Die Tristesse der Kleinstadtjugend: Birgit Birnbachers „Wir ohne Wal“

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„Was schaust du, hier hat sich nichts verändert, darum gehen ja alle nach Wien“, sagt die in Zürich lebende Schwester der Künstlerin Anna auf den ersten Seiten von „Wir ohne Wal“ über die Kleinstadt, die im Zentrum von Birgit Birnbachers Debütroman, der bei Jung und Jung erschienen ist, steht. In zehn Kapiteln wird aus zehn verschiedenen Ich-Perspektiven auf insgesamt 170 Seiten das Panorama einer grauen Kleinstadt aus Sicht der Mid-20-Jährigen gezeichnet.

Den Auftakt macht Anna, die zusammen mit Marika, einer anderen Künstlerin, aus dessen Ich-Perspektive ein späteres Kapitel erzählt, im Zuge eines Kunstprojekts einen zwanzig Meter langen, schwebenden Wal über ihrer Heimatstadt installiert hat. Ein überdimensionaler Heißluftballon in Form eines Meeresbewohners müsste eigentlich die Attraktion der Stadt sein, aber wahrgenommen wird der kaum:

Er ist da, aber die meiste Zeit verschwindet er. Bei uns ist ja der Himmel fast immer weiß und der Verkehr gleichmäßig laut. Er ist einfach da und irgendwann nicht mehr, und obwohl er ein Wal über der Stadt ist, bemerkt man ihn kaum.

Bereits hier, auf den ersten Seiten des Romans, wird klar, wie grau und trist das Leben in der namenlosen Kleinstadt ist, die alle Ich-Erzähler von „Wir ohne Wal“ bewohnen. Eigentlich müsste der Roman „Wir mit Wal“ heißen, denn zeitlich spielen die einzelnen Kapitel, die in sich meist Moment- und Alltagsaufnahmen sind, während des Jahres, in dem die Kunstinstallation über der Stadt schwebt: Im letzten Kapitel, das den gleichen Titel trägt wie der Roman selbst, ist der Wal verschwunden – die handelnden Figuren bemerken es nur zufällig.
Jener Wal steht wohl nicht nur symptomatisch für das monotone Leben in der Stadt, in der noch nicht mal ein überdimensionaler Wal über den Köpfen bemerkt wird, sondern auch symbolisch für die – mal größeren, mal kleineren – Probleme und Sorgen, die alle Erzähler des Romans verbindet. Auch sie sind „einfach da und irgendwann nicht mehr“, und obwohl sie teilweise grundlegende Lebens- oder Identitätskrisen sind, bemerkt man sie in der alltäglichen Monotonie des Seins kaum.

Nicht nur ihre Probleme, sondern auch ihr Alter verbindet die Figuren des Romans, der eher einer intratextuell verknüpften Sammlung von Erzählungen gleicht. Die Ich-Erzähler in „Wir ohne Wal“ sind ‚Twentysomethings’, die nicht nach Wien oder Zürich gegangen, sondern in ihrer Heimatstadt geblieben sind. Immerhin scheint es eine Universität zu geben, denn einige von ihnen studieren noch. Ein kulturelles Angebot gibt es trotzdem nicht: während einige der Figuren in der zwielichtigen Kneipe „Unter Palmen“ die Zeit totschlagen, werden andere aus Langeweile kriminell und nehmen Drogen, wie Marko, der im zweiten Kapitel als Ich-Erzähler agiert und aus der „Psycho-WG“ entlassen wird – einer Einrichtung für betreutes Wohnen von kriminellen und abhängigen Jugendlichen –, nachdem er eine Tankstelle überfallen hat, weil ein Freund ihn darum bat und er nichts besseres vor hatte.

War es die letzten Tage auch schon dunkel um die Zeit? Und was habe ich die letzten Tage eigentlich gemacht?

Das einzig aufregende Ereignis ist die Installation von telefonzellenartigen Maschinen im vorletzten Kapitel, die dem „Global Dialogue“ dienen sollen und die es den Kleinstadtbewohnern ermöglichen, ihre Fragen – offenbar zu jedem erdenklichen Thema – an internationale Experten zu verschicken. In diesem dystopisch anmutenden, surrealistischen Moment des sonst von kühlem Realismus geprägten Texts erreicht „Wir ohne Wal“ seinen qualitativen Höhepunkt. Welche Frage die in diesem Kapitel agierende Ich-Erzählerin Eve in die Welt geschickt hat und was die Antwort ist, bleibt jedoch offen: der Mut zur Leerstelle ist nobel, aber bedauerlich.

Ach, sagt sie, bei uns in der Stadt kennt man doch jeden, wenn man mal rausgeht.

An einigen Stellen werden die eher autonom stehenden Erzählungen der einzelnen Kapitel verknüpft. Der Ich-Erzähler des einen Kapitels taucht in einem anderen wieder auf, die Schicksale werden miteinander verknüpft. Daher ist die Genrebezeichnung als Roman natürlich zulässig, wer aber einen chronologisch erzählten Textkorpus erwartet, wird von „Wir ohne Wal“ enttäuscht. Die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Kapiteln sind zwar mit Bedacht und Fingerspitzengefühl geflochten, haben aber einen entscheidenen Nachteil: Während die Figuren sich gegenseitig sehr genau zu kennen scheinen, lernt man als Leser keine der Figuren besonders genau kennen, sondern ist vielmehr Tourist in den fremd bleibenden Leben.

Den Sätzen gegenüber war ich kühl, das Unkommentierte war mir immer lieber, der Ausdruck durch etwas anderes. Eine Installation zum Beispiel, weiß und hoch oben, ein leiser, gleichmäßiger, nie endener Ton aus einem heißluftbetriebenen Tier aus weißer Plane. Ich bin ein sprachferner Mensch mit einem Hang zu weißen Tieren.

Die oben stehende Aussage der Künstlerin Marika kann ohne weiteres als poetologisches Selbstbekenntnis der Autorin über ihren Text gelesen werden. Sprachlich ist „Wir ohne Wal“ kein Feuerwerk, eben eher kühl und grau wie die Stadt, von der erzählt wird, aber dabei auch klar und immer wieder poetisch. Die Ich-Erzähler klagen nicht, sie schildern einzelne Anekdoten, aus denen ihre Misere spricht. Birgit Birnbacher findet in ihrem literarischen Debüt zwar zu einem individuellen Ton mit potenziellem Wiedererkennungswert, leider bleibt er aber noch zu blass. Ob mit oder ohne Wal: Bei Birnbacher bleibt zu viel offen und läuft ins Leere.


Wir danken Jung und Jung für das Rezensionsexemplar.

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