Dietmar Daths „Der Schnitt durch die Sonne“: „Guten Morgen, falsche Welt.“

Der Schnitt durch die Sonne

Dietmar Dath ist das Schweizer Taschenmesser des deutschsprachigen Feuilletons. Im Grunde kann man ihn auf jedes Thema loslassen, er wird es meistern. Vom Kommunismus über Iggy Pop bis zu „My Little Pony“ bespricht Dath wöchentlich alles weg, was man zwischen Popkultur und Mathematikpromotion einordnen kann. Und ganz nebenbei schreibt er noch gefühlt jedes Jahr einen Roman. Dass er als überzeugter Marxist schon seit Jahren Redaktionsmitglied der FAZ sein kann, zeugt entweder davon, dass die FAZ dem Marxismus kein Bedrohungspotential mehr zuspricht oder aber, dass er ideologisch nicht verbrämt ist. Denn sein Interesse gehört immer beidem: der Politik und der Kunst. Beides ist nicht zu trennen, doch Daths Kunstverständnis zielt nicht darauf ab, mit Literatur Politik zu machen, sondern mit Literatur das Politische zu erkunden. Das beweist auch „Der Schnitt durch die Sonne“, Dietmar Daths neustem Roman. Der versucht sich an einer avancierten Zukunftsvision, scheitert aber an der Überforderung des Lesers.

Auf der Sonne ist ein Streit ausgebrochen, ein waschechter Bürgerkrieg. Ein merkwürdiges Wesen, im Roman immer Koronakind genannt, dessen Ursprung und Zustand unklar scheint, ist erschienen und über diese Unklarheit hat man sich in die Haare bekommen. Wenn auf der Erde ein Streit ausbricht, ob nun die Stahlarbeiter fünf Prozent mehr Lohn wollen oder die Stuttgarter ihren hässlichen alten Kopfbahnhof behalten wollen, dann wird ein Schlichter eingeschaltet. Auf die gleiche Idee kommt auch die Sonnengesellschaft, aber da kein Heiner Geißler und kein Kurt Biedenkopf greifbar sind, werden fünf Erdenbewohner rekrutiert, durch ein im Körper eines Mädchen materialisierte Sonnenlüftchens: „Teiresias sagt: ‚Guten Abend. Sie kennen mich nicht, und ich kenne Sie nicht. Aber die Sonne kennt uns beide und braucht uns. Darf ich reinkommen?‘“

Das Kurzzeitgedächtnis zum Beispiel darf ruhig schadhaft sein. Den täglichen Kleinkram will sie gar nicht wissen.

Es sind die stärksten Seiten dieses Romans, der sein Level an Merkwürdigkeiten noch um einiges steigern wird. Abwechselnd wird die insgesamt fünfköpfige Gemeinschaft Ausgewählter vorgestellt; ob die im Pflegeheim wohnende Marianne oder der vom Leben geschlagene Karel Landau: „Karel Landau leidet an drei Einsamkeiten: psychologisch, erotisch, professionell.“ Sie alle sind in irgendeiner Weise mit existenziellen Fragen konfrontiert und sie alle haben ein Spezialgebiet. Sie verkörpern so etwas wie Wissenstypen, die – da ist Diethmar Dath ganz der marxistisch-geschulte Dialektiker – in ihrer Widersprüchlichkeit zusammengebracht werden müssen.

„Es ist wie diese Nahtoderfahrung, von denen man so viel hört. Nur ohne Nahtod. Oder Ferntod. Einfach ganz ohne Tod.“

Von der erwähnten Sonnengestalt Teiresias werden sie alle in Situationen gebracht, in dem es um das Erkennen des Unbekannten geht: „Dass wir hier ganz woanders sind als auf der Welt. Das hast nur du wirklich verstanden.“ Doch Daths „Der Schnitt durch die Sonne“ erzählt keine klassische Sci-Fi-Abenteuergeschichte. Statt abzubilden, wie die einzelnen Figuren sich auf ihrer Erkenntnisreise schlagen, versucht der Roman den Erkenntnisprozess selbst abzubilden. Und dafür fährt er einiges auf: Wer das Buch in der Mitte aufschlägt, wird graphische Elemente und mathematische Formeln entdecken. Dath geht es um die Frage der Abbildung („Abbildung oder Morphismus … Wenn man mit einer Sache was macht, dass sie eine andere wird.“) und damit am Ende darum, was die Literatur leisten kann.

Guten Morgen, falsche Welt.

Daths Antwort auf diese Frage ist, dass die Literatur das Vehikel sein kann, das die Transferleistung für verschiedenste Wissensgebiete leisten kann. In ihr lässt sich das zusammenführen, was in der Welt getrennt ist. Dass sich dafür besonders das Genre der Sci-Fi eignet, liegt auf der Hand, wenn man das „Science“ in „Sci-Fi“ wieder betont. Das Problem an „Der Schnitt durch die Sonne“ ist jedoch, dass die Stellen des Romans, die dessen These tragen sollen, die schwächsten sind. Laien werde daran schlicht keine Freude haben.

Sie begreift: Sie ist bereit, mitzugehen, egal, wohin.

Zwar darf, nein, sollte seinen Leser überfordern, aber nur in dem Sinne, dass er ihn mit einer Erfahrung, einer Sicht auf die Dinge konfrontiert, denen sich der Leser bislang nicht stellen musste. Dath nimmt dem Leser gerade diese Chance, weil er sich auf ein Abstraktionslevel begibt, das schlicht nicht mehr nachvollziehbar ist und dessen poetische Kraft auch fraglich ist. Damit entfernt er sich von seinen Vorbildern wie Stanislaw Lem, die immer begriffen haben, dass der Sci-Fi-Roman sich zwar ins Abseitige, ins Spezialistische bewegen darf, aber immer Bilder suchen muss, die auf die menschlichen Grundthemen verweisen. Die gibt es bei Dath zwar auch, aber sie sind begraben unter dem mathematischen Privatspaß des Autors.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.

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