Die neue Wörtlichkeit: Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“

Bronikowski

Kai Weyands Roman Applaus für Bronikowski ist eine der Überraschungen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, der in den Kritiken bislang vor allem Zustimmung und Applaus erhält.
Das mag vor allem daran liegen, dass sich der Roman inhaltlich und formal deutlich unter den anderen Kandidaten heraussticht: der quantitativ gesehen eher zu den kürzeren Einreichungen gehörende Text ist nicht in einzelne Kapitel untergliedert, sondern über einhundertachtundachtzig Seiten fortlaufend und nur durch Absätze unterbrochen, sein markantestes Merkmal ist sein Humor, eine einzige Figur steht klar im Fokus der Erzählung.
Applaus für Bronikowski ist eine leichte, kurzweilige Lektüre, die ihre Tiefe nicht über eine metasprachliche Poetizität, sondern über die existenzielle Thematik entwickelt. 

Der Roman erzählt aus personaler Perspektive des einunddreißigjährigen Nies, der eigentlich Dionysos heißt und sich seit der Auswanderung seiner Eltern, die ihn ab seinem dreizehnten Lebensjahr bei seinem Bruder aufwachsen ließ, NC („No Canadian“) nennt. Im Gegensatz zu seinem rationalen Bruder Bernd, der eine erfolgreiche Bänkerkarriere macht, ist die Abwendung der Eltern für den Protagonisten NC ein unüberwundenes Trauma, das sich in sozialen Verhaltensauffälligkeiten manifestiert. So erklärt er auf der Straße dem Halter eines dreibeinigen Hunds namens November, das sowohl die Silbenanzahl des Hundenamens als auch die Form des Anfangsbuchstabens „N“ auf die Dreibeinigkeit seines Hundes hindeutet und besteht darauf, sich von der Bäckereifachverkäuferin erst eine Backware und danach noch eine Straße empfehlen zu lassen, sie sei ja vom ‚Fach‘.
Hier wird bereits klar, worum es NC geht. Er fordert von seinen Mitmenschen einen Sprachgebrauch, der die Wörtlichkeit in den den Mittelpunkt rückt:

Sie sagen also etwas, was Sie gar nicht so meinen. Sie verschleiern die Wahrheit. Irgendwie macht Sie das verdächtig, finde ich.

Die allseits gelobte Komik des Romans speist sich einerseits aus diesen Abweichungen von der Norm des Sprachgebrauchs. Redewendungen, Höflichkeiten und Floskeln werden von NC strikt abgelehnt, weil sie nicht wörtlich gemeint sind. Die Folge sind Dialoge und Überlegungen, die durch Wortwitz auf die Eigenheiten und Regeln von Sprache und Kommunikation Aufmerksam machen.

Doch das traumatische „Gefühl der Hilflosigkeit“, das an die Auswanderung der Eltern gebunden ist, manifestiert sich nicht nur in der Sprachskepsis von NC, sondern auch in aggressiven Ausbrüchen. Als die erste Karte seiner Eltern aus Kanada eintrifft, schmeißt er seine Ratten lebendig aus dem Fenster, später schleudert er Eier gegen die gegenüberliegende Hauswand und bricht einem pubertierenden Jungen wegen eines frechen Kommentars die Nase.

Spätestens hier wird klar, dass es Weyands Roman zwar im Gegensatz zum anderen Longlist-Roman aus dem Hause Wallstein, Die Liebenden von Mantua, gelingt, mit dem Protagonisten NC eine ausführliche, „runde“ Figur zu erschaffen, seine Geschichte und sein Verhalten wirken jedoch überkonstruiert und -psychologisiert. Wer einmal Nies‘ Trauma begreift, für den hält die Figur keine weiteren Überraschungen mehr bereit.

Was Applaus für Bronikowski trotzdem lesenswert macht, ist eine existenzielle Thematik. Denn nachdem er sich von Frau März, der Bäckereifachverkäuferin, eine Straße empfehlen lässt, betritt er dort erstmalig aus Neugierde ein Bestattungsinstitut und bekommt dort einen neuen Job: er wird Bestattungshelfer. Durch die Beschreibungen seines Berufsalltags und die Reaktionen seines Umfeldes darauf greift Weyand ein gesellschaftliches Tabuthema auf – und relativiert es.

In den Schilderungen der Arbeit als Bestattungshelfer wird der leblose Körper durchweg positiviert: „entspannt“, „zufrieden“, „ohne Angst“ und mit „natürlicher Schönheit“ – so beschreibt der Roman die Leichname, die von NC abgeholt und betreut werden. Es wird von der entwichenen Seele gesprochen, kein Ekel kommt auf: „Es war einfach, und es war gut.“ Die Toten werden von allen Mitarbeiten des Bestattungsinstituts, das nur am Rande bemerkt besonders ungewöhnliche Menschen zu versammeln scheint, stets bei ihrem Namen genannt. NC versteht sich als Anwalt der Toten, der ihnen die letzte Ruhe möglichst komfortabel und nach ihren Wünschen ermöglicht.

Diese Berufsauffassung nimmt NC ab etwa der hälfte des Textes etwas zu wörtlich und beginnt im Alleingang die Bestattungen und Trauerfeiern seinen Vorstellungen nach über die Köpfe der Angehörigen auf die Wünsche der Verstorbenen hin anzupassen. Der Text entwickelt neben dem Sprach- und Wortwitz einen Slapstick-Humor auf der Handlungsebene, der sich an den Grenzen des guten Geschmacks bewegt.

Alles in allem erinnert der szenische Erzählduktus und der Plot von Applaus für Bronikowski an einen Film [Sätze und Schätze vermutet bereits eine zeitnahe Buchverfilmung], den die ARD oder das ZDF anlässlich der jährlichen Programm-Themenwoche [das Thema Tod gab es allerdings schon 2012] eigens produzieren und ausstrahlen würde. Leicht und mit Humor, aber ohne formelle Tiefe nähert sich der Roman von Kai Weyand der Frage nach dem Umgang mit dem Tod. Denn:

Wenn man dem Tod öfters begegnet, kann man vielleicht leichter Hallo sagen, wenn er einen irgendwann selbst besuchen kommt.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Wallstein Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.