Die Kunst des Lektorierens

The Art of Editing

Obwohl Lektoren maßgeblich am ‚Produkt Buch‘ mitarbeiten, treten sie öffentlich eher selten in Erscheinung, außer wenn sie vom Feuilleton in einem Verriss für Überlängen und Unstimmigkeiten der Texte verantwortlich gemacht werden. Vom Alltag eines Lektors bekommt der Leser wenig mit. Im Rahmen des 16. internationalen literaturfestivals in Berlin diskutierten Raimund Fellinger, Cheflektor des Suhrkamp Verlags, Franziska Günther, die leitende Sachbuchlektorin des Aufbau Verlags und Amber Qureshi, die als Lektorin unter anderem für Penguin in New York arbeitet, im Literaturhaus über ihre Arbeit.

Der Lektor als Erdulder

Der Mythos besagt, Schriftsteller seien empfindliche Wesen: Wenn man als Lektor ihre Werke kritisiert und bearbeitet, müsse man sich von den Autoren einiges gefallen lassen.
Raimund Fellinger, der seit 1979 als Lektor für den Suhrkamp Verlag arbeitet, hat einige Geschichten mit großen Namen auf Lager. In den mehr als dreißig Jahren bei Suhrkamp hat er sich, wie es im Interview mit der Süddeutschen Zeitung heißt, „von Handke beleidigen lassen, Unverschämtheiten von Bernhard ertragen und Johnson beim Ausrasten zugesehen“. Im Gespräch im Literaturhaus Berlin konstatiert er: „Eine gewisse Leidensfähigkeit muss man schon mitbringen.“
Dabei sind es, so Fellinger in der SZ, viel mehr die jungen Autoren, die für die Kritik des Lektor unempfänglich sind: „Bei jungen Autoren nimmt es immer mehr zu, dass sie sich meine Änderungsvorschläge ansehen und dann sagen: »Ich stehe zu meinen Fehlern. Es soll alles so bleiben.«“, während die etablierten, älteren Autoren sich eine enge Zusammenarbeit und die Diskussion über den Text wünschen: „Je berühmter der Schriftsteller, umso mehr verlangt er, dass der Lektor en détail mit ihm arbeitet.“
Man könnte denken, das Lektorieren von Sachbüchern sei in dieser Hinsicht grundlegend anders, da nicht die Sprache, sondern Inhalt und Fakten im Fokus stehen. Dem sei nicht so, berichtet Günther, vor allem das Lektorat von Autobiographien sei teilweise von therapeutischem Ausmaß.

Der Lektor als Berater

Trotzdem sei die Vorstellung, die Außenstehende auf die Arbeit des Lektorierens hätten, nicht ganz richtig. Die Aufgabe des Lektors bestehe vielmehr darin, so Günther weiter, mitzudenken und mitzuschreiben, als dagegenzuhalten und dem Autor in seinen Text reinzureden. Das führe im Zweifel – auch wenn dies in ihrer Laufbahn bisher nur selten vorgekommen sei – dazu, dass man auch auseinandergehen müsse, wenn es zwischen Lektor und Autor kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann.
Eine Vertrauensbeziehung zwischen Autor und Lektor sei die Grundlage für eine Zusammenarbeit, glaubt Amber Qureshi, nur dann könne konstruktive Kritik entstehen, die den Text, der immer im Zentrum der Arbeit stehen müsse, weiterentwickelt.

Der Lektor als Vermittler

Dabei nimmt der Lektor die Aufgabe des Vermittlers ein, der zwischen dem Autor und dem Verlag steht. Dieser Spagat ist nicht immer einfach, vor allem seit viele Schriftsteller von Literaturagenten vertreten werden, die zunehmend jene Vermittlerrolle für sich beanspruchen und die unmittelbare Beziehung zwischen Verlag und Autor schwächen. Auch wenn die Gründe, sich von einer Agentur vertreten zu lassen, nachvollziehbar seien – sie übernehmen das bürokratisch-finanzielle und halten dem Schriftsteller damit den Rücken für die kreative Arbeit frei –, werde die Zusammenarbeit durch sie in einigen Fällen unpersönlicher. Bei Uneinigkeiten führe dies öfter dazu, dass man weniger an einer Lösung, als an einem Verlagswechsel interessiert sei.
In der Arbeit mit Literaturagenturen offenbarte sich in der Diskussion ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Literaturbetrieb, wo nahezu alle Kontakte über Literaturagenten liefen. Qureshi, die selbst schreibt, empfindet die Arbeit von Agenten als unersetzbar. Sie bringen den Verlagen neue Manuskripte und helfen, neue Talente zu entdecken, aus der Autorenperspektive, behauptete die New Yorkerin und beruft sich auf eigene Erfahrungen, seien sie sinnvoll, da man in den Verhandlungen immer mehr Geld vom Verlag bekomme, wenn man einen Agenten an seiner Seite habe. Qureshi sieht die Arbeit der Agenturen unproblematisch: Sie vermittelten das Produkt Buch, bekommen dafür ein Honorar und mischten sich danach nicht mehr in die Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag ein, während in Deutschland, das berichtete Moderatorin Julia Encke, Literaturagenturen dazu neigen würden, die Aufgaben des Lektorats für sich zu beanspruchen und die Texte ihrer Mandanten selbst zu lektorieren. Davon merke man allerdings nichts, konstatiert Raimund Fellinger.

Nicht nur im Bezug auf die Rolle der Literaturagenten, sondern auch im täglichen Aufgabenfeld habe sich der Beruf des Lektors in den letzten Jahren stark verändert. Man arbeite viel enger mit Presse- und Marketingabteilungen zusammen, um das Buch passend am Markt zu platzieren. Die romantische Vorstellung vom Lektor, der täglich über Manuskriptfassungen brütet und sich daneben höchstens auf einen Kaffee mit dem Autor trifft, seien absolut unzutreffend. Die Zeit, die für die eigentliche Arbeit am Text bleibt, habe sich stark verkürzt, sei in der Regel auf die Abendstunden und das Wochenende ausgelagert.


Beitragsbild: © Hartwig Klappert

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