Die Magie der Materialität: J. J. Abrams und Doug Dorsts „S.“

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Ein Buch von J. J. Abrams? Das Medium des US-Amerikaners war bislang das bewegte Bild. In Hollywood ist er schon länger ein gefragter Regisseur und Produzent von SciFi-, Mystery- und Actionproduktionen, dem nicht zuletzt die ehrenvolle Aufgabe zukam, bei Star Wars Episode VII Regie zu führen. Doch das geschriebene Wort scheint nicht fern, wenn man sich vor Augen führt, dass auch Abrams seine Karriere in Hollywood als Drehbuchschreiber startete. Für die Umsetzung seiner Romanidee holte er sich Hilfe beim Schriftsteller Doug Dorst, der sein Konzept zu Papier brachte – der Starregisseur schreibt also doch nicht selbst, weiß die New York Times. Man hat Verständnis, Abrams ist vielbeschäftigt. Und es wäre auch schade, diesem Buch seine Qualität wegen solcher Formalitäten abzusprechen. Denn mit „S.“ erschien in diesem Herbst ein besonderes Buch, das ein Gesamtkunstwerk ist.

Löst man das Siegel, das den schwarzen Schieber verschließt, hält man ein großformatiges Buch in den Händen, als dessen Autor nicht Abrams oder sein Co-Autor Doug Dorst ausgezeichnet ist, sondern V. M. Straka’s Das Schiff des Theseus in der Erstauflage von 1949. Der Buchrücken ist versehen mit einer Signatur und spätestens wenn man es aufschlägt, wird klar, dass man es mit einem „Leihexemplar“, einem Bibliotheksband zutun hat.

Seine Aufgabe im Leben ist tatsächlich ganz einfach: Überlebe lang genug, um herauszufinden, wer du bist.

Im Zentrum des auktorial erzählten Schiff des Theseus steht in elf Abschnitten (zehn Kapitel und ein ‚Zwischenspiel‘) über fünfhundertzwanzig Seiten die Figur des S. Dieser steigt im ersten Kapitel am Hafen aus dem Wasser und weiß nicht mehr, wer er ist – er hat sein Gedächtnis verloren und erinnert sich bloß an das Gefühl des Fallens. In seinen Manteltaschen findet er lediglich ein Stück Papier mit einem schnörkelhaften, S-förmigen Symbol und einen Stein. Auf der Suche nach Antworten trifft er in einer Hafenbar auf eine schöne Unbekannte – und wird erneut seines Bewusstseins beraubt, als er betäubt und auf ein mysteriöses, offenbar unzerstörbares Schiff entführt wird. Die verstummte Besatzung bringt ihn zu einer Stadt, die der dystopischen Schreckensherrschaft eines gewissen Vevoda unterworfen ist. S. gerät an Aufständige, ihnen wird ein Anschlag angehängt, sie müssen fliehen. Und schließlich wird S. seine Aufgabe klar: er muss Vevoda stürzen, aber auch die Unbekannte aus der Bar wiederfinden.

Das Buch ist in seiner Beschaffenheit bereits Teil der Fiktion: Das Schiff des Theseus, das der Leser in den Händen hält, gehört Eric, einem 28-jährigen Literaturwissenschaftler, der  an der fiktiven Pollard State University über den Autor des Werks, V. M. Straka, promovieren wollte, aber von seinem Doktorvater Professor Moody betrogen und entlassen wurde. Obwohl er Hausverbot auf dem Campus hat, versteckt er sein Exemplar des Theseus in einer der hintersten Ecke der Bibliothek, um weiter zu recherchieren. Denn er glaubt, der Lösung zu einem der größten Geheimnisse der Literaturwissenschaft auf der Spur zu sein: der Identität des (ebenfalls fiktiven) Autors.

Das Vorwort des Theseus, von der fiktiven Übersetzerin F. X. Cladeira verfasst, eröffnet mit der Frage, die S. bestimmt: „Wer war V. M. Straka?“ Selbst sie, die mehrere seiner neunzehn Werke [im fiktiven Paratext vermerkt] Romane übersetzte, scheint seine Identität nicht zu kennen. Nicht mal die Nationalität ist bekannt: er schrieb jedes Werk in einer anderen Sprache. Eric zu Hilfe kommt Jen, die vor den letzten Prüfungen ihres Literaturstudiums steht, in der Bibliothek arbeitet, das Buch zufällig findet und beeindruckt ist. In ihren Randbemerkungen diskutieren sie Das Schiff des Theseus, die mysteriöse Identität seines Autors, aber auch ihre eigene Situation.

Was zählt ist, was man tut, nicht, wie man genannt wird.

Kafkaesk mutet nicht nur die inhaltliche Konzeption mit ihren Zeitsprüngen und Doppelgänger-Figuren und das dystopische Setting von Theseus an, sondern auch der Stil erinnert an den Großmeister. Städte, die besucht werden, werden nicht benannt, sondern so beschrieben, dass der Rezipient (seien es die fiktiven Literaturstudenten in ihren Randbemerkungen, sei es der Leser) selbst nachdenken und deuten muss. Auch der Protagonist S. trägt keinen Namen – natürlich nicht, er kann sich aufgrund seiner Amnesie nicht erinnern. Der Name ist reduziert, mehr Chiffre als Identität, S. ist von jeder Verbindlichkeit gelöst. In diese Figur lässt sich viel hineinlesen und genau diese Eigenschaft löst das Rätselraten um die Identität Strakas aus.

Letztendlich wird die Frage nach dem Autor des Theseus von Eric und Jen beantwortet, tritt aber im Verlauf der Lektüre immer weiter in den Hintergrund. Viel beeindruckender als die inhaltliche Entwicklung ist die narratologische Finesse des Romans.

Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dieses Nichtwissen ist der Sinn des Ganzen.

Es ist beeindruckend, wie handwerklich versiert Dorst vorgeht. Sämtliche Handlungsstränge des Theseus-Romans spiegeln sich in den Randkommentaren und Beilagen: denn genau wie S. seine Identität zu ergründen versucht, versuchen auch Eric und Jen sich selbst in der Welt zu verorten. Genau wie die beiden Literaturwissenschaftler die Identität des Autors V. M. Straka ergründen, in dem sie in Archiven nach Anhaltspunkten suchen, so versuchen Jen und Eric, mehr über den jeweils anderen in Erfahrung zu bringen, in dem sie sich gegenseitig googlen oder in den Universitätsverzeichnissen nachschlagen. Das Objekt des Romans wird zum Archiv der Studenten. Die Liebesgeschichte der beiden entwickelt sich, während sie die Liebesgeschichte der Figuren im Roman und dem fiktiven Autor zu seiner Übersetzerin entschlüsseln.

Und nicht zuletzt ist dieses Buch ein poetologisches Manifest: S. ist auf allen Ebenen ein Text über den Akt des Schreibens und die Notwendigkeit des Erzählens an sich. Die Passagen über die Wandmalereien in der Höhle, in die sich S. und seine Begleiter flüchten, symbolisieren das archaisch-menschliche Bedürfnis von Niederschrift, von Verschriftlichung für spätere Generationen. Und auch die Matrosen schreiben unter Deck auf dem Schiff, wohin sie sich zurückziehen, um „eine Tintenader zu öffnen und sein Selbst auf jene Seiten zu ergießen.“
S. ist ein durch und durch postmoderner Roman. Und obwohl die literarische Postmoderne eher abgeschlossen scheint und Literaturgeschichte geworden ist, ist das Produkt aus Abrams und Dorsts Kooperation gerade durch die Signifikanz seiner Materialität aktuell: es ist, wie Richard Kämmerlings in der Welt richtig feststellt, ein Anti-E-Book. Die „perfekte Fiktion“ funktioniert nur materiell und haptisch, nicht elektronisch. Die Lektüre dieses Buchs ist ein Fest für alle – vom Literaturwissenschaftler bis zum Fantasy-Fan.