Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Zero K

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“

In Krisenzeiten haben Apokalyptiker und Propheten Hochkonjunktur. Die Traditionellen stehen auf der Kölner Domplatte und heben untergangsversprechende Plakate hoch, der moderne Prophet überbrückt die beängstigende Gegenwart mit einem Zukunftsversprechen: egal wie gefährlich und nervenaufreibend das Jetzt erscheinen mag, deine Chance liegt im Morgen. Das Social Freezing (das Einfrieren von unbefruchteten Eizellen) ist eine Variante für wohlstandsgestresste Frauen: so hat man die Möglichkeit, sich mit all seiner Kraft dem kapitalistischen Hamsterrad zu unterwerfen und im Zenit seiner Jahre immer noch den Kinderwunsch zu erfüllen. In Don DeLillos Romangesellschaft wird gleich der ganze Mensch eingefroren. In der kasachischen Steppe haben visionäre Entrepreneure ein Labor geschaffen, in dem Menschen ihren Körper einfrieren lassen können, um in einer Zukunft ihrer Wahl wieder aufgeweckt zu werden. Im konkreten Fall der Handlung entscheidet sich Jeffrey Lockharts Vater Ross und seine zweite Frau Artis zu dem Schritt, um in einer Zukunft aufzuwachen, in der körperlicher Niedergang geheilt werden kann. Ein nachvollziehbarer Schritt, der einen Gekränkten und viele ungeklärte Fragen zurücklässt.

„Faith-based technology. That’s what it is. Another god. Not so different, it turns out, from some of the earlier ones.“

Die Entscheidung gegen die Gegenwart und für die Zukunft ist auch eine Entscheidung gegen den Sohn und für die Liebe. Im Jetzt bleibt ein zwar auch schon erwachsener, aber verunsicherter Sohn Jeffrey, aus dessen Ich-Perspektive der Roman geschildert ist. Ross‘ erste Frau und Mutter von Jeffrey ist schon tot, Artis, von Beruf bezeichnenderweise Archäologin und daher für Vergangenes zuständig, lässt sich für die Zukunft einfrieren. Ross selbst ist ein Mann, der zwar durch seine innige Liebe gekennzeichnet ist, für seinen Sohn jedoch ein diffuses Berufswesen bleibt: „He was a man shaped by money.“ Für Jeffrey stellt die lebensverlängernde Maßnahme ein Problem dar; er ist verdammt zu einem Leben als ewiger Sohn.

„I must have the wrong door,“ I said.
He gave me a hard look.
„They’re all the wrong door.“

Der ewige Sohn ist ein verunsicherter Neurotiker. Der prekäre Subjektstatus wirkt sich in Versuchen aus, einen Platz in der Welt zu finden: „The limp was something to cling to, a circular way to recognize myself, step by step, as the person who was doing this. Define person, I tell myself. Define human, define animal.“ Mit dem Entschluss des Vaters, sich in den Kryo-Schlaf versetzen zu lassen, brechen all diese Konflikte wieder auf und werden verstärkt. Die endgültige Emanzipation vom Vater kann nicht gelingen, Ross überlistet den Tod und wird seinen Sohn damit höchstwahrscheinlich überleben. Das Labor in der Steppe wird zum Denkraum, in dem die metaphysischen Fragen, die mit der Chance auf ewiges Leben verbunden sind, durchgespielt werden können. Der Moment der Einsicht ist durch die Laborbetreiber auch so gewünscht: „There’s a special unit. Zero K. It’s predicated on the subject’s willingness to make a certain kind of transition to the next level.“ Nicht jeder ist aus dem Material geschnitzt, das die neue Menschheit formen wird.

„What’s the point of living if we don’t die at the end of it?“

Das Institut ist Gedankenraum, vorgezogener Tod, Spiegelkabinett und apokalyptische Kuriositätensammlung. Der Versuch, einen Zusammenhang herzustellen – „This is what I did in any new environment. I tried to inject meaning, make the place coherent or at least locate myself within the place, to confirm my uneasy presence.“ – kann hier nur fehlschlagen. Seltsame Gestalten bevölkern die Gänge, Räume bilden sich selber als Gemälde ab, ein Mönch bietet seinen eigenen Ausweg aus der Furcht vor der Sterblichkeit an, eingebettet in einen paradiesischen Garten: „Doesn’t the garden also suggest a kind of mockery? Or is it a kind of nostalgia?“ Die alte Frage, ob das Leben nicht erst dann mit Sinn erfüllt wird, wenn es endlich ist, steht im Raum und zeigt auf: auf das, was sich Forscher auf der ganzen Welt bereits theoretisch erträumen, sind wir philosophisch nicht vorbereitet. Don DeLillo zeigt das Institut ganz bewusst als Marktplatz konkurrierender Apokalyptiker, um aufzuzeigen, dass jegliche Strömungen, die sich momentan unter Begriffen wie „Transhumanismus“ versammeln, nur ein Angebot unter vielen ist, mit der Zukunft und dem Tod umzugehen.

Im Kleinen zeigt der US-amerikanische Großliterat Don DeLillo hier eine Vater-Sohn-Geschichte auf, was in unserer Gegenwart nicht relevanter sein könnte: wie halten wir es mit der Gegenwart und was versprechen wir uns von der Zukunft? Die Grenzen des Machbaren verschieben sich im Eiltempo immer weiter und geben uns einen Ausblick darauf, was sein könnte. Wenn wir dagegen schauen, was ist – „Catastrophe is our bedtime story.“ – werden solche Modelle attraktiv. Vater und Sohn sind in diesem Zusammenhang zwei widerstreitende Konzepte. Der Finanzmensch Ross Lockhart entscheidet sich für das Investment und damit für das Versprechen der Zukunft, während Jeffrey seinen Sohn-Status ins Produktive umkehrt und sich für die jugendliche Begeisterungsfähigkeit und zum Jetzt bekennt: „I went back to my seat and faced forward. I didn’t need heaven’s light. I had the boy’s cries of wonder.“ Im Gegensatz zu Thea Dorns „Die Unglückseligen“ zeigt Don DeLillo, wie man intelligent den menschlichen Kampf mit der eigenen Sterblichkeit darstellt, dabei hochpoetisch ist und rührt, ohne rührselig zu werden. In deutscher Übersetzung liegt „Zero K“ – dann unter dem Titel „Null K“ – ab Mitte Oktober vor.

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