Ela Angerers „Und die Nacht prahlt mit Kometen“: Literatur auf Krücken

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Die Wiener Schriftstellerin Ela Angerer hatte mit ihrem Debütroman „Als ich 21 war“ für Aufsehen gesorgt: eine frische, unverbrauchte Stimme schrieb über das Heranwachsen im Schatten der Eltern, im Wohlstandsmilieu, als junge Frau. Das Feuilleton war damals fast durchgehend begeistert. Der Erfolg hat Angerer in den Aufbau Verlag gespült, bei dem nun ihr zweiter Roman „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ erschienen ist. Die Themen sind dieselben geblieben, mit einem entscheidenden Unterschied: dieser zweite Roman wird nicht als autobiographisch beworben. Die große Frage ist nun also: schafft Angerer den Sprung aus dem eigenen Leben? Sie schafft es nicht. Dieser Roman ist eine Katastrophe, bei der man sich fragen muss, wie der Text durch die Qualitätskontrolle eines großen, angesehenen Hauses gelangt ist. Ein literarischer Fahrversuch außerhalb der autobiographischen Komfortzone, der mit 200 km/h vor die Wand gefahren wurde. Ein Schadensbericht.

In ihrer Plotstrukur und der Figurenkonstellation entscheidet sich Angerer für den simpelsten Baukasten. Valerie ist Tochter einer wohlhabenden Familie, die ein spießiges Leben im Wiener Bezirk Döbling führt. Sie selbst schaut auf eine abgebrochene Schulgeschichte zurück, was in ihrer Familie eigentlich nicht vorkommt: „Einfach so ins Blaue hineingehen. In ihrer Familie gab es das nicht; in ihrer Familie ging man auf etwas zu.“ Vor allem da ihre Cousine das genaue Gegenteil darstellt: „Ihre Cousine, die nur drei Straßen weiter wohnte und die sie manchmal besuchte, studiere unablässig; Altgriechisch, Völkerkunde. Aber sie: eine Leerstelle, ein einziger blinder Fleck.“ Ihr Dasein als blinder Fleck führt bei Valerie zu Spannungen mit den Eltern, was sie aus dem elterlichen Haus flüchten lässt. So irrlichtert sie durch Wien, bis sie eines Tages Bojan kennenlernt, einen Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Vielleicht, so dachte sie, konnte sie den Sturm über den Wellen so noch zum Erliegen bringen.

Angerers Roman ist auf zwei Zeitebenen erzählt, in der einen befindet sich der Leser Mitte der achtziger Jahre, was die Verweise auf das Reaktorunglück in Tschernobyl deutlich machen. In dieser Zeitebene ist Valerie nur Vie. Die andere Handlungsebene spielt in der Gegenwart. Das Kennenlernen von Bojan ist die Initialzündung für eine Befreiungs- wie Unterwerfungsgeschichte. Denn zunächst verspricht der Mann aus Jugoslawien Abenteuer, seine stürmische Art, die im späteren Verlauf zu schlimmen Konflikten führen soll, ist hier noch aufregend. Angerer scheut sich nicht davor, für den nötigen Effekt, tief in die Ethno-Kitschkiste zu greifen: „Sie hörte ihn von seiner Heimatstadt in Jugoslawien erzählen: vom großen Don, der in alten Zeiten über allem stand; von ungezähmten Wölfen mit schwarz glänzendem Fell; von verschlossenen Türen, hinter denen das Herz auf Befreiung wartet.“ Jaja, der Jugo ist ein Wolf.

Gestern war sie zweiundzwanzig Jahre alt geworden. Seit sie Bojan kannte, kam ihr jede Zeiteinheit wie eine Ewigkeit vor.

Das Wölfische in Bojan zeigt jedoch, je länger die Beziehung der beiden andauert, immer stärker seine hässliche Fratze. Zunächst engt er sie nur ein, zeigt sich misstrauisch. Der erste große Konflikt entzündet sich um die Frage des Kinderkriegens: „Ihr Österreicherinnen nehmt die Pille. Weil ihr herumschlafen wollt! Für jeden Mann macht ihr die Beine breit.“ Dass sie dann schließlich doch schwanger wird, löst jedoch nichts. Bojan entwickelt eine Hypereifersucht, bei der schon mal das Seifenwasser verdächtig wird: „‘Du weißt genau, wovon ich spreche. Wenn du mich fragst, hast du dir damit gerade deine Muschi gewaschen, nachdem du hier mit irgendjemanden herumgevögelt hast.‘“ Die Eifersucht hält Bojan natürlich nicht davon ab, sich selbst mit anderen Frauen herumzutreiben und als er schließlich immer handgreiflicher wird, kommt es irgendwann zum Bruch.

Bojan hatte noch nie gearbeitet.
Bojan machte Geschäfte.

Wer einen Bachelor in Küchenpsychologie gemacht hat, wird mit „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ seine helle Freude haben. Bojan ist nicht einfach nur gewalttätig, weil er in Jugoslawien unter Wölfen aufgewachsen ist, sondern natürlich, weil er selbst Gewalterfahrungen gemacht hat: „‘Meine Mutter hat mich manchmal im Schlaf zwischen den Beinen gestreichelt. Sie dachte wahrscheinlich, ich merke es nicht.‘“ Als auf der Zeitebene der Gegenwart dann auch noch die Silvestervorkommnisse am Kölner Hauptbahnhof aufgerufen, ohne näher reflektiert zu werden, überspannt Angerer den Rahmen und muss sich fragen lassen, was hier eigentlich thematisiert werden soll: Männliche Gewalt? Männliche Gewalt durch Migranten? Und wenn ja, wieso nur durch Migranten? „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ funktioniert wie eine Bild-Titelseite, nur weniger unterhaltsam: Ein Sammelsurium aus Klischees und Vorurteilen, mit der psychologischen Raffinesse einer ARD-Vorabendserie.

„Lass uns zu dir gehen und Platten von Depeche Mode hören.“

Wieder in der Gegenwart angekommen, hat Valerie mittlerweile den Kontakt zu Tochter Bea verloren, womit sie eine gute Familientradition fortführt. Den Alltag bestreitet sie damit, Serien zu gucken, denn das ist etwas, was man in der Gegenwart tut. Mit Bojan verbindet sie trotz längerer Trennung immer noch ein Band der Sehnsucht, welches sie immer wieder zu seinem Atelier führt. Eines Abends erkennt sie eine Gestalt: „Er sah kurz auf. Doch er erkannte sie nicht. Was vielleicht an ihrem roten Lippenstift lag, vielleicht auch an allem anderen. Sie musste lächeln. Auf einmal fühlte sie sich ganz frei.“ Es ist natürlich der inzwischen ziemlich runtergerockte Bojan. An Krücken geht er mittlerweile. Es sind jene Krücken, an denen auch dieser Roman geht.


Wir danken dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

4 Kommentare

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