Die trotzige Monarchin: „Wie ihr wollt“

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Es gibt Orte, Zeiten und Personen, zu denen die Literatur immer wieder zurückkehrt. Zuletzt ließ sich die Wiederkehr der Kassandra im Prenzlauer Berg beobachten. Dass nun ein Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht, welches in das Elisabethanische Zeitalter eintaucht, ist kurios und logisch zu gleich. Die deutsche Literatur hatte schon immer ein sehr inniges Verhältnis zu dieser Epoche. Die Weimarer Klassiker haben die Shakespeare-Rezeption in Deutschland vorangetrieben, seitdem sind er und seine Zeit ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes. Inger-Maria Mahlke erzählt genau aus dieser Epoche in ihrem neuesten Roman „Wie ihr wollt“ eine tragikomische Geschichte einer Frau, die nicht viel mehr möchte, als Selbstbestimmung.

Das 16. Jahrhundert fällt unter die weniger angenehmen Zeiten Britanniens. Sie sind geprägt von Auseinandersetzungen zwischen den aristokratischen Familien, von lokalen Aufständen und Religionskonflikten. Mit dieser Periode werden Personen wie Elisabeth I., Henry VIII., Anne Boleyn oder Mary Stuart assoziiert. Ihre Geschichten und historische Relevanz könnten Stoff für zweihundert shakespearesche Dramen bieten. Wer jedoch selten in dieser Reihe vorkommt ist Mary Grey: ihres Zeichen Enkelin Mary Tudors und damit im engsten Kreis der englischen Hocharistokratie.

Es war einmal ein König, der erste aus der Familie Tudor, seine Verwandten hatten einander totgeschlagen, er war als Einziger übrig. Der König hatte vier Kinder, die ältere Tochter verheiratete er nach Schottland, die jüngere nach Frankreich, sein älterer Sohn starb, der Jüngere folgte ihm auf den Thron. Blablabla bla bla
Es war einmal

Die historische Mary Grey kam gleich mit mehreren Handicaps zur Welt. Sie ist Teil eines Familienzweigs, der theoretische Thronansprüche entwickelt, abersie ist nicht die direkte Thronfolgerin. Damit geriet sie zwangsläufig in den Verdacht, die Macht – früher oder später – für sich in Anspruch nehmen zu wollen. Darüber hinaus wird überliefert, dass sie minderwüchsig und buckelig gewesen sein soll. Ihr Äußeres entsprach also nicht dem, was der monarchische Körper repräsentieren sollte: Die Würde und Erhabenheit eines Erscheinungsbild, in dem sich die göttliche Legitimierung zum Herrschen widerspiegelte. Als Mary Grey sich entschied, eine heimliche Ehe mit Thomas Keyes einzugehen, der darüber hinaus weder adelig oder gar hochadelig, sondern Pförtner war, ist die Stunde der misstrauischen Familienangehörigen gekommen: Mary Grey wird unter Hausarrest gestellt und ist damit praktisch entmündigt.

Das ist der Moment, in dem Inger-Maria Mahlke mit ihrem Roman in den historischen Stoff einhakt. Der Text entfaltet zwei Erzählsituationen, die unterschiedliche Zeithorizonte bearbeiten. Mary Grey wird in ihrem Zimmer situiert, von dem aus sie Tagebuch führt. Sie versucht eine Art Familienchronik zu schreiben, in der sie all das verarbeitet, was zu ihrer Situation geführt hat und welche Verheerungen innerhalb der Tudor-Familie und ihren Abzweigungen wüten. Lässt sie davon ab, schildert sie ihre eigene Erfahrungswelt, die aufgrund des Hausarrests beschränkt ist und aus regelmäßigen Mahlzeiten, dem Blick aus dem Fenster und ihrer Kammerdienerin und Bewacherin Ellen besteht. Da Ellen ihre einzige Bezugsperson darstellt, entwickelt sich mit ihr ein Kampf um die letzten Freiheiten, die Mary bleiben, vor allem um das Recht die eigene Würde zu wahren.

Irgendwann hab ich verstanden: Ich wollte mein Leben schreiben. Die Witwe Keyes, geborene Mary Grey, ein Leben. Und doch hab ich ihres geschrieben. J.s Leben, Vaters Leben, Mutters Leben, Kats. Als wäre meins eine weiche Masse und ihres aus härterem Material. Und wenn man das alles zusammenpresst, formt Hartes das Weiche, drückt es in das hinein, was an Platz übrig ist. Nicht viel ist das, ein paar Vertiefungen, eine Erhebung, ein jämmerlicher Wulst. Nichts weiter als ein Mutter-Vater-J.-Kat-förmiger Abdruck.

Mahlkes Roman ist gerade wegen seiner Figurenwahl so spannend: Mary Grey ist gleichzeitiger Insider und Outsider des monarchischen Systems ihrer Zeit. Durch ihre Abstammung müsste sie eine tragende Rolle am Hof einnehmen, doch gerade ihre Familienbande machen sie gefährlich. Es sind Zeiten, in denen Familie weniger Solidarität als den Gang zum Henker bedeutet. Mary trifft es da mit ihrem Hausarrest noch einigermaßen glimpflich. Mahlke findet dafür das Wort der „Wahrscheinlichkeiten“, das eine Maxime im Blick auf die eigenen Familienangehörigen und deren Umfeld beschreibt. Und Wahrscheinlichkeiten gilt es am englischen Hof des 16. Jahrhunderts möglichst klein zu halten. Jede zeugungsfähige Frau kreiert nicht nur eigene Thronansprüche, sondern womöglich weitere Thronfolger. Und so enden viele der von Mary Grey beschriebenen Protagonisten auf dem Schafott.

Aus der peripheren Situation des Hausarrests heraus versucht Mary Grey, durch ihre Schreibunternehmen die Gewalt über die eigene Geschichte zurückzuerlangen. Die Tatsache, dass Inger-Maria Mahlke eine schreibende Ich-Erzählerin einsetzt, deutet auf einen doppelten Vorgang der Aneignung hin: So wie die Autorin sich den historischen Stoff aneignet, so möchte auch Mary das eigene Schicksal unter ihre Gewalt bekommen. Die ernüchternde Feststellung am Ende des Romans konstatiert allerdings, so viel schreiben zu können wie sie möchte, es wird immer eine Erzählung der anderen, nie die eigene sein.

So bleibt Mary nur die Beziehung mit Ellen, zu der sie eine Mischung aus tiefster Verbundenheit und großer Wut pflegt. Auf der einen Seite ist sie das einzige Bindeglied zur Welt außerhalb ihres Zimmers, auf der anderen ist sie der physische Beweis der eigenen Unmündigkeit. Immer wieder riecht Mary an Ellens Saum, wenn sie mal wieder auf Einkaufstour war, um wenigstens olfaktorisch an der Welt teilzunehmen. Doch dann kommt es auch wiederholend zu körperlichen Übergriffen. Der Biss in Ellens Arm ist für Mary einer der letzten Wege, die eigene Macht zu demonstrieren. Das in solch einer Geste mehr Ohnmacht als Macht liegt, gibt der Text dem Leser zu verstehen.

Mag er schwören, sooft er will, er wolle keine Wahrscheinlichkeit sein, der Körper bleibt gefährlich. Kann nicht mehr ungeboren sein.

In diese Konstellation von Macht und Ohnmacht ist ein Körperdiskurs eingelassen. Die aristokratische Gesellschaft leitet Macht vom Körper ab. Das lässt sich am Wort „Staatskörper“ ablesen, der in der Monarchie mit dem Regenten gleichzusetzen ist. In diesem Sinne liefert Mary Grey auch auf der Ebene ihrer Erscheinung die Argumente für ihre eigene Entmündigung: Ein „entstellter“ Körper kann auch keine Staatsgewalt repräsentieren. Doch die Aristokratie hat auch einen ganz pragmatischen Blick auf den Körper. Die Frau ist für das Herrschaftssystem solange interessant, wie sie zeugungsfähig ist. Eine gebärfähige Frau ist das Versprechen auf einen Thronfolger. Das ist ihr Heil und Unheil zugleich. Steht sie in Konkurrenz zu den Regierenden, ergibt sich daraus ein Konfliktpotential, das auch Mary Grey zum Verhängnis wird. Dass dies ein Diskurs ist, der über ungebrochene Relevanz verfügt, war scheinbar vor allem dem Feuilleton ein Anliegen zu vermerken, wie beispielsweise Nicole Henneberg in der FAZ es getan hat. Die Frage, ob der Roman unter Kategorien wie „Aktualität“ überhaupt funktioniert, wäre eine Frage, über die es sich lohnen würde, weiter nachzudenken.

Inger-Maria Mahlkes „Wie ihr wollt“ ist ein irrsinniger Roman, der den Leser auf die Probe stellt. Was die Autorin auf 250 Seiten an historischen Verweisen unterbringt, bringt den Rezipienten stellenweise an seine Grenzen der Aufnahmefähigkeit. Umso beachtlicher erscheint die kompositorische Leistung, die verhindert, dass der Text nicht in sich zusammenfällt. Egal ob man Mahlkes Roman als historische Bearbeitung, als Studie über weibliche Selbstbehauptung, eine Analyse von Herrschaftsmechanismen oder als Groteske lesen möchte: „Wie ihr wollt“ funktioniert glänzend.


Aus Gründen der Transparenz sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Besprechung auf einem Rezensionsexemplar basiert, das uns vom Berlin Verlag freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dies hat selbstverständlich keinen Einfluss auf die Rezension des Romans.

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