„Die kleinste Einheit ist der Schlag“: Katharina Winklers „Blauschmuck“

Blauschmuck

„Beruhend auf einer wahren Geschichte“: diese Bemerkung wird derzeit zahlreichen Filmen und Texten rechtfertigend – oder als Versprechen? – zur Seite gestellt. Viele aktuelle Kinotrailer eröffnen oder schließen mit diesem Satz, er ist Ausdruck eines Authentizitäts- oder Wirklichkeitsanspruches, der in narrativen Medien en vouge zu sein scheint. Auch Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ wird der Satz „Nach einer wahren Lebensgeschichte“ vorangestellt, auch dieses Buch wird vom Verlag mit seinem Wirklichkeitsanspruch beworben. In diesem Fall ist die Vorbemerkung jedoch gerechtfertigt, da die Geschichte der jungen Türkin Filiz, die der Roman erzählt, für jeden Leser schier unglaublich scheint und mahnend über den Text hinaus wirkt.

Über knapp 200 Seiten wird die Türkin Filiz, das erzählende Ich von „Blauschmuck“, geschlagen, gedemütigt und verdinglicht. Ihre Kindheit verbringt sie in einem abgelegenen Dorf, fernab von den türkischen Großstädten, in einer Großfamilie, in der die Ehre das wertvollste Gut ist, das es in jedem Fall zu bewahren gilt. Gewalt ist in diesem Umfeld alltäglich; Schafe werden von Wölfen blutrünstig gerissen und zerstückelt, der Vater schlägt – wie alle anderen Männer des Dorfes – die Ehefrau und die Kinder regelmäßig grün und blau. Die Frauen des Dorfes tragen alle den „Blauschmuck“, die Hämatome von dem Prügelattacken der Männer. Früh verliebt sich Filiz in Yunus, der wenige Jahre älter als sie selbst ist und sie zu seiner Frau machen will. Gegen den Willen ihres Vaters heiratet sie ihn und es beginnt eine patriarchale Schreckensherrschaft, die vor allem von kaum vorstellbaren Gewaltorgien, Angst und Verachtung geprägt ist. Sie gebährt ihrem Mann, der sich als Trinker und Faulpelz entpuppt, wider Willen drei Kinder, folgt ihm in sein Elternhaus, wo sie nicht nur seine Schläge erdulden muss, sondern auch zur Sklavin der Schwiegermutter gemacht wird, später nach Istanbul und schließlich nach Österreich.

Ich bin ein Kind, ich Ehefrau.

„Blauschmuck“ gliedert sich nicht in Kapitel, sondern in unbetitelte Abschnitte, die nie mehr als drei Seiten umfassen und für welche in der Regel eine neue Seite begonnen wird, sodass sie sich trotz der fehlenden Kapiteltrennung nicht fortlaufend lesen lassen. Durch den fragmentarisch anmutenden Charakter der Abschnitte, in denen nur wenig Handlung erzählt wird, sondern eher konstatierend Szenen oder Dialoge festhalten werden, wirken sie als einzelne Erinnerungen des Ichs.
Verstärkt wird dieser Effekt einerseits durch das fast durchgängig beibehaltene präsentische Erzählen, andererseits durch die Kinderperspektive, die Winklers Roman maßgeblich prägt und die konsequent durchgehalten wird. Die Sätze sind kurz, der Hauptsatz ist der dominierende syntaktische Modus. An vielen Stellen findet das Ich für Grausamkeiten verharmlosende Bilder, die naiv wirken könnten, aber durch ihre Naivität nur die Selbstverständlichkeit betonen, mit der Filiz die Gewalt in ihrer Umwelt wahrnimmt.  So wird der „Blauschmuck“ der Frauen vom Ich mit der Farbe des Himmels verglichen und positiviert: „Wenn ich groß bin, werde ich eine blaue Frau. Ich hoffte auf einen Blauton, hell wie der Winterhimmel.“. Und auch nach der Geburt ihrer Kinder bleibt Filiz stets Kind, weil ihr ihre Kindheit genommen wurde.

Lautlos schlüpfen wir in die Vergangenheit und vergessen die Zukunft.

In was für einer Welt kann so eine Geschichte, die an zahlreichen Textstellen darauf hinweist, kein Einzelschicksal zu sein, also „wirklich“ passieren? Literarisch überbrückt Katharina Winkler diese Distanz zwischen deutschsprachiger, „westlicher“ Realität und der erzählten Geschichte mit einem einfachen, aber umso wirkungsvolleren formalen Mittel: Zeitlosigkeit.
Die Welt der Eltern, in der Filiz vor ihrer Hochzeit lebt, ist archaisch. Es gibt keine Spur von Technik oder Elektronik, selbst fließendes Wasser gibt es nicht. Das Leben ist geprägt von der der Rhythmus der Natur: von Tag und Nacht, von Sommer und Winter. Selbst das Alter der Erzählerin ist unklar: „Mutter glaubt, dass ich sechs Jahre alt in, Yildiz meint sogar schon sieben. Groß bin ich, das kann jeder sehen, groß genug um zu hüten: die Lämmer, meine Schwester Selin und meine Jungfrau.“
Beispielhaft stehen auch die bisherigen Blogbesprechungen mit unterschiedlichen Altersangaben der Protagonistin für dieses von der Autorin bewusst gewählte Verwirrspiel. Während 54books in seiner Besprechung schreibt, Filiz sei bei ihrer Hochzeit mit Yunus 15 Jahre alt, berichtet Das graue Sofa, sie sei erst 14 gewesen. Die Selbstaussage der Ich-Erzählerin bei der Befragung am Flughafen bei der Ausreise aus der Türkei (S. 135) konstatiert:

Pässe!
Ich reiche unsere Pässe durch ein Glasfenster, der Zollbeamte blättert durch unsere Papiere.
Sie haben Ihr erstes Kind unehelich bekommen?
Nein!
Sie haben es mit dreizehn bekommen. Mit dreizehn darf man noch nicht heiraten.
Ich bin verwirrt.

Dem Text ist eindeutig zu entnehmen, dass Filiz ihren Erstgeborenen Halili nach der Ehe mit Yunus zur Welt bringt, demnach müsste sie bei der Hochzeit 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Aber letzenendes ist eine genaue Altersbestimmung nicht relevant zum Verständnis des Textes, sondern die Anerkennung des literarischen Mittels und seiner Funktion für „Blauschmuck“ als deutschsprachigen Text aus der Ich-Perspektive eines türkischen Mädchens.
Ein erstes Anzeichen, dass sich die Erzählung im 20. Jahrhundert zuträgt, gibt das Auto auf dem elterlichen Hof, das Yunus besitzt. Selbst über den Textteil, die das junge Ehepaar in Istanbul verbringt, kann die erzählte Zeit nicht genauer bestimmt werden. Erst mit der Ankunft in Österreich gibt es Namen, Begriffe und Dinge, die eine zeitliche Einordnung des Geschehens ins Ende des 20. Jahrhunderts möglich machen.

Anstatt einer Zeit zählt für das Ich Filiz vielmehr eine andere Maßeinheit, die den Roman konstant und wiederkehrend wie Sonnenaufgang und -untergang durchziehen:

Ich rechne mit meiner eigenen Maßeinheit. Die kleinste Einheit ist der Schlag. Die Schläge auf Rücken und Hüfte, auf Arme und Beine zählen je einen Punkt, die Schläge in den Bauch und auf die Finger je zwei Punkte, die Schläge auf den Kopf und ins Gesicht je vier, wenn sie mit dem Holz geschehen, verdopple ich die Punkte, wenn mit Metall, rechne ich sie mal vier, eine Vergewaltigung zählt acht Punkte.
Einnahmelisten, Ausgabelisten, Ausgabelisten.

„Blauschmuck“ ist ein erschreckender Text, der passagenweise schwer zu ertragen ist. Die Fülle von Gewaltausbrüchen, unter denen das erzählende Ich, aus dessen Sicht der Leser die erzählte Welt wahrnimmt, leiden muss, machen sprachlos. Dennoch ist die Lektüre für alle ein Muss, nicht nur, weil es sich eben um eine „wahre Lebensgeschichte“ handelt, die eine archaisch erscheinende, aber noch immer gegenwärtige Gewalt an Frauen thematisiert, sondern auch, weil Katharina Winkler mit diesem Debüt einen handwerklich großartig gearbeiteten Text vorlegt. Man könnte darüber diskutieren, ob sie als Österreicherin von Gewalt gegen Frauen in der Türkei erzählen kann und sollte – Stichwort: „Man kann nur über das schreiben, was man erlebt hat.“ Dennoch: „Blauschmuck“ ist fraglos ein fulminantes, vielversprechendes Debüt, dessen literarische Qualität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht.


Wir danken Suhrkamp für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare

  1. Ich schließe mich Deiner so positiven Besprechung des „Blauschmucks“ an: Einen ganz besonderen Roman hat Katharina Winkler geschrieben, sowohl was den Inhalt betrifft, besonders aber mit Blick auf die literarische Gestaltung.
    Und ich widerspreche auch ganz klar der These, dass man nur darüber schreiben kann, was man selbst erlebt hat (und bemühe nun nicht das Argument vom Fußball-Bundestrainer, der auch nicht unbedingt selbst Weltmeister geworden sein muss, um….:-)). Vielleicht braucht es sogar die Distanz, um die Erzählung anderer in solch einem Roman wiedergeben zu können, um das unglaubliche Geschehen so literarisieren zu können.
    Immerhin findet der Roman auf den Blogs ja ungeteilten Zuspruch. In den Feuilletons, darüber hat ja auch schon Tilman nachgedacht, findet er kaum eine Resonanz.
    Viele Ostergrüße, Claudia

  2. Pingback: Katharina Winkler – Blauschmuck | Muromez

Kommentar verfassen