Die Zeit der Einsamkeit: Mercedes Lauensteins „Nachts“

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Das namenlose Ich in Mercedes Lauensteins Romandebüt „Nachts“ streift durch die Straßen von München und klingelt bei Menschen, in deren Fenstern zwischen 2 und 5 Uhr morgens noch Licht brennt. Unter dem Vorwand, für eine Forschungsarbeit zu recherchieren, befragt das Ich auf einhundertneunzig Seiten insgesamt fünfundzwanzig Schlaflose, die nicht nur Einlass in ihre Wohnungen, sondern auch in ihr Leben und ihre Gedanken gewähren.

Alle Kapitel, die selten mehr als zehn Seiten umfassen, sind mit dem Namen des Besuchten, dem Wochentag und der Uhrzeit des Besuchs überschrieben. Die erzählten Kapitel und ihre Individuen bilden nicht das Projekt ab, welches das Ich verfolgt: nur in etwa drei von zehn Fällen wird die „Nachtforscherin“ hereingelassen. Was sind das für Menschen, die einer Fremden in den frühen Morgenstunden die Tür in ihr Leben öffnen?

Die von der Erzählinstanz besuchten Menschen sind verschieden, genau wie die Gründe für ihre Schlaflosigkeit. Das Ich trifft als erstes auf Agnes, die von ihrem Säugling wachgehalten wird, auf Studentinnen wie Hanna oder Jule, die in den frühen Morgenstunden für die Uni arbeiten, auf Aziz, der sich auf dem Sprung zur Arbeit beim Großmarkt befindet, auf Katy und David, die beide unter einem Jetlag leiden und deswegen keinen Schlaf finden, und auf Menschen wie Annalena oder Egon, die wahnsinnig zu sein scheinen.

Mehrheitlich haben die fünfundzwanzig Figuren eines gemeinsam: sie sind allein und einsam. Auffällig viele der Menschen hinter den erleuchteten Fenstern sind erst vor Kurzem eingezogen, haben Beziehungen beendet oder einen Todesfall zu beklagen. Nur in zwei der Kapitel [Albert und Max] trifft das Ich neben des Gesprächspartners eine weitere Person in dessen Leben an, und in beiden Kapiteln ist der Auftritt des Dritten der Initiationsmoment für das Ich, aufzubrechen. Für einige der Besuchten ist die Nacht, ihre Dunkelheit und die Stille Grund für Angstzustände, wie zum Beispiel bei Nadeche.

Ich denke immer: Eines Tages schreibe ich das alles auf, die ganzen Nachtgedanken.

Um sich bis zum Morgengrauen zu Beschäftigen, arbeiten einige der Wachenden mit „Nachtkreativität“ an literarischen Projekten: sie schreiben. Hardy beispielsweise ordnet nachts seine Notizzettel, Blätter und Tagebücher, weil er ein Buch schreiben will, und auch Leonie, die eine dreijährige Weltreise hinter sich hat, spielt nachts mit dem Gedanken, ihre Erfahrungen und Erlebnisse niederzuschreiben. Die Ende siebzigjährige Lara findet das Ich zwischen Briefen und Papieren vor, sie überlegt, ihre Familiengeschichte zu verschriftlichen, weil ihr Vater sie an seinem Sterbebett darum gebeten hat.
Aber auch das Hadern mit dem Schreiben, der Zweifel an der Schrift und dem „Anfangen“ wird in Nachts thematisiert, der dadurch eine poetologische Ebene entfaltet. „Irgendwann fange ich an“, sagt Lara, und auch das Ich hält gleich im ersten Kapitel fest: „Seit Tagen warte ich auf den richtigen Zeitpunkt, anzufangen. Heute spüre ich es ganz deutlich: Wann, wenn nicht jetzt.“ Das Ich rät Lara: „vielleicht muss man ja auch nicht immer alles aufschreiben. Vielleicht ist das alles nicht so wichtig. Vor allem, wenn es dich unter Druck setzt.“ Spricht da die mit sich hadernde Autorin selbst?

Allgemein lässt sich wenig über das Ich, das hier spricht und erzählt, in Erfahrung bringen. Es bleibt – in Kontrast zu den Besuchten – durchweg namenlos: „Bei jedem Besuch denke ich mir einen neuen Namen aus. Oft schaffe ich es aber auch, um den Namen herum zu reden. Manche fragen mich nicht einmal, wie ich heiße. Ganz so, als ob das nachts nicht wichtig sei.“ Auch die dem ersten Kapitel prologartig vorangestellte Seite deutet die Namenlosigkeit bereits an: „Ich überfliege die Klingelschilder in den Hauseingängen in der vagen Hoffnung, auf einen Namen zu stoßen, den ich kenne, vielleicht auf meinen eigenen oder einen, der irgendwie zu mir passt.“ Ganz deutlich, der Leser hat es mit einer unsicheren Erzählinstanz zutun. So kann man sich auch nicht sicher sein, ob es stimmt, wenn das Ich preisgibt, es sei 1993 geboren. Glaubwürdig ist jedoch – gerade aufgrund der Unzuverlässigkeit – das Bekenntnis: „‚Ich bin auch einsam'“, sage ich leise.“

Ich glaube, nachts kann man weise werden.

Mit Nachts legt Mercedes Lauenstein ein fulminantes Debüt vor, das seinesgleichen sucht: in Form, Sprache und Inhalt. Mit originellem, leichtfüßigem Sound, der gleichzeitig ernst und tiefgründig ist, schildert der Text plastisch Lebensgeschichten und Situationen, die den Leser zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregen. Ein absolut empfehlenswerter Roman.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

3 Kommentare

  1. Deine Rezension liest sich, als müsste ich das Buch unbedingt auch lesen: eine spannende Idee, Menschen zu portraitieren, die alle aus verschiedenne Gründen schlaflossind und mal zu schauen, was sie nachts mit ihrer Schlaflosigkeit so treiben.Die Autorin wird Anfang Dezember im Essen zur Lesung sein.Da möchte ich gerne hingehen. Vielen Dank also für den Lesetipp.
    Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Claudia, „Nachts“ kann ich wirklich nur empfehlen! Ich sehe gerade, dass ich die Lese-Termine in Berlin anscheinend alle verpasst habe, schade. Du kannst ja dann berichten wie die Lesung in Essen war. (:
      Liebe Grüße, Tabitha

  2. Pingback: Rezension: Mercedes Lauenstein – Nachts (2015) – bibliothecaro

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