Elias Canetti: „Ich erwarte von Ihnen viel“ – Briefe 1932-1994: „I whish I had a god whom I could thank for this.“

Elias Canetti war eine historische Anomalie. Als einer der wenigen überlebte er als jemand die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der im Wien der Vor- und Zwischenkriegszeiten mit Persönlichkeiten wie Karl Kraus oder Hermann Broch verkehrte und lebte noch lange genug, um den Wiederaufbau des Westens und schließlich den Fall des Eisernen Vorhangs zu erleben. Canetti war eine Brückengestalt, der wie ein Phantom einer verlorengegangenen Kultur weiterlebte. Canetti hätte mit seiner Möglichkeit, vom Davor zu künden, eine der zentrale Gestalten der Nachkriegszeiten werden können, ein Elder Statesman unter den Literaten. Stattdessen zwang ihn das Leben und er selbst sich in die Isolation. Wie er jeder Öffentlichkeit aus dem Weg ging, davon kündet nun ein neuer Briefband, der – von Sven Hanuschek und Kristian Wachinger herausgegeben – jüngst im Hanser Verlag erschienen ist.

An Selbstauskünften ist das Werk Elias Canettis eigentlich nicht arm. Es gibt die drei autobiographischen Romane, genauso wie die Aufzeichnungsbände. Doch diese sind schließlich durch die lenkenden Hände des Schriftstellers selbst gelaufen. Mit dem neuen Band, der Briefe aus rund sechzig Jahren versammelt, eröffnet sich noch mal ein neuer Blick auf ein Leben, das gleichzeitig spektakulär wie unscheinbar verlief.

An Elias Canettis Laufbahn war vieles seltsam und sie fing seltsam an: „Das Buch beginnt damit, dass ein junger Autor mit dem Manuskript seines Erstlingsromans schüchtern an die Tür des Nobelpreisträgers von 1929 klopft – und von Thomas Mann freundlich abgewimmelt wird.“ Canettis erster Roman ist gleich der, für den er – zu seinem Widerwillen – immer am berühmtesten bleiben wird: „Die Blendung“. Doch die Anekdote mit Thomas Mann verrät, dass der Weg zu diesem Ruhm ein langer Weg war. Erst abgelehnt, dann gefeiert, dann wieder in Vergessenheit geraten, um schließlich zu einem Klassiker zu werden. Canetti sollte stets mit seiner Rezeption hadern, denn als sein Hauptwerk sah er nicht „Die Blendung“ an, sondern seine quasisoziologische Studie „Masse und Macht“.

Ich möchte Ihnen, hochverehrter Herr Thomas Mann, nicht des näheren schildern, mit welcher Verzweiflung mich damals Ihre Absage erfüllte.

Dass „Masse und Macht“ nie die Aufmerksamkeit bekam, die Canetti dem Werk wünschte, liegt auch an der seltsamen Disposition dieses Buches, die der Autor in einem Brief wie folgt beschreibt: „Das Buch ist vollkommen unabhängig von den psychologischen Moden der Zeit entstanden. Ich habe jeden Gegenstand neu ins Auge gefasst, als hätte noch niemand darüber nachgedacht.“ Canetti meinte mit diesem Werk das Pferd noch mal komplett neuaufzäumen zu können und ignorierte akademische Gepflogenheiten, genauso wie die Forschung, die das Phänomen der Masse ins Visier nahm. Das machte „Masse und Macht“ so originell wie unmöglich, denn wer sollte an eine Beschreibung anschließen, die den Anspruch formulierte, gerade an nichts und niemanden anzuschließen?

Ich hätte bei einer Totenfeier für Musil sprechen sollen, habe aber aus unzähligen Gründen, von denen Sie die meisten erraten werden, abgelehnt.

„Masse und Macht“ ist nicht nur eine Episode in Canettis Leben, sondern wird zum Sinnbild seiner Lebensführung und Werkpolitik. Denn an dem Buch, das von nahezu aller Welt weitgehend ignoriert wurde, hat ein Drittel seiner schreibenden Lebenszeit eingenommen und steht in der deutschsprachigen Literaturgeschichte so vereinzelt da wie Canetti selbst. Dieser Misserfolg mag nicht der bestimmende Grund für die Zurückgezogenheit des Autors gewesen sein, aber das müde Gähnen der Rezeption war eine narzisstische Kränkung, über die er nie so richtig hinwegkommen sollte.

Ich habe mich bei dem blasphemischen Wunsch ertappt, in hundert Jahren ein Hanser Klassiker zu werden.

Der Briefband erzählt in seiner ganzen Fülle vor allem wie sich diese Isolation immer weiter vertiefte. Canetti wurde nie, trotz Nobelpreises, zur öffentlichen Figur. Stattdessen hörte er bis ins hohe Alter nie auf zu schreiben und musste immer wieder persönliche Schicksalsschläge verkraften, die Thema vieler Briefe sind. Denn Canetti hatte nicht nur das Glück, den Zweiten Weltkrieg in London zu überleben, er hatte auch das Unglück zwei Ehefrauen überleben: 1963 starb seine erste Frau Veza, 1988 seine zweite Hera. Canetti rappelte sich nach beiden Verlusten immer wieder auf und wer diesen Briefband als die Geschichte eines Mannes lesen möchte, wird darin jemanden erkennen, der ganz ohne Sendungsbewusstsein vieles opferte, um seine Familie zusammenzuhalten.

Es scheint mein Schicksal zu sein, ein „Außenseiter“ der deutschen Literatur zu bleiben.

Nachdem er bis in die Siebziger nahezu ausschließlich in London lebte, zog er dann  seiner Ehefrau Hera Buschor zuliebe nach Zürich. Diese war zeitlebens krank, litt immer wieder an schlimmen Depressionen und starb schließlich an Krebs. Das große Glück Canettis war die Tochter Johanna, die aus der Beziehung entstand, gleichzeitig zwang diese Konstellation Canetti zu einer doppelten Verrenkung. Denn die Krankheit sollte nicht nur vor der Tochter geheim gehalten werden, sondern auch vor der Öffentlichkeit, weswegen der Autor irgendwann damit begann, sich zu verleugnen, um nicht die Krankheit seiner Frau zu einem öffentlichen Thema zu machen: „Ich möchte aber, dass Sie die Wahrheit wissen: ich selbst bin nicht krank, es geht bei all diesen Absagen nicht um mich, sondern um Hera.“ Der Mann, der die Aufmerksamkeit eh scheute, musste sich immer weiter aus ihr herausziehen, weil seine Ehefrau kaum noch alleine gelassen werden konnte.

Ich habe mir damit den Nobelpreis verdient, sei es den für Literatur oder den für Frieden, natürlich werde ich ihn nicht bekommen.

Dazu kam seine Abneigung Interviews zu geben oder sich anderweitig öffentlich (außerhalb seiner Werke) zu äußern. So wurden über die Jahre eine Reihe bedeutender Publizisten wie Reich-Ranicki oder Schirrmacher bei ihm vorstellig – er ließ sie alle abblitzen. Dass er trotzdem immer eine Publikationsbasis behielt, lag nicht nur an seiner Stellung innerhalb der deutschsprachigen Literatur, sondern auch daran, dass er mit Hanser einen Verlag an seiner Seite hatte, der ihm alles möglich machte. Diese Geschichte, das macht dieser Briefband deutlich, ist aber durchaus keine ohne Zähneknirschen. Der damals junge Verleger Michael Krüger setzte sich gleich zu Anfang ihrer Beziehung in die Nesseln, als er Canetti ein ungelesenes Manuskript ans Herz legte, was den Autor zu folgenden Urteil hinreißen ließ: „Auf Krüger kann man überhaupt nichts geben, wie wenig, möchte ich Ihnen doch noch sagen.“ Später sollte sich das das Verhältnis jedoch entkrampfen.

I feel I am getting too pleased with the life I lead in England and that is why I need a good dosis of Germany.

Da Canetti immer der Außenseiter bleiben sollte, als den ihn Reich-Ranicki beschrieb, wird der Briefband jeden enttäuschen, der sich den Blick durchs Schlüsselloch erwartet. Canetti erscheint durch seine Briefe als ein sehr besonnener Mensch, der sich nicht leichtfertig zu Lästereien hinreißen lässt. Umso vernichtender erscheinen die Urteile, die er dann doch ab und an über Kollegen fällt: „Enzensberger ist zwar gescheit, aber er hat sich schon oft geirrt.“, „Über den Reich-Ranicki lohnt es kaum, ein Wort zu verlieren.“, „Peter Weiss is a much overrated man.“ oder aber wenn er über Hilde Spiel sagt: „Sie ist noch viel dümmer, als ich immer annahm.“ Wer ihm jedoch in besonderer Weise die Zornesröte ins Gesicht trieb, war Thomas Bernhard, dem er zu Anfang dessen Karriere freundlich verbunden war, doch sich dann (seltenerweise) öffentlich mit ihm stritt: „Über Bernhard sind wir sicher eine Meinung. Ich kann ihn nicht leiden. Er selbst ist für mich der genaueste Ausdruck dessen, was er in Österreich am meisten angreift. Ich halte ihn für gewissenlos und für einen grundschlechten Menschen.“

Die Vorstellung, dass plötzlich irgendwelche Frauenbeine auf dem Umschlag erscheinen, ist einfach zu quälend.

„Ich erwarte von Ihnen viel“ ist vielleicht ein so ungewöhnlicher Briefband wie Canetti ein ungewöhnlicher Autor war. Weder finden sich darin viele poetologische Selbstaussagen, noch eröffnet er den Blick auf den Literaturbetrieb. Stattdessen erzählt er die Geschichte eines Mannes, der sich in die absolute Vereinzelung hineinlebte, obwohl sein Ruhm sich von Jahr zu Jahr mehrte. Zum Ende seines Lebens wird der Kreis seiner Briefpartner kleiner, die Frequenz der Briefe seltener. „Meine Abneigung davor, Briefe zu schreiben, ist zweifellos krankhaft und ich habe keine Entschuldigung dafür, es gibt keine.“ heißt es an einer Stelle. Für die Nachwelt ist es ein großes Glück, dass sich Canetti doch zum Briefeschreiben aufrappeln konnte, denn der Leser kann darüber ganz unkitschig und doch berührend erfahren, wie schwierig es ist, ein Weltwerk und das Private auszubalancieren.


Wir danken Hanser für das Rezensionsexemplar.