Die Spielarten der Angst: Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

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Mit „Pelusa“ , einem Text, den er selbst als „Teil einer Studie zu einem Projekt“ bezeichnete, gewann Juan S. Guse 2012 den open mike-Wettbewerb. Jenes Projekt wurde nun vollendet: Mit „Lärm und Wälder“ legt Guse sein Debüt vor, in dem die Pelusa des open mike zusammen mit ihrer Familie im Zentrum des Erzählten steht. Wer nach dem open mike begeistert von Guse und seinem Text war, wird diesen Roman lieben. Hier wird aus- und weitererzählt, was in „Pelusa“ nur schemenhaft angedeutet wurde. Juan S. Guse schafft es mit ungewöhnlichen Motiven und einer raffinierten Erzähltechnik von einer Gesellschaft und ihren Individuen zu erzählen, die auf den ersten Blick dystopisch anmutet, auf den zweiten Blick jedoch nicht mehr so fremd scheint.

Pelusa lebt mit ihrem zweiten Ehemann Hector und ihren Söhnen Henny und Ignacio in Nordelta, einem Außenbezirk der „Capital Federal“, der in verschiedene Nachbarschaften unterteilt ist, die alle streng bewacht werden. Es sind „gated communities“, welche die Bewohner durch Zäune, Sicherheitspersonal und Wachposten von der Außenwelt schützen. Hier versammelt sich die wohlhabende Oberschicht, die tief in die Tasche greift, um im Idyll von Nordelta unbehelligt zu leben, während die Welt außerhalb immer mehr von Gewalt und Kriminalität beherrscht zu werden scheint.
Doch die Anwohner zahlen nicht nur mit ihrem Geld, sondern auch mit ihrer Freiheit. Die immer wiederkehrenden Kapitel „Hotline“, in denen die Telefongespräche von David mit den Anwohnern wiedergegeben werden, zeigen, wie streng die Überwachung und die Regeln sind. So muss jeder Besuch mit ausführlichen Informationen beim Wachpersonal angemeldet werden, es gibt genaue Vorschriften über das Erscheinungsbild jedes Grundstücks, die dazu führen, dass alle Häuser gleich aussehen und die Bewohner selbst nicht mehr wissen, welches Haus nun ihres ist. Das Leben in Nordelta ist geprägt von Uniformität und Anonymität, vor allem aber von Angst.

Du weißt es so gut wie ich: es geht um Kontrolle.

Juan Guse erklärt im Gespräch am Vorabend des diesjährigen open mike, er wollte in Lärm und Wälder „verschiedenen Skalierungen von Kontrollmechanismen durchdeklinieren“ und „Kontrollsurrogate, die Angst sublimieren und systematisieren sollen“ literarisch verarbeiten. Die allgegenwärtige Angst strukturiert den Roman und ist eine konstante Grundstimmung, die durch die narrative Perspektive dem Leser selbst erfahrbar gemacht wird. Alle Kapitel, die in Nordelta angesiedelt sind, erzählen aus der personalen Perspektive von jeweils einem der Familienmitglieder. Besonders die Erwachsenen Pelusa und Hector sind von der Angst vor einem gesellschaftlichem Umsturz, der ihre Welt in Chaos und Verwüstung zu verwüsten droht, geprägt. Als in Hectors Büro der Feueralarm erklingt, glaubt er an eine Sirene, die den Untergang der Welt einläutet und plant, wie er die plündernden Massen, die er vor der Tür vermutet, überlisten kann; als Pelusas Auto auf dem Parkplatz in der Stadt nicht anspringt, erfasst sie die Panik, ausgeraubt und ermordet zu werden. Die personale Perspektive vermittelt gekonnt die Angst der Figuren in einer objektiv harmlosen Situation und entwickelt einen Sog, dem sich der Leser schwer entziehen kann. Denn was wirklich außerhalb von Nordelta geschieht, erzählt Guse dem Leser konsequenterweise nicht. Auch er kann nur – wie die Bewohner der Nachbarschaften – erahnen, was geschieht, auch der Leser kennt nur die angedeuteten Gerüchte. Aber nicht nur vor den Menschen außerhalb von Nordelta fürchtet sich die Familie, auch der eigene Sohn Henny ist Grund zur Besorgnis.

Manchmal denkt er so viel nach, dass er die Übersicht verliert, die Reihenfolge vergisst – was bedingt was, wo endet das All, warum bin ich ein Krüppel, mit wem spricht meine Mutter, wenn sie nachts allein im Bad ist?

Lärm und Wälder entwickelt nicht nur einen dystopisch anmutenden Gesellschaftsentwurf, sondern darüber hinaus auch komplexe Figuren. So ist Henny, der eine Augen- und Armprothese trägt, weil er bei einem nicht näher geschilderten Hundeangriff, bei dem auch seine Mutter Pelusa einen Daumen verlor, ein Außenseiter, der sich nachts aus dem Haus schleicht, um Tiere zu jagen und an ihnen „das Sterben zu üben“. In seiner Werkstatt experimentiert er mit Fröschen, die er lebendig seziert und lässt ganze extra gezüchtete Ameisenkolonien verhungern, um den Tod zu studieren. Henny scheint als einzige Figur ohne Angst zu sein, er ist der einzige, der sich den Regeln der Gesellschaft von Nordelta widersetzt.

Die Angst der Erwachsenen kanalisiert sich in unterschiedlicher Art und Weise: während Hector mit seinem Freund Alvaro „Prepping“ nach amerikanischem Vorbild betreibt und sich in seiner Freizeit auf den Weltuntergang vorbereitet, sucht Pelusa gemeinsam mit ihrer Schwester Sara Zuflucht im Glauben. Sie schließen sich einer freien christlichen Gruppe an, die ihre Wurzeln in den USA hat, und errichten eine „Meyer Ministries Gemeinde“ in Nordelta. Auch wenn sie selbst Angst vor dem Verfall der Gesellschaft hat, lehnt Pelusa das Prepping von Hector ab. Einzelne Kapitel, die einen Rückblick auf die Vergangenheit Pelusas mit ihrem ersten Mann erlauben – eben jener Zeitebene der schwangere Pelusa aus Guses open mike-Texts – und aus der Ich-Perspektive des ersten Mannes erzählen, lassen erahnen, weshalb: auch der erste Mann war ein Sicherheitsfanatiker, der ein Haus in der südamerikanischen Pampa kaufte und es absicherte. Die Ich-Kapitel, die auch die Geschichte des Trappisten Antonio, dem Pelusa Zuflucht gewährt, erzählen, spiegeln die Gefahr, die in Nordelta schemenhaft bleibt, in einer vergangenen Realität.

Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Familien.

Am Ende steht die Eskalation. Die stets beschworene und gefürchtete „Bedrohung“ erreicht Nordelta. Während Pelusa mit den Kindern zu Sara flüchtet, die in einer der anderen Nachbarschaften noch sicher zu sein scheint, legt Hector den Pool trocken und baut ihn kurzerhand zu einem Bunker um, in dem er unerkannt von Vorräten leben will, während die wildgewordenen Wahnsinnigen sein Haus plündern und die Welt ins Chaos stürzen. Er wird wahnsinnig, am Ende sogar zum Geist.

Mit Lärm und Wälder reiht sich Juan S. Guse in die Reihe der dystopischen Romane der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur neben Winters Garten und Eigentlich müssten wir tanzen ein. Einzig sein Setting ist exotischer: während Fritschs und Helles Romane im deutschsprachigen europäischen Raum situiert sind, lagert Guse seine Erzählung nach Südamerika aus. Was aber in letzter Konsequenz dem Leser vielleicht am meisten ängstigen sollte: Nordelta gibt es wirklich. Der am Rande von Argentiniens Hauptstadt, der einzig autonomen Stadt des Landes und damit der „Capital Federal“ Buenos Aires gelegene Bezirk ist in Nachbarschaften gegliedert, die als Gated Communities abgeriegelt sind und überwacht werden. Über 25 000 Menschen leben dort. Lärm und Wälder ist eines der handwerklich versiertesten Debüts des Jahres und ein spannender, fesselnder Text, der die Kontroll- und Sicherheitsmechanismen unserer heutigen Gesellschaft in einem dystopisch anmutenden Setting kritisch ausstellt und hinterfragt.


Wir danken S. Fischer für das Rezensionsexemplar.

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