Ein Leben ohne Sorgen: Leif Randts „Schimmernder Dunst über Coby County“

coby county

„Uns geht es eigentlich allen sehr gut“, konstatiert der sechsundzwanzigjährige Wim Endersson, der als Ich-Erzähler der Protagonist in Leif Randts zweitem Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“ agiert. Er lebt als Literaturagent in seiner gleichnamigen Heimatstadt, die am Meer liegt und jeden Frühling und Sommer zum Zufluchtsort für die geistige und kulturelle Elite der westlichen Welt wird. Auch die Einheimischen sind freiberufliche Journalisten, Galeristen und Schriftsteller, die in Wohlstand und scheinbar ohne Sorgen leben. Und so geht es eigentlich allen sehr gut – eigentlich.

Etwa ein halbes Jahrhundert vor der erzählten Zeit, der sich von Mitte Februar bis April erstreckt, wurden die Grundsteine für den Wohlstand von Coby County gelegt, als sich hier zwei Halbgeschwister niederließen und ihr Drogerie-Imperium „Colemen&Aura“ erschufen. Neben der Produktion von Hygiene- und Schönheitsprodukten eröffneten sie Beautyfarmen. Bald darauf wurde die Stadt zum Kurort und es kamen „immer mehr junge Avantgardisten an diesen unverbrauchten, am Meer liegenden Ort“, die im erzählten Jetzt in einer von Colemen&Aura gesponsorten Stadt leben, denn die Firma ist allgegenwärtig: geshoppt wird in der Colemen&Aura Einkaufspassage, einer der Vororte, ColemenHill ist nach einem der Firmengründer benannt, und auf der Verkehrsinsel von Wims Wohnung steht eine riesige Shampooflasche von Colemen&Aura, die gleichzeitig als Kunst- und Werbeinstallation gesehen wird.

Ich gehe irgendwie davon aus, dass es in CobyCounty ausschließlich Büros gibt, die von Licht durchflutet werden.

Und so überrascht es nicht, dass Konsum der Lifestyle der Bewohner ist. Es wird geshoppt, es wird kaum gearbeitet und vor allem gefeiert. Auffällig ist der hohe Alkoholgenuss – fast permanent werden Wein und Longdrinks bis in die Unzurechnungsfähigkeit konsumiert. Kurzum: Das Leben ist leicht und eine Dauerparty, und das vor allem im Frühling, denn dieser wird vor allem von der älteren Generation als heilige Jahreszeit der Romanzen und rauschenden Feste beschworen, die das Lebensgefühl der Stadt am besten repräsentiert.

Anhand der Figur Wim Endersson, aus dessen Ich-Perspektive erzählt wird, verdeutlicht Leif Randt, was passiert, wenn es keine Sorgen und Probleme mehr gibt: er verstumpft. Wim kennt keine Leidenschaften, auch für Literatur, von der er in seiner Arbeit als Literaturagent permanent umgeben ist, kann er sich nicht begeistern: „Literatur ist etwas, das ich gut verstehe und kontrollieren kann, deshalb mach ich sie, aber nicht weil ich sie besonders interessant fände.“ Verständlicher wird das, wenn Wim über die Texte, die in Coby County entstehen, konstatiert, sie seien „stilistisch perfekt“, aber ihnen fehle „der Bezug zur existenziellen Not“.
Auch zu seinen Mitmenschen pflegt Wim keine euphorischen Beziehungen: Das Verhältnis zu den Eltern ist nicht schlecht, aber auch alles andere als herzlich, die Kommunikation verläuft vornehmlich schriftlich und ist weitestgehend geprägt von Ironie.

– „Lass uns doch heute mal so einen Tag machen, an dem wir alles so meinen, wie wir es sagen.“
– „So einen Tag haben wir aber noch nie gemacht“, sage ich.

Insgeheim empfinde ich das Übergeben als rebellische Geste, als eine Art Befreiung von Zwängen, mit denen ich leben und die ich ja alle selbst zu verantworten habe.

Als sich Carla, Wims Freundin, von ihm trennt und sein Freund Wesley überstürzt die Stadt verlässt, weil seine Mutter eine Katastrophe in Coby County prognostiziert, wackelt die emotionslose Fassade von Wim. Gleich zweimal bricht er ohne Vorwarnung in Tränen aus. Aber seine Trauer macht er mit sich selbst aus, in dem er Texte und Emails verfasst, die er nicht beabsichtigt, abzusenden.  Die prophezeite Katastrophe tritt gleich zweimal ein: erst entgleist die Hochbahn und gefährdet das Leben von über 100 Insassen, am Ende zieht eine Sturmfront auf, die – so befürchten alle – die Stadt zerstören wird. In beiden Fällen passiert jedoch nichts: die Hochbahn kann mithilfe von Helikoptern evakuiert werden, der Sturm zieht an Coby County vorbei, sodass es noch nicht mal zu regnen beginnt. Und auch die persönliche Krise von Wim, die Trennung von Carla, ist so schnell überwunden, wie sie über den Ich-Erzähler hineingebrochen ist: er trifft eine andere Carla, CarlaZwei, die seine Freundin wird.

In der Darstellung einer Lebenswelt, die sich durch Wohlstand und Konfliktlosigkeit auszeichnet, schreibt Leif Randt wie Lena Bopp in der FAZ erstmals richtig bemerkte, mit „Schimmernder Dunst über Coby County“ in gewisser Weise Christian Krachts „Faserland“ weiter: Während sich in Faserland die Figuren von ihrer Wirklichkeit abwenden und sich davon zu lösen versuchen, unternimmt Wim diesen Versuch nicht. Er ist zwar zwischenzeitlich unglücklich, aber das hat keineswegs etwas mit der Gesellschaft zutun, in der er lebt. Wim ist so sehr abgestumpft, das ein bloßes Aufbegehren gegen den Perfektionismus der artifiziellen, von dem Drogeriekonzern geprägten Welt außerhalb des Vorstellbaren liegt.
Die Neutralität, die Wim auszeichnet, spiegelt sich auch im nüchternen Ton des Romans nieder. „Schimmernder Dunst über Coby County“ entspricht stilistisch seinem gleichnamigen Äquivalent im Text: dem „Dokumentarfilm“, der das „leichte Leben“ in der Stadt abbildet und eben dokumentiert.

Leif Randts zweiter Roman ist wie sein dritter Roman Planet Magnon in gewisser Weise ein dystopischer Sci-Fi Text, da eine so ‚perfekte‘ Welt ohne jegliche Konflikte aus heutiger Sicht unrealistisch wirkt. Im Gegensatz zu „Planet Magnon“ passiert in „Schimmernder Dunst über Coby County“ vergleichsweise wenig auf der Handlungsebene, geschweige denn etwas spannendes oder dramatisches, der Roman lebt viel mehr von seinem subtilen Portrait einer Figur, an der sich die Folgen einer künstlichen Lebenswelt zeigen. Auch fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung ist Leif Randts zweiter Roman eine absolute Leseempfehlung.

1 Kommentare

  1. Das klingt aber sehr spannend, ich werde Herrn Randt mal im Auge behalten, das könnte was für mich sein. Liebe Grüße :)

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