratet wird, um dem anderen beim Überleben zu helfen, das größte Glücks des Tages ist eine fette Hühnersuppe. Doch das Gleichgewicht des Nicht-Idylls wird eines Tages durch die Ankunft Fremder gestört. Es kommt zur unausweichlichen Eskalation, die mit der Festnahme des gesamten Dorfes endet. Mit der Gefängnishaft erscheint plötzlich der Staat als handelnde Macht im Text und mit ihr die Überführung von Baba Dunja zu ihrem richtigen Namen Evdokija Anatoljewna.

Sie ist winzig und kugelrund – sie misst kaum 1,50 Meter. Eine Symbolfigur. Eine Erfindung der internationalen Presse. Ein moderner Mythos.

Es ist der Moment, in der das überzeitliche Dorfwesen Baba Dunja zur konkreten Person wird und anfängt, mit ihrer Familie in Kontakt zu treten. Die Briefverbindung resultiert in der Gegenüberstellung mit ihrer, sich in einer schweren Lebenskrise befindlichen, Tochter und der Erkenntnis, die Welt da draußen ist in mindestens gleicher Weise gestört wie die eigene Lebensrealität. Baba Dunja kehrt schließlich in ihr Dorf zurück.

Alina Bronskys Roman zeichnet auf wunderbare Weise eine Utopie, die keine sein möchte. Die Autorin droht an keinem Moment, irgendeiner romantisierten Naturvorstellungen auf den Leim zu gehen, in der edle Wilde miteinander wohnen. Auch jeder utopischer Gesellschaftsvertrag ist diesen Menschen fremd und jeglicher missionarischer Gedanke könnte ferner nicht liegen. Die Anti-Utopie Baba Dunjas besteht darin, sich in der lebensfeindlichsten Landschaft Orte der Ruhe zu schaffen. Selbstbestimmung in Tschernowo bedeutet den Tod als unvermeidlichen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren und Glück heißt seine Ruhe zu haben und den anderen seine Ruhe zu lassen. Dass die Ereignisse in Tschernobyl eine solch rudimentäre Gemeinschaft erst möglich macht, mag man zynisch finden oder schlicht brillant.

„Ich bin nicht hierhergekommen, um zu heiraten.“
Er schnauft beleidigt. Dann richtet er sich erneut mühsam auf. „Überleg’s dir gut. Ich könnte deinen Zaun reparieren.“

„Baba Dunjas letzte Liebe“ sticht aus der Liste der mitnominierten Romane zum Deutschen Buchpreis in Form und Inhalt deutlich heraus. Zwischen den Brechern der Autorenkollegen Setz, Kopetzky und Zaimoglu droht das kleine Büchlein erdrückt zu werden und auch jeder politische Anspruch der Klemms und Erpenbecks ist dem Buch fremd.
Was auf diesen einhundertfünfzig Seiten zur Darstellung kommt, ist ein sehr liebevoll gezeichnetes Porträt einer alten Frau und vor allem wunderbare Poesie. Alina Bronsky zeigt mit ihrem Text ein sehr sensibles Sprachgefühl, das sich gleichzeitig vor den Derbheiten des Dorflebens nicht scheut. Und an einem Punkt kommt der Roman dann doch mit den anderen Texten zusammen: Die Frage, wie Gesellschaften zusammenleben, ist hier auf sehr kuriose Weise, aber dann doch verblüffend sympathisch immer präsent.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns von Kiepenheuer & Witsch freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans. 

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