Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Hensel-Keinland

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End.

Wahrscheinlich kannte sie solche Frauen wie mich längst, nicht mehr jung, noch nicht alt, auf der Suche nach allem und nichts.

Eigentlich ist alles in bester Ordnung: Nadja ist Mitte 30, lebt im Winskiez im Prenzlauer Berg und arbeitet als Redakteurin bei einer Zeitung. Kinder hat sie bisher nicht, aber eine beste Freundin namens Bettie, die Bühnenbilder an der Volksbühne baut und immer für sie da ist. Aber trotzdem ist da diese Leere. Als sie den Auftrag bekommt, eine Reportage über Israel zu schreiben, lernt sie bei den Recherchen Martin Stern kennen, einen in Frankfurt aufgewachsenen Juden, der 1990 nach Israel auswanderte, und den sie als Bekannten eines Bekannten um ein Interview bittet. Nach dem ersten Telefonat, das in einem fürchterlichen Streit endet, beschließt sie, das erste Mal in ihrem Leben, nach Israel zu reisen, und den rund fünfzehn Jahre älteren Martin zu treffen; es ist – wie könnte es beim Untertitel des Romans auch anders sein – der Anfang einer Liebesgeschichte.

Erzählt wird diese jedoch aus der Retrospektive, denn die Handlung des Romans setzt mit dem Aufwachen der Ich-Erzählerin Nadja ein, der bewusst wird, dass Martin sie in der Nacht verlassen hat. In Form eines 200-seitigen inneren Monologs, in dem das Ich auch immer wieder Martin adressiert, lässt sie die Beziehung, die ein knappes Jahr dauerte, Revue passieren, sinniert über die Gründe des Scheiterns und trauert. In diesen ein wenig wehleidigen Passagen, irgendwo zwischen den „Leiden des jungen Werther“ und antikem Klagelied, ist „Keinland“ am schwächsten und droht, in Kitsch abzudriften. Den bleibenden Eindruck hinterlassen aber jene Beobachtungen, die von der Beziehung zwischen Nadja und Martin auf das deutsch-jüdische Verhältnis abstrahiert werden können.

Deine Eltern hatten Auschwitz überlebt, irgendwie, du nicht.

Nach Außen ist Martin erfolgreicher Berater und Vermittler für eine deutsch-israelische Wirtschaftsorganisation und jettet in Designeranzügen durch die Welt, ist als Kosmopolit überall zu Hause – nur nicht in Deutschland. Als Sohn von Shoah-Überlebenden, die aus einem vollkommen ausgelöschten Schtetl in Polen stammen und nach 1945 als „Displaced Persons“ nach Deutschland gebracht wurden, wo Martin schließlich geboren wurde und einen möglichst deutschen Namen erhielt, um nicht als Jude erkannt zu werden. Seinen zweiten, jüdischen Vornamen, den er von seinem in der Shoah ermordeten Onkel erhielt, verrät er Nadja nicht. Die doppelte Heimatlosigkeit – im räumlichen, aber auch familiären Sinne – hat Martin zu einem Menschen gemacht, der Nähe sucht, aber nicht zulassen kann.

Ich komme aus dem Nichts, Nadja. […] Für mich war auf dieser Welt nie ein Platz vorgesehen. Viele Jahre habe ich trotzdem danach gesucht. Aber ich habe keinen gefunden. Und jetzt habe ich keine Kraft mehr dafür, verstehst du. Jetzt will ich nicht mehr suchen. Jetzt weiß ich nur noch, ich muss eines Tages alleine untergehen!

Die Unmöglichkeit der Beziehung spiegelt sich in der Organisation des Textes, der von Chiasmen, Widersprüchen und Paradoxa geprägt ist. Oppositionspaare bestimmen „Keinland“: Sätze wie „Ich war so müde, ich war so wach“, „Ich hasse die deutsche Sprache. Ich liebe sie.“ oder „Bonjour, mon amour, au revoir, mon amour. In jeder Stadt. Und in keiner. Überall und nirgends. Immer. Nie.“ prägen den Text maßgeblich, teils kunstvoll, stellenweise aber auch ein wenig gekünstelt.

Martins Leere und meine Leere ergaben einen Sinn, wie bei einer mathematischen Gleichung mit zwei Unbekannten.

Ein weiterer Irritationsmoment auf inhaltlicher Ebene ist die anklingende Parallelisierung der Identitätskrisen (jene ‚Leere’), die Martin und Nadja verbindet. Seine Ort- und Heimatlosigkeit, die durch das Exil der Eltern und der Vernichtung der Familie in der Shoah begründet ist, wird mit ihrer Heimatlosigkeit als DDR-Geborene in Relation gesetzt:

Aber weißt du, mein Land ist wirklich untergegangen, und ich glaube manchmal, ich mit ihm. Vielleicht weil ich damals so jung war, habe ich nicht verstanden, was passierte. Martin, verstehst du, vielleicht bin ich ja mit diesem Land untergegangen. Man kann auch mit falschen Ländern untergehen. Diese ersten Jahre danach, als nichts mehr war wie zuvor, ich werde sie nicht los, alles löste sich auf. Ich dachte immer, ich werde diese Jahre eines Tages los, je älter ich werde, umso unwichtiger werden sie. Das habe ich gehofft. Aber ich glaube, ich bin dieses Kind von damals geblieben. Ich werde es immer bleiben.

Wer nach einer Erklärung für diese doch eher befremdlich wirkende Verbindung beider Themen sucht, kommt mit einer autorenbiographischen Lesart weiter, denn „Keinland“ ist zwar Hensels literarisches Debüt, aber keineswegs ihr erstes Buch. Bereits 2004 veröffentlichte sie mit „Zonenkinder“ einen Bericht über die Zeit nach der Wende, die sie als Teenager erlebte. Der Vorschautext zu „Zonenkinder“ weist dabei eine gewisse Ähnlichkeit zum oben angeführten Zitat aus „Keinland“ auf.

Besonders positiv hervorzuheben ist jene Szene, in der die Ich-Erzählerin in Yad Vashem das Tal der Gemeinden besucht und sich dort auf einer individuell-räumlichen Ebene mit der Shoah konfrontiert sieht: Der topographische Raum ihrer Kindheit, die Städte und Dörfer der DDR, werden in ihrer Wahrnehmung erstmals als Orte des Holocaust markiert, womit gleichzeitig das problematische Verhältnis der DDR zu seiner angeblich nicht vorhandenen NS-Vergangenheit thematisiert. Trotz einiger Dissonanzen ist „Keinland“ ein streckenweise interessantes literarisches Debüt, das an der einen oder anderen Stelle noch etwas über die Stränge schlägt.


Wir danken Wallstein für das Rezensionsexemplar.

1 Kommentare

Kommentar verfassen