Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“: Wir sind, was wir nicht getan haben

Der heißeste Scheiß kommt derzeit aus Frankreich: Despentes‘ Subutex-Trilogie, die Reims-Rückkehren des Didier Eribons, die hippe Philosophie des Tristan Garcia, die wiederentdeckte, großartige Annie Ernaux, der ewig unangenehme Houellebecq und eben Édouard Louis. Zusammen mit Eribon und dem vielleicht etwas weniger bekannten Geoffroy de Lagasnerie bildet er in Europa ein philosozioliterarisches Triumvirat, das medienwirksam den Diskurs versucht mitzubestimmen – und das kommt an, vielleicht nirgendwo so gut wie in Deutschland. Die Erfolgswelle will geritten werden, bevor sie bricht und so surft auch in diesem Jahr ein neues Louis-Buch in den Buchmarkt.

Das schmale Bändchen, das die Louis-Reihe im S. Fischer Verlag fortführt, beginnt mit einem metatextuellen Kommentar: „Wenn dies ein Theatertext wäre, müsste er mit den folgenden Worten beginnen: Ein Vater und ein Sohn befinden sich in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum.“ Der Leser befindet sich zwar tatsächlich in keinem Theatertext, aber der Einstieg macht bereits deutlich, worum es im Text geht: um Präsenz, um Körperlichkeit. Das ist kein ganz neuer Gedanke, schließlich gab es unter den vielen akademischen „turns“ auch den „body turn“, in dem davon ausgegangen wird, dass Körper kodiert sind bzw. dass Körper gelesen werden können und sich an ihnen Machtverhältnisse abbilden. In diesem speziellen Fall soll es nun also um den Körper des Vaters gehen (wie immer beim französischen Triumvirat ist der autobiographische Vater gemeint), der jedoch in seiner Klassenzugehörigkeit über seine Person hinaus verweist.

Danach befragt, wofür in ihren Augen der Begriff ‚Rassismus‘ steht, antwortet die amerikanische Intellektuelle Ruth Gilmore, er bedeutete für bestimmte Teile der Bevölkerung das Risiko eines verfrühten Todes.

Da heißt es über diesen Vater, im Sinne der Lesbarkeit: „Ich sah dich an, versuchte, die Jahre, die ich fern von dir verbracht hatte, aus deinem Gesicht zu lesen.“ Louis, hier in Gestalt seines Text-Ichs, begegnet seinem Vater mit archäologischem Interesse. Er möchte herausfinden, wie die Gesellschaft es geschafft hat, einen einst vitalen Mann zu beugen und erkundet dabei gleichzeitig das Binnenverhältnis der Vater-Sohn-Beziehung, die – so viel weiß man aus Das Ende von Eddy – mehr als problematisch war. Manchmal rührend, manchmal sehr nah am Kitsch erinnert Louis einen Vater, der stets ein ambivalentes Verhältnis zu der klassisch verstandenen Männlichkeit hatte, die er für sich veranschlagte und von seinen Kindern forderte. „Bei der verzweifelten Arie der Sängerin sah ich, dass deine Augen anfingen, feucht zu glänzen.“ vs. „Ein Mann sein, das heißt, sich nicht wie ein Mädchen, wie eine Schwuchtel aufführen.“

Ich war nicht unschuldig. 2001 hatte mein großer Bruder versucht, ihn umzubringen, meinen Vater umzubringen […]

Dieses ambivalente Verhältnis zu seiner Rolle als Mann und Vater wird in einzelnen Szenen weiter ausgeführt, die mal von tiefer Kränkung erzählen und dann wieder von Gesten des Verständnisses (beispielsweise dass der Vater dem Sohn eine Titanic-VHS in der Sonderspezialedition schenkt). Die Rückschau auf den Vater ist in gewisser Weise eine Versöhnung, auch weil Louis die Betrachtung auf eine soziologische Ebene transzendiert. Er kommt zu der Einsicht, dass der Vater eine Figur ist, die deswegen verbittert und im Unterhemd auf der Couch landet, weil sie ein Leben der vertanen Gelegenheiten geführt hat. Gelegenheiten, die er sich freilich nicht selbst verbaute, sondern die Klassenverhältnisse. So kommt der Text zu dem vorläufigen Schluss, dass sich Leben nur ex negativo definieren lassen: „Das Leben beweist, dass wir nicht sind, was wir tun, sondern im Gegenteil sind, was wir nicht getan haben, weil die Welt oder die Gesellschaft daran gehindert hat.“

Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe.

An diesem Punkt befindet sich der Text schon fast am Schluss, an dem die Erinnerung an den Vater sich langsam zu einer Rampe dessen entwickelt, worum es im Text eigentlich gehen soll: eine Anklage gegen die herrschende Klasse. Denn dafür ist Édouard Louis dann doch zu sehr Politaktivist, als dass er die titelgebende Frage (ohne Fragezeichen) unbeantwortet oder auch nur in der Schwebe beließe. Der Text identifiziert sogar konkrete Täter: „Hollande, Valls, El Khomri, Hirsch, Sarkozy, Macron, Bertrand, Chirac. Für deine Leidensgeschichte gibt es Namen.“ Politiker, die durch ihre unsoziale Politik den Vater (und damit eine ganze Klasse) der Prekarisierung ausgesetzt haben: „Wenn du eine dir angebotene Arbeit nicht annahmst, besser, eine dir aufgezwungene Arbeit, dann würdest du die Unterstützung verlieren.“

Es gibt keinen Stolz ohne Scham: Du warst stolz, kein Faulpelz zu sein, weil du dich schämtest, zu denen zu gehören, die mit diesem Wort belegt werden können.

Das Ende ist gleichzeitig Höhe- wie Kipppunkt des Textes, da der Schluss alles Vorangegangene in Frage gestellt ist. Der Eindruck drängt sich auf, dass die davor liebevolle Annäherung an den Vater, zu sehr als Instrument einer Weltsicht benutzt wird (zu der man stehen kann wie man will). Die zuvor bestehende Ambivalenz im Vater-Sohn-Verhältnis wird aufgelöst und durch klare Parolen ersetzt. So wird aus der lebendigen Vater-Figur eine Sprechpuppe: „‘Recht so. Recht so, ich glaube, was es bräuchte, das ist eine ordentliche Revolution.‘“ Wenn es stimmt, dass sich Leben darüber definieren lassen, was ihnen verwehrt blieb, dann ließe sich Literatur vielleicht in ähnlicher Weise darüber definieren, dass sie auch darin besticht, was sie ausspart. Wer hat meinen Vater umgebracht lässt jedoch nichts unbeantwortet, spart nichts aus und lässt dem Leser keinen Raum zum Denken. So kann man dem Buch als Kampfschrift zunicken, als Literatur jedoch nicht.


Wir danken dem S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.