Ein deutscher Japaner in Paris: „Der Fuchs und Dr. Shimamura“

Shimamura

1906 schrieb der deutsche Psychiater Dr. Ernst Jentsch in seinem Aufsatz „Zur Psychologie des Unheimlichen“: „Der Naturmensch bevölkert seine Umgebung mit Dämonen, kleine Kinder sprechen in allem Ernste mit einem Stuhle, ihrem Löffel, einem alten Fetzen u.s.w. und schlagen voll Zorn auf leblose Dinge ein, um sie zu strafen. Selbst im hochcultivierten Hellas wohnte noch eine Dryas in jedem Baum. Es ist deshalb nicht erstaunlich, wenn den Menschen das, was er selbst von seinem eigenen Wesen halbbewusst in die Dinge hineingelegt hat, jetzt an diesen Dingen wiederum zu schrecken beginnt, dass er die Geister, die der eigene Kopf erschuf, aus diesem nicht immer zu bannen im Stande ist.“

Rund hundert Jahre später wird dieses Thema in Christine Wunnickes „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ wieder virulent. Sie erzählt davon, wie verschiedene Wissensbestände die Dinge anders aussehen lassen, wie die Welt poetisiert wird, um sie erklärbar zu machen und wie man diese Bilder dann nicht mehr los wird. Der Roman ist der Exot auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis: Kurz im Umfang, originell im Plot und ungewöhnlich im Thema. In diesem Fall hat die Jury Einfallsreichtum bewiesen.

Wenn Shimamura nach Adjektiven suchte, um seine Frau zu beschreiben, kam er immer zuerst auf „prismatisch“ und „kristallin“.

Von der historischen Person Dr. Shimamura ist wenig überliefert, weswegen er die perfekte Figurvorlage für einen Roman ist: Er ist eine ungewöhnliche Erscheinung und dabei sehr flexibel in der Handhabung, weil man sich erst gar nicht darum scheren muss, die Fakten einzuhalten oder willentlich zu biegen. Was wir wissen, ist, dass er japanischer Nervenarzt des späten 19. Jahrhundert war und sich in Europa von der damals aufkommenden Neurologie und Psychiatrie beeinflussen ließ. Christine Wunnicke vollführt den Kunstgriff, einen Japaner in das Zentrum eines Textes zu stellen, der dem Leser gar nichts von Japan, sondern vom Europa der Jahrhundertwende zu erzählen. Dass sich das Nahe manchmal besser aus der Ferne erzählen lässt, hat schon Steffen Kopetzkys „Risiko“ bewiesen.

Wunnickes Nervenarzt Dr. Shimamura ist ein unüblicher Zeitgenosse in Japan. Er ist der einzige Nervenarzt des Landes, spricht deutsch und nennt sein Hausmädchen abwechselnd Luise oder Anna. Seine Begeisterung für Europa und im Speziellen für Deutschland greift bis in die Architektur seines Hauses: Dort lässt er anstelle der typischen Papierschieber Steinwände einbauen, zur Verblüffung seiner Mitmenschen. In Japan geht eine merkwürdige Krankheit umher, die sogenannte Fuchskrankheit. Shimamura wird ausgeschickt, um die Betroffenen zu untersuchen und verzweifelt schon bald an dem, was zum einen sein Anspruch als Wissenschaftler und Arzt ist und zum anderen an dem Umgang der Landbevölkerung mit der Krankheit. Spätestens in diesem Moment wird deutlich, worum es dem Text eigentlich geht: Die Nervenkrankheit oder Psychose, die sich dem Arzt Shimamura präsentiert, ist nicht dasselbe, was die Landbevölkerung sieht. In ihrem Zugang zur Welt erscheint die Krankheit merkwürdig poetisch, fast phantastisch. Es ist von Füchsen und Fuchsgefäßen die Rede und man realisiert, wie das Japan des 19. Jahrhundert als Raum ohne psychiatrische Wissensbestände dient, in denen die unbekannte Krankheit durch archaische Metaphorik verständlich gemacht werden muss. Das führt zu der spannenden Paradoxie: Poesie ist dort vorhanden, wo sie nicht von Spezialdiskursen abgelöst wurde.

Die deutsche Sprache, die der Protagonist zu diesem Zweck bevorzugte, verwob sich in seinem Kopf zu komplizierten, zunehmend überhitzten Gespinsten.

In seiner Unzufriedenheit über die heimischen Verhältnisse fährt Shimamura nach Paris, um dort von den Besten zu lernen. Zu dieser Zeit sind das Jean-Martin Charcot und die Wiener Psychoanalysten Josef Breuer und Sigmund Freud. Paris ist die Gegenwelt zu Shimamuras Japan. Das liegt nicht nur daran, wie Paris zu dieser Zeit beschaffen war – die Stadt verfügte damals über die neusten Kliniken in Europa -, sondern auch, wie man dort zu Werke ging. Während in seiner Heimat Krankheiten tierische Attribute zugeschrieben bekommen, versucht man in der französischen Hauptstadt der Krankheit durch die völlige Unkenntlichmachung des Tieres auf den Grund zu gehen. So werden in Paris hunderte Katzen, Frösche und Hasen am Tag geköpft, gehäutet und seziert, um Wissen zu akkumulieren, wie die Nerven des Körpers funktionieren. Man könnte das als einen rationalen Zugang zur Welt deuten oder aber als differierendes poetisches Konzept: Anstatt Phänomen mit Bild zu ersetzen, wird das Betrachtungsobjekt hier in seine Einzelteile zerlegt, um auf den Kern zu stoßen.

„In Berlin“, sagt Dr. Shimamura, „herrschte nichts als Vernunft.“

Dieser Umgang mit dem Lebenden stößt Shimamura merklich ab, das ist jedoch nicht der einzige Grund, weswegen er mit der gleichen Resignation, mit der er schon Japan verlassen hatte, auch Paris den Rücken kehren soll. In den Augen der französischen Gesellschaft und seinen Fachkollegen bleibt er der Exot: Bei einer Kostümparty wundern sich die Leute, wieso der Japaner nicht als Japaner verkleidet kommt. Das Europa, das Shimamura so liebt, liebt ihn nicht zurück.

„Das analytische Gespräch als Heilmethode für die traumatische Hysterie“, schrieb er an die Stipendienkommission, „ist für Japan unbrauchbar, da es unserem Sinn für Höflichkeit widerspricht und außerdem zu lange dauert.“ Im Herbst 1894 kehrte er heim nach Tokyo.

Christine Wunnickes Roman „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ ist trickreich: Er erzählt von Missverständnissen, in dem er selbst ein Missverständnis produziert. Dies ist sicherlich vieles, aber kein Roman über Japan. Viel mehr ist er ein Text über die psychiatrische Bewegungen und was sie mit unseren Blick auf die Wirklichkeit macht. Japan dient dabei lediglich als Sphäre, in der dieser Diskurs noch nicht angekommen ist und zwangsläufig eine andere Wahrnehmung produziert. Man kann dem Buch nur dazu beglückwünschen, dass es nicht in die Versuchung kommt, die Naturmetaphorik der Füchse zu glorifizieren. Dies ist also kein Text darüber, wie die Wissenschaft die Welt rationalisiert, sondern eher wie Menschen zwischen den Wahrnehmungsarten den Blick auf die Welt zu verlieren drohen. Am Ende des Buches wünscht man sich fast, der Roman hätte noch hundert Seiten mehr draufgelegt, über den Japaner in Paris hätte man gerne noch mehr erfahren.