Eine Festung im Krieg: Franziska Greisings „Am Leben“

Greising_Am Leben

Ein Schloss in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen aus dem frühen 16. Jahrhundert, kleine Türme überragen die massive Anlage, die von Außen mit seinen Zinnen und dem Eingangstor wie eine Festung wirkt: das ist Château de la Hille. Während ‚La Hille‘ heute ein Bed&Breakfast-Hotel beherbergt, war das Anwesen zwischen 1941 und 1943 tatsächlich eine Festung unter Schweizer Leitung, die Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich mit jüdischer Herkunft Schutz bot. Knapp fünfhundert Seiten stark ist Franziska Greisings Roman „Am Leben“, der von eben jenem Chateau de la Hille, seinen Bewohnern und deren Geschichte während des Zweiten Weltkriegs erzählt.

Als im Mai 1940 die deutschen Truppen in Belgien einfallen, müssen auch die Kinder des Home Général-Bernheim in Brüssel fliehen. Das deutsch-jüdische Kinderheim bot jenen Obhut, deren Eltern sich bereits auf dem Weg ins Exil befanden, um von dort die Nachreise der Familie zu organisieren. Ihre Flucht führt die Kinder und ihre jüdischen Erzieher nach Südfrankreich, wo sie zunächst in einer verfallenden Ruine in Seyre, etwa 20km vor Toulouse, unterkommen, bevor sie im Mai 1941 das leerstehende Château La Hille beziehen konnten.

Laut des Verlags steht Rösli Näf, die später als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde, im Zentrum von „Am Leben“ – so wirbt zumindest der Klappentext. Die in Glan geborene Kinderkrankenschwester mit psychatrischer Ausbildung arbeitete zunächst für Albert Schweitzer in Afrika, bevor sie sich bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder, später die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes, zum Dienst meldete. Im Mai 1941 übernimmt sie die Leitung des Château de la Hille.
Auffällig ist, dass Greising den Vornamen der Frau in ihrem Roman ändert: Aus Rösli wird Rose, weil der Diminutiv des eigentlichen Namens der historischen Person der Autorin – so verrät der Epilog – nicht angemessen scheint.

Im Zentrum des Roman steht weniger die Person Näf, sondern viel mehr die Topographie, das Schloss La Hille. „Am Leben“ ist geprägt von architektonischen und topographischen Beschreibungen. Jeder Winkel wird auf der Suche nach geeigneten Verstecken für die Jugendlichen im Falle einer Razzia erkundet und beschrieben. Das Château ist das Ziel der Kinder und ihrer Betreuer auf deren Flucht vor den Deutschen und gleichzeitig selbst nur Transitraum, denn auch auf dem Schloss sind sie nicht vor den Nazis und der drohenden Deportation sicher.

Diese Kinder wandern alle in den Trümmern ihrer Kindheit, wenn sie schlafen.

Neben der Topographie von La Hille steht die Gemeinschaft der Kinder im Zentrum des Romans. Einige von ihnen werden in „Am Leben“ näher vorgestellt, vor allem die Jugendlichen lernt der Leser besser kennen. Die Schicksale von Inge, Ruth, Chaim und den anderen Bewohnern sind dramatisch, sie wurden von Eltern und Familie getrennt, viele haben Schreckliches miterlebt und alles verloren. Dass sie traumatisiert sind, äußert sich meist nachts in Form von Alpträumen und Panikattacken. Das Erlebte hat aus ihnen überlegte, reflektierte Erwachsene gemacht, die den Ernst der Lage einschätzen können. Trotzdem bleiben sie, das ist eine Stärke des Romans, normale Jugendliche, die alltägliche, pubertäre Sorgen haben: Liebeskummer, Eifersucht, Zukunftspläne und die modischsten Frisuren werden thematisiert, genau wie die neuesten Entwicklungen des Krieges, die die Bewohner aus dem englischen Radio erfahren. In dieser Hinsicht erinnert „Am Leben“ in gewisser Weise an das „Tagebuch der Anne Frank“, auch wenn das Schicksal der Kinder ein Anderes ist.

Erzählt wird nicht im subjektiven Ich-Modus, sondern aus personaler Perspektive, die immer wieder von Neuem die Fokussierung wechselt. So stehen – ähnlich eines Kameraschwenks – welchsende Figuren, mal ein jugendlicher Bewohner, mal Rose, mal aber auch der zuständige Leutnant im Zentrum der erzählten Episoden. Ein gewisser Grad an Unmittelbarkeit wird durch den fast durchgängigen Präsens-Tempus erzeugt. Hin und wieder schaltet sich auch ein allwissender Erzähler ein, der vor allem für den Leser die Ereignisse in La Hille in den historischen Kontext setzt:

Der 23. Februar 1943 verspricht ein sonniger, milder Tag zu werden. In München-Stadelheim wurden am Vortag die Geschwister Scholl mit dem Fallbeil ermordet. Sie hatten Flugblätter verteilt, die die Menschen über die Bluttaten im Osten aufklärten, hatten die Parole Nieder mit Hitler! und Freiheit! an die Hausmauern geklebt, sie hatten das Ende des Kriegs gefordert. In La Hille erfährt niemand davon.

Mit ihrem Roman folgt Greising einem klar auszumachenden Literaturtrend des letzten Jahrzehnts: Der literarischen Doku-Fiktion. Die Namen der Personen und der besuchten Orte bleiben größtenteils gleich, die Gedankenwelt der Figuren wird fiktionalisiert und poetisiert. Bekannte Beispiele für diese Vorgehensweise sind Kehlmanns „Vermessung der Welt“ über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt von 2005, es folgten „Imperium“ von Christian Kracht über den Aussteiger August Engelhardt, Hettches „Pfaueninsel“ oder Modicks „Konzert ohne Dichter“.

Franziska Greisings Roman ist poetologisch, literarisch und auch thematisch nicht gerade innovativ – erzähltechnisch gibt es hier keine besonderen Kniffe zu entdecken, auch experimentiert wird nicht wirklich viel. Zur Geschichte von La Hille und Rösli Näf gibt es bereits Literatur, wenn auch vor allem beschreibende Sachbücher. Aber: Die Lektüre ist über fünfhundert Seiten durchweg kurzweilig – für einen Text dieses Umfangs keine Selbstverständlichkeit. „Am Leben“ ist ein solider, leicht lesbarer Roman, der es schafft, über die Fluchtgeschichten im zweiten Romanteil Spannung zu erzeugen.


Wir danken dem Zytglogge Verlag für das Rezensionsexemplar.

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