Eichhörnchen in Bomberjacken: Tijan Silas „Tierchen unlimited“

Sila_Tierchen unlimited

Tijan Sila und sein Ich-Erzähler haben viel gemeinsam. Sie stammen beide aus Sarajewo, beide flüchten 1994 vor dem Krieg nach Deutschland und leben dort zunächst in der Pfalz, später studieren sie beide in Heidelberg. Autobiographische Kurzschlüsse liegen da nah, vor allem weil diese Art der Texte, die sich zwischen Fiktion und Fakten nicht recht entscheiden mögen, im Trend liegen. Mit „Tierchen unlimited“ legt Sila, der als Berufsschullehrer arbeitet, seinen Debütroman vor. Eine klassische Migrationsgeschichte aus Kinderperspektive? Keineswegs.

Silas Debüt eröffnet rasant: Der Leser begegnet dem bis zum Ende des Romans anonym bleibenden Ich-Erzähler, als dieser mitten in der Nacht und splitternackt auf einem Rennrad über die Dörfer Rheinland-Pfalz’ fährt. Wie sich herausstellt, ist er auf der Flucht, und zwar vor dem Nazi-Bruder seiner Freundin Leonie, der ihn kurz vorher aus ihrem Bett geprügelt hat.
Als er im Krankenhaus seinen Nasenbruch und diverse Blutergüsse versorgen lässt, trifft er zufällig auf seine ehemalige Schulfreundin Sarah, die mittlerweile als Polizistin arbeitet und mit der ihn erste erotische Erfahrungen verbinden. Als sie ihn derart zugerichtet sieht, beschließt sie, für ihn Rache zu nehmen.

Im Folgenden blickt das erzählende Ich in durch Assoziationen initiierte Erinnerungspassagen auf seine Kindheit in Sarajevo in den 1990er Jahren während des Bosnienkrieges zurück. Geschildert wird dieser Kriegsalltag durch die Augen des vorpubertären Ichs vor allem als Abenteuerspielplatz, der durch die Abwesenheit der Eltern zum gesetzlosen Raum für die Halbstarken wird. Zusammen mit den Nachbarsjungen werden Mülldeponien angezündet, sie gehen stehlen und führen Kleinkriege gegen die Cliquen der anderen Stadtteile. Wenn er nicht durch die zerstörten Viertel von Sarajewo zieht, verbringt der Ich-Erzähler seine Zeit mit Computerspielen. Und auch wenn sein Heimweg durch ein plötzliches Bombardement und die Wechsel von Scharfschützen abgeschnitten sind, scheinen alle ruhig zu bleiben und rennen einfach von Haus- zu Hausecke.

Was der Krieg aber eigentlich mit den Bewohnern Sarajewos macht, wird anhand der titelgebenden Tierchen exemplarisch verdeutlicht:

Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht mehr genug Bäume, in denen sie nisten konnte, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken.

Jene Bomberjacken bilden die Assoziationsbrücke zum späteren Leben des Ichs in Deutschland, denn immer wieder kommt er mit Neonazis in Kontakt. Sie sind seine Freunde, wie der bosnische Neonazi Semso, oder seine Feinde. Die Frauen, mit denen der Ich-Erzähler verkehrt, haben fast alle Nazi-Brüder. Immer wieder wird in Nebensätzen erwähnt, wie sie sich in den Bosnienkrieg aufmachen, um dort zu kämpfen. Viele von ihnen fallen. So auch der Bruder seiner Freundin Leonie, dessen Leiche der Ich-Erzähler als Kind gesehen zu haben glaubt:

Vielleicht gab sie mir die Schuld am Tod ihres Bruders, den ich letztlich mit meinem Penis, der dazugehörigen Rassenschande und Sarah’s Hilfe nach Bosnien getrieben hatte, wo er erschossen wurde und wo ich als Kind seine in den Duschvorhang eingepackte Leiche sah.

Wenige Fähigkeiten haben mir im Leben so genützt, wie Unwahrheiten erzählen zu können, als wäre sie gesunder Menschenverstand.

Dass sich die zeitlichen Erzählebenen immer weiter überlagern, ist einer der formal interessantesten Aspekte von „Tierchen unlimited“. Am Ende des Romans bleiben viele Fragezeichen, denn nicht nur die Erzählebenen verschwimmen zeitlich, auch der Erzähler entpuppt sich als unzuverlässig, spätestens als er betont, für wie unentbehrlich er das Lügen hält.
Vor allem die sketchartigen, auf Pointen hingeschriebenen Textpassagen über die Schul- und Studienzeit des Ichs – von Kleinkriminalität und dem Leben im theologischen Wohnheim – wirken merkwürdig künstlich und unpassend. Das mag die bewusste Strategie des Textes sein; am Ende funktioniert aber vor allem die raumzeitliche Entschränkung des Erzählten, die im Zusammenhang mit den Eichhörnchen bereits zu Beginn des Romans vorweggenommen wird:

Menschen wachten ja in Sarajewo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient’. Aber die Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her.

Im Krieg sah ich Rentner mit riesigen, blutig aufgequollenen Zungen. Vor dem Krieg lachte ich über die Skorbut-Witze der »Monkey Island«-Spiele.

Eher befremdlich wirkt auf den ersten Blick das Hin und Her zwischen den Schilderung der Kriegsschrecken und den slapstickartigen Albernheiten des Romans, die von Olivia Samnick in ihrer SPIEGEL-Besprechung als „irre witzig“ bezeichnet wurden. Eigentlich ist dieser aber Roman todernst und genauso traurig. Besonders deutlich wird dies – und hier dann auch ausnahmsweise ohne schelmisches Augenzwinkern –, als sich das Ich an die Flucht im Spätsommer 1994 aus dem eingekesselten Sarajewo erinnert. Seine Eltern, er Bibliothekar, sie theoretische Physikerin, hofften, in Deutschland ihre akademische Karriere an der Universität fortsetzen zu können. Um die Stadt verlassen zu können, krochen das Ich und seine Eltern unter Atemnot durch einen hunderte Meter langen, engen Tunnel und stieg dabei über den leblosen Körper eines anderen, der es nicht geschafft hatte.

„Tierchen unlimited“ ist ein eigenartiger Debütroman: auf der einen Seite gelingt es Sila zwar, mittels der aneinandergereihten Anekdoten den Blick, so Samnick ganz richtig, in die Gedanken einer Figur zu ermöglichen, die aufgrund ihrer Geschichte, aber auch ihrer radikalen, unkonventionellen Ansichten durchaus interessant scheint – aber ganz rund wird der Text leider nicht. Viele Bilder bleiben schief und hängen in der Luft, wie auch das titelgebende „Tierchen“, die Eichhörnchen, die nur auf den ersten Seiten des Romans eine Rolle spielen und nicht wieder bemüht werden. Auch wenn die Lektüre kurzweilig ist: Weniger Slapstick und mehr Konzentration auf die Sprache würden „Tierchen unlimited“ wohl gut tun.


Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Rezensionsexemplar.

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